01.06.2020

Serie zum Coronavirus

«Das Bedürfnis, sich rhetorisch fit zu machen, ist gestiegen»

Folge 55: Moderatorin Mireille Jaton kennt ein Mittel gegen die Krise: Kommunikation. Die jetzige Situation beschere der Eventbranche gerade einen enormen Schub in Richtung Digitalisierung.
Serie zum Coronavirus: «Das Bedürfnis, sich rhetorisch fit zu machen, ist gestiegen»
«Gerade in Krisenzeiten ist Kommunikation besonders wichtig»: Moderatorin und Rednerin Mireille Jaton, welche den Speaker-Bootcamp vom 19. bis 21. Juni veranstaltet. (Bild: Amanda Nikolic)
von Matthias Ackeret

Frau Jaton, Sie bilden Redner und Rednerinnen aus. Ist dieses Talent in dieser Zeit überhaupt gefragt?
Gerade in Krisenzeiten ist Kommunikation besonders wichtig. Sei es um Informationen zu vermitteln, aber auch um Vertrauen herzustellen. Ich bilde nicht nur Redner und Rednerinnen für die Bühne aus, ich unterstütze Führungskräfte, Unternehmer und Privatpersonen die ihren täglichen Auftritt optimieren wollen, sei es vor Mitarbeitenden, Geschäftspartnern oder bei Anlässen. Da ist souveränes, kompetentes Auftreten gefragter denn je.

Bekommen Sie momentan mehr Anfragen als in normalen Zeiten?
Das Bedürfnis, diese Zeit aktiv zu nutzen und sich rhetorisch fit zu machen, ist gestiegen. Die Zeit führt uns vor Augen, wie wichtig es ist, einen offenen Dialog zu führen und eine Botschaft klar auf den Punkt zu bringen. Da nun vermehrt Videokonferenzen und Webinare die traditionellen Auftritte vor Publikum ersetzen oder ergänzen, bekomme ich auch vermehrt Anfragen für Kameratrainings. Doch die Zuversicht wächst, dass bald wieder live Events möglich sein werden und viele bereiten sich jetzt darauf vor. 

Zu Beginn des Lockdowns hatte man den Eindruck, die ganze Welt sei ein bisschen sprachlos. Haben Sie dies als Rhetoriktrainerin auch so erlebt?
Auch mir hat es anfangs fast die Sprache verschlagen. Plötzlich war die Welt eine andere und wir mussten uns erst mal in dieser neuen Situation zurechtfinden. Aber nach der ersten Schockstarre zeichnete sich ab, dass jetzt neue Wege und auch neue Chancen entstehen. Und diese müssen auch adäquat kommuniziert werden.

«Worte und Wirkung müssen mehr denn je Glaubwürdigkeit und Vertrauen vermitteln»

Welche rhetorischen Fähigkeiten sind momentan gefragt und wo?
Essentiell ist, dass wir überhaupt in den Dialog treten, sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich. Was wir jetzt erleben, ist Veränderung pur. Kollektiv sind wir in dieselbe Lebenslage geraten, standen wochenlang unter Hausarrest und kommunizierten nur über Bildschirme. Es gilt Social Distancing, dadurch sind Körpersprache und soziale Kontakte eingeschränkt. Umso wichtiger ist es, Nähe durch Kommunikation zu schaffen. Worte und Wirkung müssen mehr denn je Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu vermitteln.

Wie haben Sie mit Ihrer Familie die Krise ausgestanden?
Auf unbestimmte Zeit zuhause zu bleiben, im Homeoffice auch noch die Kinder zu betreuen und Einschnitte ins Einkommen hinzunehmen, das hat auch bei uns anfangs zu Stress geführt. Nach etwa zwei Wochen haben wir gelernt, mit der neuen Realität umzugehen und haben diese intensive Familienzeit sogar genossen. Ich werde nie vergessen, wie wir an verregneten Tagen stundenlang mit den Kindern auf dem Sofa Harry Potter gelesen haben. Als sehr aktive Person, die sonst viel unterwegs ist, hat mich diese erzwungene Pause auch dazu gebracht, mal innezuhalten und meine Prioritäten zu reflektieren. Dies hat gut getan.

Sie moderieren selber sehr viel an privaten und öffentlichen Auftritten. Kann man den Ausfall durch diese Krise bereits beziffern?(Lacht) Ich will den Ausfall gar nicht so genau nachrechnen! Meine Agenda wurde Mitte März mit einem Schlag leer gefegt. Auftritte in Holland, in Spanien, Grossanlässe hier in der Schweiz und in Deutschland, alles wurde abgesagt oder bestenfalls auf 2021 verschoben. Da habe ich anfangs schon leer geschluckt. Aber allen in der Veranstaltungsbranche erging es ja nicht anders. Ich darf mich glücklich schätzen, dass meine Familie und ich gesund geblieben sind. Und jetzt geht es ja wieder bergauf.

«Die Krise beschert der Eventbranche einen enormen Schub in Richtung Digitalisierung»

Spüren Sie, dass es bereits wieder anzieht?
Definitiv, und das stimmt mich optimistisch. Ausserdem entstehen gerade so viele neue Formen von Veranstaltungen, z.B. hybride Events, online-Kongresse und sogar -Galas. Mehr und mehr Anlässe finden entweder komplett oder zumindest teilweise digital statt. Die Krise beschert der Eventbranche gerade einen enormen Schub in Richtung Digitalisierung. Diese Entwicklung zu beobachten ist spannend und bereichernd, auch wenn mein Herz immer noch für live Kommunikation schlägt.

Wo verbringen Sie den Sommer?
Wir haben noch nichts gebucht, aber wir werden mit Sicherheit in der Schweiz bleiben. Vielleicht unternehmen wir mit den Kindern eine Velotour durch den Jura oder bleiben einfach wo wir sind: am schönen Zürichsee. Ich werde auch die Zeit nutzen, um neue Projekte ins Leben zu rufen, Reden zu schreiben und Auftritte und Seminare für den Herbst vorzubereiten.

Sie planen momentan bereits wieder ein Speaker-Bootcamp vom 19. bis 21. Juni, zu dem man sich anmelden kann. Wie läuft dies in diesen Zeiten ab?
Im Speaker-Bootcamp bringen die Teilnehmenden in nur drei Tagen ihre Botschaft auf den Punkt und auf die Bühne. Sie entdecken den Aufbau einer mitreissenden Rede, üben sich im Storytelling, sowie in Körpersprache und Stimme. Sie treten sogar mit ihrer Rede am dritten Tag vor Publikum und Experten auf. Wie viele Gäste wir diesmal am Auftrittstag begrüssen können, entscheidet der Bundesrat, aber wir werden den Speaker Slam einem unlimitierten online Publikum durch live Streaming zugänglich machen. Vorsichtsmassnahmen und Sicherheitsabstände werden natürlich eingehalten.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Tage?
Nach Wochen der totalen Isolation beobachte ich mit Freude, wie der Puls des Lebens langsam in den Strassen zurückkehrt. Die zwischenmenschlichen Kontakte haben mir besonders gefehlt. Der erste Restaurantbesuch mit den Grosseltern vor ein paar Tagen, haben wir als Familie besonders genossen.


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 



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