03.05.2024

Radiozukunft

Wie soll es mit Radio als Rundfunk weitergehen nach UKW und DAB+?

Mit einer Studie will der Verband Schweizer Privatradios helfen, die Weichen für die Radiozukunft zu stellen. Im Zentrum steht die Frage, ob es trotz immer beliebteren Streamings ein Revival des Rundfunks geben kann. Mit 5G Broadcast steht dafür eine Technologie bereit.
Radiozukunft: Wie soll es mit Radio als Rundfunk weitergehen nach UKW und DAB+?
Eine 5G-Mobilfunkantenne: Werden dereinst darüber auch Radiosendungen verbreitet? (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Das Publikum nimmt den Unterschied nicht wahr. Wie auch? Schliesslich erklingt das gleiche Programm, ob man nun den Webstream aktiviert oder das gute alte Radiogerät einschaltet. Doch dahinter verbirgt sich eine elementare Differenz.

Der Webstream, ob zuhause oder unterwegs auf dem Smartphone, funktioniert nur mit einem Abonnement bei einem Internet-Provider. Mit dem UKW-Radio oder dem DAB+-Gerät hingegen empfängt man Programme frei durch die Luft; ein Sender verbreitet das Signal an eine Vielzahl von Endgeräten. Darum heisst es Rundfunk.

«Erfolg beim Streaming schadet dem Geschäftsmodell»

Beim Webstream wird hingegen für jeden einzelnen User eine separate Verbindung aufgebaut, die Nutzungslast steigt also. Und das hat finanzielle Konsequenzen für die Radiobetreiber. «Die Verbreitungskosten nehmen mit der Nutzungszunahme ebenfalls zu. Erfolg schadet dem Geschäftsmodell», schreibt Jürg Bachmann, langjähriger Präsident des Verbands Schweizer Privatradios (VSP) im Vorwort zu einer aktuellen Studie

Doch der Nutzungstrend geht weltweit in Richtung Streaming oder allgemeiner: in Richtung IP-basierter Dienste und Plattformen, die eine zeitversetzte Audionutzung ermöglichen. Gleichzeitig nimmt die traditionelle lineare Radionutzung seit 2010 kontinuierlich ab, «besonders bei den jungen Altersgruppen», hält der VSP in seinem Bericht fest. Die Gesamtnutzung von Audio-Radio werde bis 2040 voraussichtlich unter 50 Prozent fallen, prognostiziert der Verband. Und bis dann verschwindet auch der klassische Rundfunk, also die Verbreitung via UKW, die schon per 2026 enden soll (personelich.com berichtete), und später auch DAB+.

Will sich die Schweiz eine souveräne Infrastruktur leisten?

Dieser Wandel markiert nicht nur eine technologische, sondern auch eine medien- und gesellschaftspolitische Zäsur. Darum lanciert der VSP die öffentliche Diskussion zur Radiozukunft mit ihrer Studie. Im Kern geht es um die Frage, ob es sich die Schweiz leisten kann, ohne souveräne Verbreitungsinfrastruktur auszukommen.

Für «Informationsvermittlung in unsteten Zeiten» sei terrestrischer Rundfunk «systemrelevant», hält dazu die ORF-Tochter ORS Group für Österreich fest, wo die Diskussion weiter fortgeschritten ist als in der Schweiz.

Als technologische Lösung bietet sich 5G Broadcast an, um auch nach UKW und DAB+ einen von Interessen und Geschäftsmodellen der Internetanbieter unabhängigen Radio-Verbreitungsvektor gewähren zu können. Wie der Name sagt, könnten unter gewissen Voraussetzungen Smartphones mit 5G-Empfang diesen Übertragungsweg nutzen. In seiner Studie widmet sich der VSP ausführlich dieser Technologie. Ein allfälliger Einstieg sollte zwischen 2030 und 2035 in Angriff genommen werden, wenn 5G Broadcast 2024 DAB+ als neue Rundfunktechnologie ablösen sollte.

Doch dafür müssten einige Bedingungen erfüllt sein, wie der VSP in seiner Studie schreibt: «Ob terrestrischer Rundfunk über 5G Broadcast in der Schweiz möglich und unternehmerisch sinnvoll sein wird, hängt von der Entwicklung marktreifer Technologien, einem gemeinsamen Vorgehen im europäischen Kontext, aber vor allem von der Realisierung eines überzeugenden kommerziellen Mehrwerts ab, der die Investitionen in eine neue Rundfunkinfrastruktur rechtfertigt.»

5G Broadcast unterläuft Geschäftsmodell der Internet-Provider

Wenig Interesse an einer Einführung von 5G Broadcast haben die Mobilfunkanbieter. Der neue Standard unterläuft ihr Geschäftsmodell, da sie an der genutzten Bandbreite verdienen und damit an der Streaming-Nutzung. Mit der neuen Rundfunktechnologie finden Audio/Radio und auch Video/TV ohne Kostenfolge auf die Endgeräte.

Die SRG als grösster Radioanbieter der Schweiz hält das Thema auf dem Radar: «Wir beobachten die Entwicklung und die Möglichkeiten aktiv, aber die Perspektiven für den 5G-Rundfunk in der Schweiz sind langfristig», liess sich Bakel Walden, Direktor Entwicklung und Angebt der SRG, Ende 2022 zitieren. Im vergangenen Jahr widmete sich die SRG zudem in einem sogenannten Scouting Report der neuen Technologie.

Das Bakom als Regulierungsbehörde sieht es zur Zeit so, dass man sich keine Option verbauen sollte mit der Fixierung auf eine einzige Lösung. Es gehe darum, dass die «freigewordenen Frequenzressourcen in Zukunft sinnvoll, effizient und im Dienste der Bevölkerung genutzt werden können. Dabei steht für die Schweizer Regulierungsbehörde der Flexibilitätsgedanke im Vordergrund.» Der VSP schliesst daraus, dass es an der Branche selbst liege, «realistisch-innovative Anwendungsfälle zu konzipieren». Denn die beste Technologie nützt nichts, wenn sie niemand nutzt.

«Technik ist nur Werkzeug, kein Selbstzweck»

Soll Radio, verstanden als Rundfunk, auch weiterhin eine signifikante Reichweite erzielen, dann entscheiden dies Inhalte und Formate. Das wissen auch die Schweizer Privatradios, wenn sie schreiben: «Die Zukunft des Radios in der Schweiz hängt primär von der Fähigkeit der Radioanbieter ab, sich an die sich ändernde Medienlandschaft anzupassen und innovative Programme, Inhalte und Services anzubieten, die das Publikum ansprechen und neue Geschäftsmöglichkeiten erschliessen. Technik ist nur Werkzeug, kein Selbstzweck.» Dem ist nichts hinzuzufügen.


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KOMMENTARE

Andreas Kleeb
03.05.2024 16:39 Uhr
Die Studie beleuchtet faszinierenderweise kaum die Bedürfnisse der Konsumenten. UKW hat über Jahrzehnte hinweg erfolgreich funktioniert, während der kostspielige Versuch mit DAB+ keinen vergleichbaren Markterfolg erzielen konnte. Dies verdeutlicht, dass es nicht ausschliesslich um technologische Innovationen geht, sondern vielmehr um das Verständnis der Nutzer und ihre Bedürfnisse. In einer Zeit, in der On-Demand-Dienste für Audio, Video, Text und Daten immer mehr an Bedeutung gewinnen, ist es unerlässlich, die sich wandelnden Konsumgewohnheiten zu berücksichtigen. Die Prioritäten sollten nicht bei den Interessen der Internetanbieter oder der Medienunternehmen liegen, sondern vielmehr bei der Frage, wie wir als Gesellschaft heute und in Zukunft Inhalte konsumieren möchten. Es ist an der Zeit, die aktuellen und zukünftigen Arbeits- und Konsumpraktiken zu verstehen und sich darauf einzustellen, um den Anforderungen eines sich wandelnden Medienmarktes gerecht zu werden.
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