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Blatten VS: Wird im SRF-Newsroom eigentlich auch geführt?

Es war ein Jahrhundertereignis, einige sprechen sogar von einem Jahrtausendereignis. Auf jeden Fall hatte es sich lange angekündigt. Am Mittwochnachmittag ist im Wallis der Berg ob Blatten abgebrochen. Trotz der langen Vorlaufzeit war die Leistung von SRF bescheiden.

Wahrscheinlich könnte auch die Welt untergehen, ohne dass SRF eine Sondersendung zu programmieren in der Lage wäre. Auch am Mittwochabend gab es keine.

Das Desaster begann mit Schweiz aktuell um 19 Uhr. Eine Sechs-Minuten-Schalte in den Raum, wo die Medienkonferenz extra aufgehalten wird, damit der Sprecher des Führungsstabes sagen kann, es sei jetzt das Worst-Case-Szenario eingetroffen. Als es spannend geworden wäre, nämlich bei der Frage, wie man die Lonza möglichst schnell wieder freibekommen möchte, die schon zu diesem Zeitpunkt durch das Geröll gestaut wird: Keinerlei Nachfrage, was man dafür vorgekehrt habe. Obwohl der Mann vom Führungsstab andeutet, man habe sich darüber Gedanken gemacht. Dafür etwas Gefühlsdusselei, wie es denn ihm selbst jetzt gehe nach einem so langem Einsatz. Am Ende wird wieder einmal die Journalistenkollegin interviewt, die es schwierig findet, Worte zu finden.

Genau das, liebes SRF, ist aber Euer Auftrag. Worte zu finden. Und Bilder.

Immerhin, letzteres ist wenigstens in einem Punkt gelungen. Eine freischaffende Produktionsfirma war mit einem Drohnenpilot per Zufall exakt während des Bergabsturzes auf dem gegenüberliegenden Berg am Filmen. Von ihm stammen die eindrücklichen Bilder, die zeigen, wie der Berg abgeht und dann eine Staubwolke immer näher rückt, die Drohne rückwärts fliegt, bis die Aufnahmen in der Staubwolke enden. Es sind die Bilder, die unterdessen buchstäblich um die Welt gegangen sind.

Auf ein Vorher-Nachher-Bild, das die Zerstörung des Walliser Dorfes illustrieren würde, wartet man bei SRF am Mittwoch aber vergebens, obwohl dies längst zum Standard bei solchen Ereignissen gehört. Fündig wird man erst bei den Kollegen von 20 Minuten – und auf Twitter. Wie viele Häuser verschüttet wurden, erfährt man ebenfalls nicht. Dabei hätte eine Volontärin einfach nur Häuser auf Google Maps zählen und mit den neuen Aufnahmen vergleichen müssen.

Als die Medienkonferenz dann beginnt und es spannend würde, schaltet «Schweiz aktuell» zurück ins Studio. Haja, schliesslich warten andere, wichtigere Themen. Wie der FC Biel, der es in den Cupfinal geschafft hat, oder das Portrait eines Priesters, der sich gegen das Pfarramt und für eine Familie entschieden hat.

Aber SRF hat für solche Fälle ja zwei weitere Kanäle. Vielleicht wird die Medienkonferenz ja auf SRF info übertragen? Auch da: Fehlanzeige. SRF info zeigt die zweite Runde im Frauentennis aus Paris. Und SRF zwei sendet von der Turn-Europameisterschaft in Leipzig. Die Live-Übertragung finde ich schliesslich auf Canal 9. Dem Walliser Regional-TV. Alle Achtung!

Noch schlechter wird es in der «Tagesschau». Zugegeben: Die Medienkonferenz zusammenzufassen, ist eine Herausforderung, denn die ist erst um 19.30 Uhr zu Ende gegangen. Dass dann in einer ersten Zusammenfassung die gleichen Ausschnitte gesendet werden wie in einem zweiten Beitrag einige Minuten später noch einmal, zeugt gleichwohl von fehlender Absprache.

Dazwischen wird schon wieder die eigene Korrespondentin interviewt, die nichts Neues zu sagen hat. Im nächsten Beitrag immerhin ein junger Hotelmitarbeiter, der erzählt, wie er im Nachbardorf den Bergsturz miterlebt hat. Dann Neo-Bundesrat Martin Pfister, dem man erst im letzten Drittel des Interviews zu verstehen gibt, er müsse das Mikrophon tiefer halten, weil man seinen Mund nicht sehen kann, was es für Gehörbehinderte schwierig macht zu folgen – die Lippen zu sehen, ist für sie wichtig. Informationsgehalt des Pfister-Interviews: Minim. Moderator Rauchenstein verpasst es, nachzufragen, mit welcher Kraft die Militärhilfe denn wie rasch welche Unterstützung bringen könnte. Reden wir von einer Kompanie oder einer Brigade? Fazit: Viel Blabla, wenig Facts.

Um 21 Uhr die «Rundschau»: Der Bergsturz als grosses Thema? Fehlanzeige. Die «Rundschau» ist wohl am Mittwochmittag bereits im verlängerten Auffahrtswochenende. Das Wallis ist schon Thema, aber lediglich im Rahmen eines Portraits über den neuen Mitte-Präsidenten, den Walliser Nationalrat Philipp Matthias Bregy. Wie zynisch muss das auf die betroffenen Walliser wirken, wenn Bregy in dem Beitrag zu Marschmusikklängen festlich durch Belalp marschiert?

Schliesslich Hoffnungsträger «10 vor 10». Bei Sendebeginn sind nun immerhin sechseinhalb Stunden vergangen seit dem Bergsturz. Genug Zeit eigentlich, um das nachzuliefern, was SRF bislang verpasst hatte. Moderator Honegger verspricht mit betroffenheitsschwangerer Stimme Antworten auf die Fragen, was da alles ins Tal gestürzt sei, wie gross die Schäden seien und ob das Dorf je wieder bewohnbar werde. 

Nach zehn Minuten «Fokus» steht fest: Keine der Fragen ist beantwortet, auch «10 vor 10» leistet nicht mehr als Dienst nach Vorschrift: Eine Zusammenfassung der Medienkonferenz von 19 Uhr, davor und danach eine Live-Schalte zur eigenen Korrespondentin. Die Ärmste scheint völlig auf sich alleine gestellt zu sein und keinerlei journalistische Unterstützung aus Zürich erhalten zu haben.

Einmal mehr interviewt also ein Moderator die eigene Journalistin, die dann immerhin noch Ständerat Beat Rieder bei sich hat. Aber es bleiben Informationen aus zweiter Hand. Man redet nicht mit, sondern über Betroffene. Dazu «more of the same». 

Und nach wie vor gehen wichtige Fragen einfach unter: Ist mit dem heutigen Absturz jetzt alles heruntergekommen, oder könnten gar noch weitere Bergstürze folgen? Welche konkreten Pläne hat man, um die gestaute Lonza wieder freizubekommen? Welche Risiken drohen durch die Stauung – zum Beispiel für die nächstgelegenen Dörfer? Über wie viele Kräfte verfügt die Armee, um zu helfen? Wurden diese bereits in Bereitschaft versetzt? Was sagen die betroffenen Menschen, die alles verloren haben? Wie kann es sein, dass eine Person vermisst wird, wenn doch vor schon zehn Tagen alles evakuiert und das Gebiet gesperrt worden war? Und wie erklärt der Geologe den Vorgang?

Überall: Fehlanzeige. 

Das gilt auch für die Bilder: Illustrationen oder Grafiken, welche den Bergsturz illustrieren würden? Die zehn Tage seit der Evakuierung haben offenbar nicht ausgereicht, um etwas vorzubereiten. Der Sprecher des Führungsstabes spricht von drei Millionen Kubikmeter Gestein – worunter sich niemand wirklich etwas vorstellen kann. Jeder Journalistenschüler lernt in der ersten Woche, dass man solche Zahlen mit Vergleichen zu illustrieren hat. Zum Beispiel, indem man anhand des Matterhorns zeigen würde, welcher Teil abbrechen müsste, um auf drei Millionen Kubikmeter Gestein zu kommen.

Alles in allem muss man konstatieren: Die SRF-Berichterstattung bewegt sich beim Thema Blatten auf dem Niveau von Regionalfernsehen. Ich hatte zu meiner Zeit als Chefredaktor von Tele Ostschweiz ein tägliches Budget von 15'000 Franken. Das tägliche Budget der SRG beträgt 4'100'000 Franken. Dafür sollte man schon einen Unterschied sehen.



Patrick Senn ist Kommunikationstrainer. Er war Anfang der 2000er-Jahre Chefredaktor von Tele Ostschweiz, davor war er bei Radio DRS tätig.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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KOMMENTARE

Markus Beyeler
06.06.2025 14:33 Uhr
Lieber Herr Senn, ich als Durchschnittskonsument war sehr beeindruckt von der Berichterstattung des SRF zum Thema Felssturz. Mir scheint, Sie hacken gerne im Interesse der Initianten der Halbierungsinitiative auf dem SRF herum. Ganz auf der Linie der rechtsbürgerlichen Politiker unsers Landes: mit weniger Mittel mehr liefern.
Victor Brunner
02.06.2025 15:50 Uhr
Oliver Senn: "Dass man selbst beim SRF nicht auf Abruf X Journalistinnen und Journalisten im Wallis bereit halten kann für den Moment, in dem der Abbruch kommen wird, müsste ihnen als ehemaligem Chefredaktor mit Planungsveranwortung sehr wohl klar sein". Der Abbruch war lange vorsehbar, Personaleinsätze planbar. SRF hat es einmal mehr verpennt!
Oliver Fischer
02.06.2025 13:30 Uhr
Sorry Herr Senn, aber was Sie hier leisten ist nur eines: Billigstes SRF-Bashing auf einem Niveau, das einem scheinbar erfahrenen Journalisten sehr schlecht zu Gesichte steht. Dass man selbst beim SRF nicht auf Abruf X Journalistinnen und Journalisten im Wallis bereit halten kann für den Moment, in dem der Abbruch kommen wird, müsste ihnen als ehemaligem Chefredaktor mit Planungsveranwortung sehr wohl klar sein. Oder hatten Sie einen Zeitplan des Gletschers, der klar zeigte, wann genau der Abbruch passieren würde, damit sie 10 Minuten vorher die Drohne in die Luft schicken können? Und dass jene Menschen, die alle diese Antworten liefern müssen, ihrer Meinung nach eigentlich im Moment der Geschehnisse oder zumindest innert weniger Minuten danach, zunächst mal die Lage beurteilen müssen - was auf Grund der Gefahrenlage ja bis heute immer wieder laufend gemacht werden muss - und nicht sofort die von Ihnen gewünschten, ja geforderten, Antworten seit 10 Tagen vorbereitet und auswendig gelernt hatten, ist eigentlich klar. Ausser Ihnen offenbar. Aber ich vermute, das ist Ihnen sehr wohl völlig klar. Sie fanden einfach die Gelegenheit auf SRF einzuprügeln gerade zu verlockend. Leider stellen Sie sich damit nur selbst bloss und niemanden sonst.
Victor Brunner
31.05.2025 09:14 Uhr
Bei SRF sind alle freundlich, die JournalistenInnen vor Ort, im Studio in den Newssendungen. Die Freundlichkeit, Bequemlichkeit, mangelndes Wissen und Interesse erlaubt es ihnen nicht wichtige und kritische Fragen aufzubereiten, zu stellen. Besonders nicht bei PolitikerInnen. Dafür wie bei der Rundschau Interview oder Sprechsequenzen im Gehen um etwas Dramatik und Aktualität zu generieren. Zu Blatten und dem Lötschental informiere ich mich bei ZDF. Das wesentliche vermittelt, Bilder und Karten besser aufbereitet, die richtigen Fragen am richtigen Ort gestellt! Was ZDF nicht zeigte wie BR KKS aus dem Helikopter stieg, SRF schon!
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