08.09.2020

Serie zum Coronavirus

«In St. Moritz sind Kontrollen strikter, dafür die Leute lockerer»

Folge 115: Tanja Hollenstein hat sich vor dem Lockdown selbständig gemacht und organisiert jetzt in St. Moritz das «Window of the World».
Serie zum Coronavirus: «In St. Moritz sind Kontrollen strikter, dafür die Leute lockerer»
«Die jüngeren Generationen suchen nach authentischen Erlebnissen, die gleichzeitig ihrem Medienverständnis entsprechen und fordern auch einen nachhaltigen Tourismus»: Tanja Hollenstein. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Frau Hollenstein, Sie haben sich mit Ihrem Ehemann Hans Peter Riegel vor gut einem Jahr selbstständig gemacht. Haben Sie diesen Schritt je bereut?
Ganz im Gegenteil. Unser Know-how ergänzt sich perfekt: Hans Peter mit einem vielfältigen Background in der Kunst- und Kulturszene, als Werbekreativer und Stratege und ich mit meiner langjährigen Erfahrung in der strategischen Kommunikationsberatung wie mit digitalen Medien.

Funktioniert das, wenn man Geschäft und Privatleben verbindet?
Bestens, wenn man das auch regelmässig trennt. Wir reden einfach nicht ständig über Geschäftliches und pflegen unsere eigenen Interessen, zum Beispiel im Sport. Dennoch ist das gemeinsame Verständnis von Werten essentiell. Der Respekt für andere Menschen, kulturelle Interessen, die gleichen, hohen Ansprüche an Kreativität, Qualität und an die Beratung der Klienten. Insofern war das ein wohl überlegter und gut gewählter Schritt. Letztlich haben wir grosse Freude an dem was wir tun.

War Corona nicht gerade der schlechteste Moment für diesen Schritt?
Trotz oder vielleicht sogar wegen der Krise sind wir sehr gut gestartet. Unser Ansatz Strategie, Kommunikation und Kultur zu verbinden kommt gerade jetzt in einer Zeit, in der über neue gesellschaftliche Konzepte, also über unsere Zukunft nachgedacht wird, sehr gut an. Wir konnten uns schon nach kurzer Zeit über erstklassige Klienten und spannende Projekte freuen. Dabei ist insbesondere unsere strategische Beratung gefragt.

Also keine negativen wirtschaftlichen Folgen?
Natürlich haben wir im Lockdown und danach, wie wohl alle, einen Gang zurückschalten müssen. Aber die Riverside AG gibt es seit 1995 und ist solide aufgestellt. Ich bin bereits seit 10 Jahren im Verwaltungsrat. Den Entscheid, die Firma gemeinsam weiter zu entwickeln, hatten wir 2019 – also noch vor Corona – gefällt. Wer hätte je gedacht, was da kommt. Doch uns kam entgegen, dass wir vor Coronaausbruch noch in der Startphase waren und weder ein fest angestelltes Team noch Büroräumlichkeiten hatten. Die Umstände haben uns in unserem – ohnehin geplanten – Ansatz mit schlanken und flexiblen Strukturen bestärkt.

Sie haben in St. Moritz das Digital Art & Culture Projekt «Window of the World» initiiert. Was muss man sich darunter vorstellen?
St. Moritz war schon immer ein Fenster zur Welt, ein Melting Pot unterschiedlichster Kulturen, sowie ein Ort der Avantgarde. «Window of the World» ist ein Teil der aktuellen Modernisierungs- und Digitalisierungsstrategie von St. Moritz. Über das Projekt sollen mit unterschiedlichsten Formaten digitaler Kunst und Kultur aktuelle Gesellschaftsthemen kritisch beleuchtet und diskutiert werden. Damit soll St. Moritz das Potenzial gewinnen, für neue Zielgruppen relevant zu werden. 

Wer macht am Festival mit?
Zur Lancierung des Projektes in diesem Sommer haben renommierte Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichsten Ländern Werke zum aktuell gewählten Jahresthema «Re-Creation of Humanity» entwickelt. Sie sind in der historischen Reithalle sowie in Schiffscontaintern am Bahnhof, welche Symbol der Globalisierung sind, zu entdecken. Auch erste Open-Air-Konzerte mit elektronischer Musik und Visualisierungen haben wir bereits in diesem Lancierungsjahr durchgeführt.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Projekt?
Das Interesse an der Ausstellung ist hoch – auch die Konzerte haben das Publikum bereits zum Staunen gebracht. Interessant ist, dass Gäste unterschiedlichsten Alters und Herkunft in der Ausstellung auffällig lange verweilen. Die behandelten Themen von Fake News, Meinungsbildung über Social Channels, Hacking oder die Flüchtlingssituation betreffen uns alle und das zeigt sich an der Reaktion der Besucherinnen und Besucher. Es ist uns bewusst, dass das Projekt auch polarisiert. So haben laut unserem Partner Adrian Ehrbar, Direktor St. Moritz Tourismus, die alten Schiffscontainer am Bahnhof bereits kurz nach Aufbau für einige empörte Kommentare gesorgt. Doch das Projekt soll ja zur Diskussion anregen.

Sie wollen damit auch dem touristischen Wandel in St. Moritz Rechnung tragen. Wie äussert sich dieser?
Die jüngeren Generationen definieren Luxus neu. Sie suchen nach authentischen Erlebnissen, die gleichzeitig ihrem Medienverständnis entsprechen und fordern auch einen nachhaltigen Tourismus. Diese Ansprüche nimmt «Window of the World» auf. Mit kulturellen Erlebnissen moderner Art schafft das Projekt gleichzeitig Unterhaltung sowie einen aktuellen Bezug zur Gesellschaft und deren Entwicklung. In den kommenden Jahren werden nebst Ausstellungen und Konzerten weitere Formate folgen.

Sie schreiben, dass dieses Jahr die Welt verändern wird. Wo zeigt sich dies am meisten?
Die aktuelle Verunsicherung der Menschen ist gross. In den letzten Jahren gab es in unserer Gesellschaft nur eine Richtung: immer mehr, immer grösser, immer schneller. Dieser Prozess ist mit dem Lockdown für einen Moment still gestanden und Vieles steht seit dem auf dem Prüfstand, was bislang selbstverständlich war. Die ganze Kultur des gesellschaftlichen Zusammenseins ist infrage gestellt. Wie gehen wir damit in Zukunft um?

Sie sind momentan hälftig in Zürich und St. Moritz tätig. Geht man an den beiden Orten gleich mit der Krise um?
In Zürich ist die Verunsicherung meines Erachtens grösser. Gerade jetzt, wo fast täglich neue Massnahmen ausgerufen werden, herrscht eine grosse Unsicherheit, was noch möglich und sicher ist. In St. Moritz sind die Kontrollen strikter – dafür die Menschen lockerer. Ob es damit zusammen hängt, dass man in der grossartigen Natur dort per se eine andere Sicht auf die Welt erlangt oder die Gäste aus anderen Kulturen andere Erfahrungen mitbringen, ist schwierig einzuordnen.

Wo haben Sie die Sommerferien verbracht?
Gleich nach dem die Grenzen wieder offen waren, sind wir nach Amsterdam gereist, um dort Künstler zu treffen und weil diese Stadt für unsere Arbeit inspirierend ist. Anschliessend ging es an die Nordsee. Das ist ein Fixpunkt in der jährlichen Agenda. Es ist ein Ort inmitten eines grossen Naturschutzgebiets, der Ruhe und Erholung, gut gelaunte Menschen, erstklassige Gastronomie und vor allem kilometerlange, weite, leere Strände bietet, die mir Raum für neue Ideen geben.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Schon im Vorfeld des Projekts «Window of the World», das wir ja für und mit St. Moritz entwickelt haben, war der Teamspirit sehr hoch. Doch die Woche während dem Aufbau der Ausstellung war das Highlight der Zusammenarbeit. Der Wille und die Energie, gemeinsam Neues schaffen zu wollen, war beeindruckend und ist fruchtbare Erfahrung zugleich für unser nächstes grosses Projekt, das DA Z Festival im Oktober.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 

 



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