11.08.2020

Serie zum Coronavirus

«Natürlich fühlen sich die Clubbesitzer gemobbt»

Alex Flach ist einer der besten Kenner der Schweizer Clubszene. Nachdem das BAG einen Fehler eingestehen musste, fühlt sich der Journalist bestätigt. In Folge 97 unserer Serie spricht Flach über die Kommunikationsarbeit der Clubbetreiber.
Serie zum Coronavirus: «Natürlich fühlen sich die Clubbesitzer gemobbt»
Gilt als «Mr. Nightlife»: Alex Flach, der verschiedene Clubs in der Öffentlichkeit vertritt und das Nachtleben sehr gut kennt. (Bild: Amanda Nikolic)
von Matthias Ackeret

Herr Flach, Sie sind einer der besten Kenner der Schweizer Clubszene. Wie ist die Befindlichkeit, nachdem das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seine Aussage, wonach in den Clubs die höchste Ansteckungsgefahr sei, korrigieren musste?
Ich habe das Ganze etwa eine Woche vor der Bekanntmachung des BAG mit all den mir zu Verfügung stehenden Informationen – wir kennen unsere Vorfälle dank des Tracings ja – an meiner Facebook-Wall durchgerechnet und bin auf 1,1 Prozent gekommen. Die 1,9 Prozent des BAG haben mich deshalb, im Gegensatz zu den viel zu hohen, ersten Zahlen, nicht wirklich überrascht. Hätte das BAG nicht ausgerechnet die zwei Wochen mit sage und schreibe drei Quarantänen – zweimal in Bern, einmal in Genf – als Berechnungsgrundlage genommen, sondern den gesamten Zeitraum seit der Lockerung wie ich, wären sie wohl auch auf 1,1 Prozent gekommen.

Wie kam es zu dieser Trendwende?
Es gab nie eine Trendwende. Es gab schlichtweg an weit über tausend Partys alles in allem nur sehr wenige Ansteckungen. Die Branche wird gerade prophylaktisch und aufgrund irgendwelcher Annahmen zerstört und nicht aufgrund von Erfahrungswerten.

«Gibt es ein schöneres Produkt als Spass?»

Wie ist die Stimmungslage unter den Clubbesitzern? Fühlen Sie sich durch die öffentliche Meinung und Berichterstattung «gemobbt»?
Selbstverständlich, ja. Das Nachtleben ist für knapp 2 Prozent der Ansteckungen verantwortlich, wird von Politikern als Spassgesellschaft verunglimpft – wobei, gibt es ein schöneres Produkt als Spass? –, und die Tagespresse hat uns für den Virensumpf schlechthin erklärt, trotz gerade mal 2 Prozent. Klar fühlen sich die Clubbesitzer gemobbt, und das zu Recht.

Von den Zürcher Clubs hört man momentan nichts. Gibt es dafür Gründe?
Die haben schlicht und einfach geöffnet und das im vom Bundesrat vorgegebenen Rahmen. Den Medien gegenüber ist man aus obgenannten Gründen gerade etwas schweigsam (schmunzelt).

Merkt man momentan eine Zurückhaltung unter den Besuchern?
Zu Beginn der Partys ja … aber Alkohol wirkt dem sicherlich entgegen.

Sie machen die Medienarbeit für viele grosse Clubs. Welche Massnahmen empfehlen Sie Ihren Kunden?
Bezüglich Kommunikation reicht es derzeit, wenn die Clubs ihre Social-Media-Kanäle bedienen. Ein Club wie das Hive bringt die erlaubten 300 Gäste mit zwei, drei Posts hin. Ansonsten lassen die Clubs sämtliche PR-Belange über die Bar & Club Kommission (BCK) und deren Geschäftsführer Alex Bücheli laufen. Was der Mann leistet, ist enorm. Und diese gebündelte Form der Kommunikation ist derzeit wichtig und richtig: Einzelpromo ist derzeit nicht möglich und ein Auftreten als Einheit unabdingbar.

«Lange darf es nicht mehr so weitergehen»

Wieviele Clubs gibt es, die aufgrund der ganzen Situation ihren Betrieb einstellen müssen?
Bis jetzt musste kein Zürcher Club wegen Corona aufgeben, soweit ich weiss. Aber lange darf es nicht mehr so weitergehen.

Wird Corona unsere Gesellschaft nachhaltig verändern? Man spricht schon vom Ende der Spassgesellschaft …
Ein Leben ohne Spass … da kann ich nur von mir sprechen: Zuoberst auf meinem Wunschzettel steht nicht ein möglichst langes Leben, sondern ein möglichst gutes.

Wie hat sich Ihr eigenes Business durch Corona verändert?
Derzeit bin ich auf die Selbständigen/KMU-Hilfe angewiesen. Meine Kunden können nicht ökonomisch arbeiten, also will kann ich ihr Budget nicht zusätzlich belasten. Hier lebt das Nachtleben untereinander etwas vor, wovon die ganze Schweiz nur redet: Solidarität.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Die plötzliche Erkenntnis der Öffentlichkeit, dass die Virenschleudern nicht im Club tanzen, sondern am Familientisch essen und Karten spielen. Diese Korrektur des BAG war für mich schon eine ziemliche Genugtuung, ja.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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