03.11.2022

Twitter-Verifizierung

Blauer Haken sorgt für rote Köpfe

Elon Musk ändert für das Verifizierungsabzeichen die Spielregeln. Neu kann der «blaue Haken» von allen käuflich erworben werden. Sind Schweizer Unternehmen und Persönlichkeiten bereit, dafür Geld zu investieren? Nicht alle, wie eine persoenlich.com-Umfrage zeigt.
Twitter-Verifizierung: Blauer Haken sorgt für rote Köpfe
Twitter verändert sich: Die begehrten weissen Häkchen auf einem blauen Verifikationsabzeichen sollen künftig kosten. (Bilder: zVg)
von Christian Beck

Der neue Twitter-Eigentümer Elon Musk sorgt bei den Social-Media-Abteilungen vieler Unternehmen für Diskussionen. Musk kündigte in der Nacht auf Mittwoch an, dass der sogenannte «blaue Haken» – eigentlich ein weisses Häkchen auf blauem Grund – künftig kosten soll. 8 Dollar im Monat sollen in den USA bezahlen, wer das Verifizierungsabzeichen will. Bisher sollte das Häkchen die Echtheit eines Twitter-Profils garantieren. Künftig sollen zahlende Kunden mit Vorteilen gelockt werden, wie halb so vielen Werbeeinblendungen oder der Möglichkeit, längere Videos zu posten (persoenlich.com berichtete).

In der Schweiz könnte das Abo noch teurer werden. Der Preis von monatlich acht Dollar soll an die Kaufkraft der einzelnen Länder angeglichen werden, hiess es. Unter den Twitter-Userinnen und -Usern sorgte dies am Mittwoch für teils hitzige Diskussionen. Bleibt die Frage: Sind Schweizer Unternehmen bereit, künftig für den «blauen Haken» zu bezahlen?

«Bislang ist bei uns noch keine Rechnung eingetroffen. Wir harren der Dinge», sagte Carmen Hefti, Sprecherin des Migros-Genossenschafts-Bundes, auf Anfrage von persoenlich.com. Prinzipiell tausche sich die Migros gerne mit der Twitter-Community aus und freue sich stets «über einen offenen und angeregten Dialog». Ob der Kontakt zu den 127'000 Followern künftig mit oder ohne Verifikationsabzeichen geschieht, liess Hefti offen.

Auch Coop ist auf Twitter verifiziert. Knapp 24'000 Personen folgen dem Account. «Wir haben die Ankündigung zur Kenntnis genommen und beurteilen mögliche Änderungen zu gegebener Zeit», so Mediensprecher Caspar Frey. Die sozialen Medien seien für Coop ein wichtiger Bestandteil des Kommunikationsmix. Frey: «Wir beobachten die Entwicklung sämtlicher Kanäle laufend und genau.»

Ob Swisscom (52'000 Follower auf dem deutschsprachigen Account) künftig für den blauen Button bezahlen will, werde aktuell geprüft. «Vertrauenswürdigkeit ist für uns ein zentraler Wert, und weitere Entwicklungen in diesem Bereich werden wir eng verfolgen», sagte Swisscom-Sprecherin Sabrina Hubacher auf Anfrage.

Die SBB hält ihr Statement kurz und bündig: «Die SBB wird die weiteren Entwicklungen bei Twitter beobachten», so Mediensprecherin Sabrina Schellenberg. Dem verifizierten Account @RailService folgen 78'000 Personen.

«Wären grundsätzlich bereit, zu bezahlen»

Die Blick-Gruppe ist auf Twitter beispielsweise mit den Accounts @Blickch (280'000 Follower) oder @Blick_Sport (18'000) präsent. Nach Elon Musks Post sei momentan noch vieles unklar, so Thomas Benkö, Teamleader Digital Blick.ch. Es heisse, ein Abonnement beim kostenpflichtigen Angebot «Twitter Blue» soll künftig Voraussetzung für das blaue Verifizierungszeichen sein. «Nur: ‹Twitter Blue gibt es aktuell noch gar nicht in der Schweiz. Als Blick-Gruppe wären wir grundsätzlich bereit, die 8 bis 20 Dollar im Monat zu bezahlen, von denen aktuell die Rede ist», so Benkö zu persoenlich.com. Vertrauen, Transparenz und Glaubwürdigkeit seien für die Blick-Gruppe von höchster Bedeutung. «Und wir glauben, dass die Twitter-Userinnen und -User auch zukünftig sicher sein wollen, wer hinter einem Account steckt.» Da momentan nicht einmal Elon Musk zu wissen scheine, wohin er mit Twitter wolle, warte die Blick-Gruppe ab. «Und beobachten», so Benkö.

CH Media hat auf Twitter verifizierte Accounts zum Beispiel mit der Aargauer Zeitung (knapp 12'000 Follower) oder der Luzerner Zeitung (8500). «Die Kostenpflicht ist eine unternehmerische Entscheidung von Twitter. Die Frage des blauen Hakens (und seiner Kostenpflicht) ist eine untergeordnete. Wichtiger als der Preis scheint uns die Frage, ob der Verifizierungsprozess zukünftig erschwert wird», sagte Stefan Heini, Leiter Unternehmenskommunikation. Elon Musks Übernahme ändere bis jetzt nichts am Umgang von CH Media mit Twitter: «Twitter ist und bleibt ein wichtiges Recherchetool und darüber hinaus eine Plattform, über die wir Artikel ausspielen», so Heini.

Beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) werde die Entwicklung aller Drittplattformen laufend geprüft. «Dazu gehört auch die aktuelle Situation bei Twitter seit den neuen Besitzverhältnissen», so Alexander Sautter, Leiter digitale Kanäle SRF. «Betreffend den Verifizierungshaken werden wir entscheiden, sobald wir mehr Informationen über die konkreten Auswirkungen der angekündigten Massnahme haben.» SRF hat derzeit mehrere verifizierte Accounts, wie beispielsweise @SRF (157'000 Follower), @srfnews (360'000) oder @srfsport (138'000).

Ebenfalls noch keine Entscheidungen gibt es bei Tamedia. Der Verlag ist mit den Zeitungen wie @tagesanzeiger (205'000 Follower), @BernerZeitung (17'000), @derbund (12'000) oder @sonntagszeitung (58'000) auf Twitter präsent. «Wir beobachten die Situation sehr genau», heisst es seitens Tamedia. Grundsätzlich seien die Präsenzen auf Twitter wichtig, um als Marke gegenüber anderen Medien, Politikerinnen, Journalisten und Meinungsmacherinnen in der Schweiz in Erscheinung zu treten.

«Keine 100 Franken für ein vermeintliches Statussymbol»

Die Symbole mit dem Häkchen kennzeichnen bis heute nicht nur die Echtheit von Unternehmen, sondern auch von Prominenten, Politikern oder Journalisten. Auch der Schweizer Medienexperte Konrad Weber ist auf Twitter aktiv. 13'000 Userinnen und User folgen ihm. «Eine der meistgehypten Twitter-Funktionen als Bezahlservice anzubieten, liegt eigentlich auf der Hand», so der Strategieberater und Coach zu persoenlich.com. Es habe bisher oft Kritik gegeben, dass der Verifikationsprozess sehr intransparent sei. «Persönlich würde ich aber keine 100 Franken oder sogar mehr pro Jahr für ein vermeintliches Statussymbol ausgeben. Wichtiger sind mir der hürdenlose Zugang, der chronologische Feed und die simplen Kernfunktionen wie das Retweeten und Favorisieren», sagte Weber. «Solange mir Elon diese nicht wegnimmt, bleibe ich der Plattform weiterhin treu.»

212'000 Followerinnen und Follower hat Viktor Giacobbo, auf Twitter laut Biografie als «Staatskomiker» unterwegs. «Um die Verifizierungshaken bei Twitter und Instagram ist schon lange ein Hype entstanden. Sie sind praktisch, wenn man sich – wie ich – schon einige Male über Fakeaccounts mit dem eigenen Namen geärgert hat. Aber entscheidend bei Twitter sind sie bei mir nicht», so Giacobbo. Wichtiger sei für ihn, wie sich die Kommunikationskultur halten beziehungsweise verändern werde. «Wenn Musk dafür 8 Dollar will, kann er mein Häkchen gerne auf seinen Tesla kleben.»

Einer, der bisher noch kein Verifizierungsabzeichen hatte, ist Patrick «Karpi» Karpiczenko. «Ich habe mich vor ein paar Jahren mal bemüht um einen Haken, wurde abgelehnt und habe es seither nicht mehr probiert», so der Comedian mit über 19'000 Fans auf seinem Haupt-Account. Doch das Abomodell könnte für Karpi infrage kommen. «Da ich praktisch auf Twitter lebe und die Plattform auch beruflich benutze, hätte ich kein Problem damit, dafür zu bezahlen. Nur für einen Haken würde ich natürlich kein Geld ausgeben, aber für andere angeteaste Funktionen – zum Beispiel den Upload von längeren Videos oder den Support von Content-Produzent:innen – zahle ich gerne.» Und es gäbe noch einen Grund, für den «blauen Haken» Geld auszugeben: «Auch zahl ich aus Mitleid mit Elon, er hat ja sonst nichts», so Karpi.



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