07.09.2020

Serie zum Coronavirus

«Die Pandemie hat in der Musikindustrie zum Umdenken geführt»

In Folge 114 unserer Serie zum Coronavirus: Jaromir Löffler war Chefredaktor von M&K und ist eine Musiklegende. Jetzt hat er eine CD herausgegeben.
von Matthias Ackeret

Herr Löffler, dank Corona konnten Sie endlich Ihren Traum erfüllen. Wie geht das?
Den Traum habe ich mir nach dem Motto «live your dream» erfüllt, als ich wieder mit meiner Blues-Band auf die Tour gehen konnte, anstatt ins Büro. Mit dem Lockdown hatte ich dann plötzlich Zeit, alle guten Ideen aus der Tour 2019 in Ruhe aufzunehmen. Es ist ein Frust in der Isolation, aber man hat unendlich viel Zeit, die man positiv nutzen kann und sollte.

Aber für einen Musiker waren doch die letzten Monate ein Horror, Konzerte wurden abgesagt und sistiert, überall breitete sich Resignation aus. Bei Ihnen nicht?
Doch – natürlich ging es mir auch sehr nahe und viele Projekte mussten sterben oder vorübergehend aufs Eis gelegt werden, aber bei mir ist heute zum Glück die Freude am Live-Gig mit Band-Kollegen vor einem guten Publikum wichtiger als die Honorare. Mit Engagements wie «Solidarity for Music» vom Festival Lucerne will ich eher andere Musiker unterstützen, die stark unter den fehlenden Einahmen leiden oder sogar Existenzprobleme bewältigen müssen.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit inspiriert?
Die Quellen der Inspiration sind immer gleich - mal kommt eine gute Melodie in den Sinn, mal paar coole Akkorde oder gute Sprüche aus denen ein Song-Text entstehen kann. Kürzlich habe ich wieder den typischen Schweizer Spruch gehört: «Ich bin da nur de Gangho». Das kann mich dann packen und motivieren zu stundenlangem Wühlen im Züri-Slängikon bis ich einen Songtext habe und die Melodie dazu und dann verbringe auch schon mal die halbe Nacht im Studio.

Obwohl Sie kein Zürcher sind...
Eigentlich ist es irre, wenn einer mit tschechischen Wurzeln, der heute von den Konzert-Veranstaltern als Soul-Legende verkauft wird, weil er sich in der Jugend in den afroamerikanischen Blues verliebt hat und neben paar Hits auch viele Probleme damit hatte, plötzlich anfängt, Mundart-Songs zu machen. Ich finde aber, dass der Dialekt oft spontaner und echter klingt als Hochdeutsch. Mein Lieblingsschriftsteller Peter Bichsel hat in einem Interview erklärt, dass er einzig die Mundart-Musik nicht hören kann und will. Ich höre von Mani Matter bis Lo & Leduc und Dodo vieles im Dialekt sehr gern.





Sind Homeoffice und Social-Distancing für einen Musiker kein Hemmnis?
Nicht unbedingt, sofern man daheim oder im Studio die notwendige digitale Infrastruktur hat. Die Pandemie hat in der Musikbranche zum Umdenken geführt. Es gibt immer mehr Programme, die es uns erlauben, dass ein Musiker in Zürich im Studio ist, und der andere in Prag oder LA und beide können gleichzeitig miteinander jammen und aufnehmen. Dazu kommen bezahlte Livestreams – eine neue Konzert-Variante, die immer mehr Anhänger findet.

Wann und wo kann man Sie jetzt hören?
Eigentlich war im September in Prag ein Release-Konzert geplant, aber leider mussten wir alles absagen. Vorläufig bin auf der einen Seite mit der Promotion vom neuen Album «Equal» (Wir sind alle gleich und haben die gleichen Rechte) beschäftigt, das man ab Ende September auf allen Distributionskanälen von supraphonline.cz bis apple-music und spotify probehören oder downloaden kann, gleichzeitig starten wir bald Proben mit einer neuen Zürcher Musik-Formation.

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Sie geben nun ein Musikalbum heraus. Hat dies in den Spotify-Zeiten überhaupt noch eine reele Verkaufschance?
Mein neues Album ist mehrsprachig und damit versuche ich verschiedene Märkte und Zielgruppe zu bedienen. Die englischen Versionen sind vor allem für den internationalen Markt und Spotify gedacht, wo ich gerade für einen guten Playlist-Platz pitche. In der tschechischen Republik werden immer noch auch CDs und neuerdings wieder LPs verkauft – vor allem bei den älteren Zielgruppen – und für die mache ich tschechische Kompositionen. Meinem label Supraphon bin ich treu und ebenso meinem Retro-Sound.

Warum setzen Sie ausgerechnet auf das Thema «Diskriminierung»?
Der Tod von George Floyd hat mich sehr bewegt. Hauptinspiration des Albums ist indessen die Diskriminierung in allen Formen - von der Rasse über Herkunft, Geschlecht, Alter und Kultur bis zur sexuellen Orientierung. Kein Wunder, dass der Titelsong «Equal» nicht nur in USA, sondern auch in der LGTB-Community in der ganzen Welt auf positives Echo stiess. Es hat mich aber besonders gefreut, dass die USA-Plattform soultracks.com meinem Titelsong einen Beitrag gewidmet hat und Leute aus der afroamerikanischen Community in USA darauf positiv reagiert haben. Für einen Soul-Musiker in Europa ist es wie ein Ritterschlag.

Hatten Sie selbst Erfahrungen in diese Richtung?
Vielleicht kommt es noch mit dem Alter…

Sie waren viele Jahre Chefredaktor von Marketing & Kommunikation. Hat Ihr Hobby darunter gelitten oder anders gefragt: Wurden Sie durch die Marketingbranche auch ein bisschen inspiriert?
Ich führte immer recht konfliktfrei zwei Leben nebeneinander. Marketing & Kommunikation ist extrem bunt und vielfältig – das bringt auch viele positive Impulse und ich konnte immer die Musikleidenschaft offen leben und die Inspiration mitnehmen.

Wird sich das Marketing aufgrund von Corona verändern?
Zweifellos wird sich das Marketing an die aktuelle Situation anpassen – wie schon immer in der Geschichte. Der Trend zu Online hat sich eindeutig beschleunigt und die Marken werden immer mehr in sozialen Medien agieren und noch schneller auf die aktuellen Herausforderungen reagieren. 

Wo haben Sie Ihre Ferien verbracht?
Es waren Ferien auf Balkonien - daheim.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzte Monate?
Man hat oft das Gefühl, das man nicht mehr sein Leben voll in der Hand hat – das prägt – und bringt einen sogar dazu, sich auch mit den Ideen der Corona-Skeptiker auseinanderzusetzen. 

 


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Jaromir Löffler gehört zu den legendären Interpreten von R&B und Soul rund um den Radiosender Ostrava in der Tschechischen Republik. Als Frontman der Radio-Formation Flamingo konnte er während des Prager-Frühlings Covers von Soul-Songs von James Brown und Wilson Pickett und Ray Charles veröffentlichen, die in den Radio-Charts recht bekannt wurden. Seine Cover-Version von Mustang Sally gilt als Symbol für den damaligen Aufbruch in die musikalische und politische Freiheit. Seine vielversprechende musikalische Karriere endete mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei. Jaromir Löffler emigrierte in die Schweiz und dies führte zum Verbot seiner Radio-Aufnahmen und Platten in der damaligen Tschechoslowakei. 

In der Schweiz hat er nach dem Studium von Germanistik und Publizistik sowie einer Dissertation über Interviews an der Universität Zürich über ein Volontariat im Tages-Anzeiger den Sprung in die Medienbranche geschafft, wo er anschliessend Jahrzehnte lang tätig war - als Redaktor, Chefredaktor und Verlagsleiter – von Ringier über Jean Frey AG bis zu den Fachmedien. Während 20 Jahren wirkte er als Chefredaktor von Marketing & Kommunikation. (ma)



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 



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