24.10.2023

Peter Hebeisen

«Bilder müssen immer einzigartig sein»

Der Schweizer Fotograf Peter Hebeisen wird am 1. November mit dem renommierten Kunstpreis der Keller-Wedekind-Stiftung ausgezeichnet. Im Interview spricht der frischgekürte Preisträger über sein Schaffen zwischen Kunst und Kommerz.
Peter Hebeisen: «Bilder müssen immer einzigartig sein»
«In der Landschaftsfotografie verfolge ich einen meditativen Ansatz», so Fotograf Peter Hebeisen. Im Bild: der Rhonegletscher. (Bilder: Peter Hebeisen)
von Matthias Ackeret

Herr Hebeisen, herzlichen Glückwunsch zum KWS-Kunstpreis. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Besten Dank. Ein Kunstpreis für einen Fotografen ist hierzulande leider immer noch äusserst selten, und deshalb freue ich mich ganz besonders über die Wertschätzung und Anerkennung meiner jahrzehntelangen Arbeit durch die Keller-Wedekind-Stiftung.

Sie sind seit bald vierzig Jahren professioneller Fotograf. Wie hat sich die Bedeutung der Fotografie in dieser Zeit verändert?
Aussergewöhnliche Bilder und zeitgeschichtliche Dokumente bedürfen einer feinfühligen Perzeption und einer besonderen gestalterischen Umsetzung. Deshalb überdauern manche Fotografien die Zeit und werden zu Ikonen ihrer jeweiligen Epoche. Aus dieser Perspektive hat sich die Bedeutung der Fotografie nicht verändert. So ist es letztlich auch unerheblich, ob die Bilder mit einer Grossformatkamera im Negativformat 20 mal 25 Zentimeter, die übrigens wieder in Mode gekommen ist, oder mit einem Handy fotografiert wurden.

«Die Fotografie und ich sind verheiratet», haben Sie in einem Interview gesagt. In jeder Ehe gibt es Krisen. Haben Sie diese auch in Bezug auf Ihre Leidenschaft, die Fotografie, erlebt?
Sehr selten, aber doch. Die Arbeit an jahrelangen Projekten wie «European Battlefields» hat mich zeitweise enorm gefordert. Auf langen Reisen kann es einsam sein, und man zweifelt, ob man konzeptionell richtig handelt und der enorme physische und finanzielle Aufwand sich am Ende auszahlt. Ich danke allen, die mich in diesen Momenten der Krise unterstützt und gesagt haben: «Peter, das ist ein aussergewöhnliches Projekt, mach weiter!»

Sie arbeiten sowohl als Werbe- als auch als Kunstfotograf. Gibt es dabei für Sie einen Unterschied?
Die Fotografie bietet die einzigartige Möglichkeit, abwechselnd kommerzielle und freie Projekte zu realisieren. Ich habe versucht, diesen Freiraum optimal zu nutzen, und habe von Anfang an auch künstlerisch gearbeitet. Das Erstaunliche ist, dass ich durch eine prämierte Werbefotografie als Künstler entdeckt wurde. Hier gilt mein Dank der Galerie Walter, die den Mut hatte, mich anzusprechen, und sie repräsentieren mich nun fast seit 20 Jahren.

Trotzdem muss man in der Werbefotografie in erster Linie die Wünsche des Auftraggebers erfüllen …
In der Auftragsfotografie gibt es natürlich eine Zielsetzung. Ausserdem müssen Themen, Budget und Zeitplan eingehalten werden. Hier geht es darum, Kreativität und Projektmanagement im unternehmerischen Sinne zu optimieren. Eine wichtige Rolle spielen auch der Freiraum des Auftraggebers und die kreative Exzellenz der jeweiligen Creative und Art Directors. Ich hatte das grosse Glück, mit den herausragendsten europäischen Auftraggebern zusammenarbeiten zu dürfen. Als Vision bekam ich unter anderem ein Gedicht ohne Layout und ein Budget von hunderttausend Euro von der damals führenden Hamburger Werbeagentur. Solche Grossprojekte mit einem entsprechenden Team zu realisieren, ist Herausforderung und Freude zugleich. Ich habe mich darauf spezialisiert, Visionen durch anspruchsvolle Inszenierungen umzusetzen.

Nun spricht man überall von künstlicher Intelligenz. Ist das eine Bereicherung oder eine Bedrohung für die Fotografie?
Ich bin technisch sehr interessiert und aufgeschlossen. Kaum war Siri auf dem Markt, zog sie bei mir ein. Was die Fotografie betrifft: Bilder müssen letztlich immer einzigartig sein, egal, wer sie macht und wie.

«Ich geniesse das langsame Arbeiten»

Sie haben sowohl Porträt- als auch Landschaftsfotografie gemacht. Wie unterscheiden sich diese beiden Richtungen?
Porträtfotografie findet immer in einem zeitlich sehr begrenzten Rahmen statt und ist geprägt vom Moment der Interaktion zwischen Fotograf und Gegenüber. Gerade bei Tierporträts ist dies sehr anspruchsvoll, da sich ein Tier der Aufnahme leicht entziehen kann und das Bild nicht wiederholbar ist. Sekundenbruchteile können hier entscheidend sein. Die Anspannung und die Konzentration sind enorm, alles ist bereit, zur Sicherheit auch in doppelter Ausführung. In der Landschaftsfotografie verfolge ich hingegen einen meditativen Ansatz, und eine einzige Aufnahmesituation kann sich leicht über Stunden oder Tage hinziehen. Das perfekte Bild kann auch um vier Uhr morgens oder um zehn Uhr abends entstehen. Deshalb habe ich in meinem Produktionsbus Schlafsack und Küche dabei, beziehungsweise könnte man sagen, dass ich fast immer auf der Location übernachte. Ich geniesse das langsame Arbeiten – als Kontrapunkt zur Hektik eines grossen Aufbaus im Studio oder vor Ort. In meinem aktuellen Projekt «What remains» über die Veränderung der Schweizer Gletscherlandschaft ist die Fotografie das einzige Medium, das den Wandel präzise dokumentiert und gleichzeitig ein Kunstwerk erschafft: Zeitdokument als Kunst.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Darüber spreche ich nie. Kommerzielle Projekte sind für mich bis zur Veröffentlichung vertraulich, und bei freien Projekten möchte ich bis zum letzten Moment offen für Änderungen in der Gestaltung sein. Ein neues Projekt, an dem ich gerade arbeite, über das ich aber gerne spreche, ist der kleine Weinberg rund um mein Haus. Ich bin ein ambitionierter Neuwinzer. Der Pinot Noir von 2021 ist getrunken, der von 2022 wurde mit viel Liebe hergestellt und gekeltert, und die diesjährige Ernte ist im Eichenfass.



Peter Hebeisens Werke werden vom 2. bis 25. November in der Fabian & Claude Walter Galerie an der Rämistrasse 18 in Zürich gezeigt.

Das ausführliche Interview lesen Sie in der persönlich-Printausgabe vom November.



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