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Wie man Kindern Journalismus lehrt

Edith Hollenstein

Medienkompetenz soll «höchste medienpolitische Priorität» erhalten, forderte Pietro Supino Anfang Jahr. Damit hat der Verlegerpräsident Recht, aber nur teilweise. Denn «höchste medienpolitische Priorität» haben derzeit gewiss aktuelle und fundamentalere Themen wie «No Billag», die Rolle der SDA, die künftige SRG oder das neue Mediengesetz – also Pfeiler der Informationsgrundversorgung. Darüber hinaus macht es sich Supino zu einfach, wenn er von Medienschaffenden fordert, neben ihren in den letzten Jahren umfangreicher gewordenen Aufgaben auch noch in Schulstuben das richtige Zitieren oder die Zwei-Quellen-Regel zu dozieren.

Um zu sehen, wie es auch gehen könnte, hilft ein Blick nach Österreich. Dort hat die «Kleine Zeitung», eine Regionalzeitung aus Graz, vor elf Jahren die «Kleine Kinderzeitung» ins Leben gerufen. Ursprünglich mit der Absicht, mehr Abonnemente für die reguläre «Kleine Zeitung» verkaufen zu können. Das Projekt entwickelte sich zum Selbstläufer. Neben der wöchentlichen Ausgabe, die heute in einer Auflage von 20'000 Exemplaren erscheint, druckte der Verlag bald Sonderausgaben zur EU oder die Wahlen in Frankreich 2017 (persoenlich.com berichtete).

Journalisten müssen nicht als Lehrer in die Schulstuben, wie es Supino vorschlägt. Viel geschickter wäre es, einigen besonders Engagierten ein Projekt zu übergeben, bei dem sie analog dem Vorbild aus Österreich ein Blatt für Kinder machen. Gedruckt, mit hohem redaktionellem Anspruch, mit Aktualität – möglichst wertfrei, sachlich und verpackt in einer gut lesbaren Geschichte. Nur schon in Zürich gibt es genug Menschen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren, so dass sich das sogar kommerziell rechnen könnte.

Wenn bei der Swisscom 800'000 Kundenprofile gestohlen werden oder bei der Post Subventionen versickern, fragen sich doch auch Kinder: «Was machen die Betrüger mit den Daten?» Oder: «Warum soll die Post Geld zurückzahlen?» Solche grossen Fragen klar verständlich und sachlich korrekt zu erklären, ist kein Kinderspiel. Aber genau solche politischen oder wirtschaftlichen Aktualitäten in einfacher Sprache korrekt zu vermitteln, muss der Anspruch sein.

Dabei ist dieser Ansatz effektiv. Denn Kinder können so nicht nur lernen, dass die Qualität von Informationen wichtig ist, sondern auch, dass man gute Informationen braucht, um eine eigene Meinung zu bilden. Mit einer eigenen Meinung kann man mitreden – und letztlich mitbestimmen, wie die Menschen im Land zusammenleben. Oder erwachsensprachlicher formuliert: Sie gelangen zur Erkenntnis, dass Journalismus ein elementarer Grundpfeiler der Demokratie ist.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass Leute, die in ihrer Kindheit bereits gewusst haben, warum gewisse Postautostrecken subventioniert sind oder wer die deutsche Kanzlerin ist, als Erwachsene besonders routiniert mit Medien umgehen und sich eigenständig die für sich relevanten Beiträge aus der täglichen Newsflut heraussuchen.

Wenn er sich also tatsächlich um die Medienkompetenz sorgt in diesem Land, ist es sicher gut, wenn der Verlegerpräsident Allianzen sucht mit Lehrmittelverlagen oder Pädagogischen Hochschulen. Und eben auch ein eigenes Projekt wäre ein Ansatz: Ein entsprechendes Budget und die richtigen Leute würden genügen.

 

 

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Kommentare

  • Ueli Custer, 22.02.2018 10:03 Uhr
    Eine solche Kinderzeitung gut zu kopieren müsste eigentlich ein Steilpass für den Verlag Tamedia sein, der im Schweizer Tageszeitungsmarkt ja absolut dominierend ist. Dies als eine sinnvolle Ergänzung zum Projekt "Lesen macht gross" des Verbandes Schweizer Medien, der seinen seinen Mitgliedern seit bald 20 Jahren zwei Lehrmittel unter dem Begriff "Lesen macht gross" anbietet. Vor allem der Tages-Anzeiger nutzt dieses Instrument sehr aktiv. Ob der oberste Chef des Verbandes und von Tamedia darüber informiert ist, was sein Verband und sein Verlag da seit zwei Jahrzehnten sehr erfolgreich anbieten?

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