25.01.2018

Zeitversetztes Fernsehen

Replay-TV bleibt die Büchse der Pandora

Gutes Umfeld für Werbekunden oder attraktives Angebot für Zuschauer? Die Interessen im Bereich Replay-TV liegen weit auseinander: Die TV-Sender beklagen Werbeausfälle, die Verbreiter wehren sich gegen höhere Abgeltungen. Nun kommen neue Lösungsansätze auf den Tisch.
Zeitversetztes Fernsehen: Replay-TV bleibt die Büchse der Pandora
Von der Möglichkeit zur zeitversetzten Nutzung der Fernsehprogramme machen die TV-Haushalte rege Gebrauch. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)
von Christian Beck

Längst haben sich Fernsehkonsumenten daran gewöhnt: Sie schauen ihre Lieblingssendung, wann es gerade am besten passt. Dank Replay-TV können die Zuschauer bis zu sieben Tage zurückspulen – ohne etwas vorher aufzunehmen. Das zeitversetzte Fernsehen stört aber die TV-Sender. Sie monieren, dass ihnen dadurch Werbegelder in Millionenhöhe entgehen. Die Verbreiter sehen Replay-TV als Kundenbedürfnis. Die Situation zwischen den Akteuren ist verfahren, seit Jahren wird gestritten.

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Die Werbeverluste werden allein schon deshalb immer grösser, weil die zeitversetzte Nutzung stetig steigt – vor allem bei den Jungen. Wenn die 15- bis 29-Jährigen fernschauen, machen sie das laut dem Mediapulse-Fernsehpanel zu 27 Prozent zeitversetzt (persoenlich.com berichtete).

Jonas Bischoff, Videojournalist bei TeleZüri, hat sich für seine interdisziplinäre Masterarbeit in European Global Studies an der Universität Basel intensiv mit Replay-TV befasst. Dabei macht er einen interessanten Handlungsvorschlag. «Als fruchtbarer Ansatz erscheint dabei die Einführung eines neuen, zweiteiligen Replay-TV-Modells.» Dabei soll Replay-TV, auch Catch-up-TV genannt, einerseits wie heute werbefrei und mit unlimitierter Spulmöglichkeit angeboten werden. «Bei diesem Premiumangebot sollen die Sender für ihre Werbeausfälle von den Verbreitern mit einer direkten Abgabe … verursachergerecht entschädigt werden.» Diese Abgabe soll höher sein als heute. Zudem könnten die Verbreiter neu die Möglichkeit erhalten, Eigenproduktionen der Sender gänzlich ohne Werbung zu zeigen – gegebenenfalls auch länger als sieben Tage.

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«Andererseits soll ein preisgünstigeres Replay-TV-Angebot entstehen, das sich über sogenannte Pre-Roll-Werbung finanziert. Dabei würde das Programm bei zeitversetzter Nutzung in einem vordefinierten Intervall von Werbespots unterbrochen», schreibt Bischoff in seiner Masterarbeit, die persoenlich.com exklusiv vorliegt. Analog der Werbung auf vielen Videoportalen im Internet sollen die Spots nach einer gewissen Zeit überspringbar sein. Dank Targeted Advertising könnten auf den jeweiligen Zuschauer zugeschnittene Spots ausgespielt werden. «Die Werbeeinnahmen sollten die Werbeausfälle der Sender decken und könnten darüber hinaus eine neue Einnahmequelle für die Verbreiter bedeuten», so Bischoff.

«Ein spannender Ansatz»

Mit einem solchen Modell könnte das Problem sowohl für Sender und Verbreiter, als auch im Sinne der Zuschauer gelöst werden, ist sich der Student sicher. Wirklich? «Das ist tatsächlich ein spannender Ansatz. Vor allem die Idee, verschiedene Angebote in den Markt zu bringen nach dem Motto ‹weniger Werbung = teurer›», findet André Moesch, Präsident von Telesuisse, dem Verband der Schweizer Regionalfernsehen. Auf jeden Fall müsse aber das Ziel solcher Angebote bleiben, die Ertragsausfälle, die den Sendern aus dem Replay entstehen, zu kompensieren. «Deshalb müssten diese vorgeschlagenen Modelle natürlich zuerst detailliert durchgerechnet werden, und die technische Umsetzbarkeit sowie deren Kosten wären zu klären», sagt Moesch auf Anfrage von persoenlich.com.

Auf der Seite der Verbreiter tönt es skeptischer. «Neu am beschriebenen Vorschlag ist primär die Idee, bei Eigenproduktionen Replay länger als sieben Tage und gewisse Sendungen komplett ohne Werbung auszustrahlen. Dies aber gegen eine höhere Gebühr», so Swisscom-Sprecher Armin Schädeli. Aus Sicht Swisscom – wie auch aus Sicht der Kunden – seien höhere Gebühren generell abzulehnen. «Ein Replay-Angebot für einzelne Sendungen, das über sieben Tage hinausgeht, ist zudem technisch sehr aufwendig und wir erachten den Kundennutzen als nicht sehr gross.» Deshalb sehe Swisscom im vorliegenden Vorschlag aktuell keinen wirklichen Mehrwert, sondern primär höhere Kosten.

Die Schweiz ist das einzige Land, in dem die Kabelnetzbetreiber ohne Zustimmung der Sender Tausende von Fernsehsendungen anbieten, verbunden mit der Möglichkeit, die Werbung zu überspulen. Weltweit ist es einzigartig, dass die TV-Sender in der Schweiz ihre Rechte an Replay-TV nicht direkt geltend machen können. Diese Rechte werden zwischen den Verwertungsgesellschaften und den Verbreitern (wie Swisscom und UPC) ausgehandelt. Im Ausland entscheiden die TV-Sender, wer welche Sendung zu welchen Konditionen schaut.



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Kommentare

  • Markus Lauber, 26.01.2018 11:22 Uhr
    Wie so oft, versuchen die Medienanbieter und -vermarkter ihre Pfründe zu schützen, ohne das zu tun, was letztlich unausweichlich sein wird: Ein Angebot gestalten, das den Kündenbedürfnissen entspricht. Irgendwie doch noch unterbrechende Werbung einbauen, dürfte in erster Linie dazu führen, dass vor allem die jüngere Zielgruppe noch mehr auf das Web und Angebote wie Netflix ausweicht. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis man von der Protektionismus-Strategie ablässt und den Kundenbedürfnissen entsprechende, innovative Angebote gestaltet. Netflix & Co. sowie Player, die jetzt vielleicht noch gar nicht im Spiel sind, werden das sicher tun.
  • Oliver Halter, 26.01.2018 10:32 Uhr
    Da zahle ich lieber etwas mehr als nicht mehr Spulen zu können oder Werbung zuvor anzusehen, denn gratis machts keiner. Es gibt eine Zeitung in Österreich, die Adblocker ausschliesst und dafür gegen Geld Werbung und Tracking ausblenden lässt, das wäre eher der Weg. Entweder muss der Leser die Werbung ertragen oder er zahlt direkt.
  • Jonas Bischoff, 26.01.2018 10:20 Uhr
    Grüezi Herr Widmer. Im Rahmen der Masterarbeit habe ich anhand von Experteninterviews vier verschiedene Ansätze überprüft: Protektionismus, Subventionen, Pay-TV und innovative Werbeformen. Mein Lösungsvorschlag besteht aus einer Kombination mehrerer Ansätze. Der Persönlich-Artikel gibt die Arbeit - verständlicherweise - nur als Kürzest-Zusammenfassung wieder. Falls Sie wollen, kann ich Ihnen die komplette Arbeit gerne zusenden (jbischoff@telezueri.ch). Beste Grüsse Jonas Bischoff
  • Dieter Widmer, 26.01.2018 06:26 Uhr
    Wenn man nicht weiter weiss, erhöht man die Gebühren. Sorry, das ist ein zu plumper Ansatz für eine Masterarbeit.
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