09.07.2020

Harald Naegeli

Rettet den Sprayer von Zürich

Harald Naegeli ist der berühmteste lebende Künstler Zürichs. Ende der 1970er-Jahre sorgten seine Strichfiguren für weltweite Beachtung und trieben den Maler ins Exil. Jetzt – 40 Jahre später – wiederholt sich die Geschichte. Mit fast den gleichen Akteuren und Argumenten.
Harald Naegeli: Rettet den Sprayer von Zürich
Harald Naegeli, hier in seiner Wohnung vor einer Strichfigur, wurde als Sprayer von Zürich weltweit bekannt. (Bild: Keystone/DPA/Federico Gambarini)
von Matthias Ackeret

Von Christo, dem leider verstorbenen Verpackungsgenie, stammt der geniale Satz: «Meine Kunstwerke haben keinen Sinn und sind vergänglich, so wie das Leben.» Leider hat sich das Zürcher Kunsthaus diese Devise zu eigen gemacht – und macht Kunstwerke eines anderen Genies vergänglich, also unsichtbar, nämlich diejenigen des Sprayers von Zürich. Der heute 80-Jährige bekam Ende der 1970er-Jahre wegen seiner Strichfiguren, die er nachts an öffentlichen Gebäuden seiner Heimatstadt anbrachte, nicht nur eine Haftstrafe, eine hohe Busse und eine dicke Gerichtsakte, sondern erlangte damit vor allem Weltbekanntheit und einen Sonderstatus im Kulturbetrieb.

Ähnlich wie Picassos Friedenstaube ist ein Naegeli-Kunstwerk sofort als Naegeli erkennbar. Das ist das Höchste, was man in der Kunstwelt erreichen kann. Willy Brandt und Joseph Beuys setzten sich nach den Zürcher Gerichtsprozessen, bei denen Naegeli wegen Sachbeschädigung verurteilt wurde, für den knorrigen und rebellischen Künstler ein, der anschliessend seiner Heimatstadt den Rücken kehrte und sich ins deutsche Exil nach Düsseldorf verzog, wo er viele Jahre lebte. Manchmal tauchten an Mauern und Wänden in Zürich, aber auch Venedig und Düsseldorf Sprayfiguren auf, die – zumindest aus der Ferne betrachtet – an Harald Naegeli erinnerten. Aber ganz sicher war man nie. Auch die Naegeli-Spezialisten bei den Zürcher Medien waren sich oftmals uneins, zu viele Naegeli-Kopisten trieben ihr Unwesen. Diese Unsicherheit erhöhte den Naegeli-Mythos zweifelsohne. Dieses Frühjahr war es anders: Die Sprayfiguren vor dem Grossmünster, am Hans-Waldmann-Denkmal, an der Rämistrasse und eben auch am Kunsthaus waren unverkennbar in ihrer Leichtigkeit und ihrer Eleganz als Original-Naegelis erkennbar. Ein Déjà-vu erster Güte.

Dass ausgerechnet aber das Kunsthaus, als erste Institution überhaupt, die neuen Original-Naegelis von seinen Fassaden entfernen liess, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Selbstverständlich wollte man kein Präjudiz schaffen, das ist klar, doch Naegeli ist auch kein Allerwelts-Sprayer, sondern der wohl berühmteste Vertreter dieser Gattung. Wie sang bereits Mani Matter: «Kunscht isch gäng es Risiko.» Vor allem wenn man deren Interpretation den Kunstbürokraten überlässt. Zu Recht widmete das gleiche Kunsthaus Harald Naegeli, dessen Sprayereien es jetzt übermalen lässt, vor vielen Jahren eine eigene Ausstellung und legitimierte ihn damit als staatlich wertvollen Künstler.

Doch der aktuelle Umgang mit Naegelis Werk ist der beste Beweis, dass das Leben nicht immer logisch ist. So stehen die berühmten Original-Sprayereien aus den 70er- und 80er-Jahren, die sich übrigens zwei Kilometer bergaufwärts in der ETH-Tiefgarage befinden, längst unter Denkmalschutz und wurden zwischenzeitlich aufwendig restauriert. Auch im Grossmünster «darf» Naegeli den Aufgang zu den Türmen mit dem Segen der Obrigkeit mit Figuren aus dem «Totentanz» verschönern, obwohl es immer wieder zu Spannungen zwischen Behörden und Künstler kommt. Zudem ist die Original-Naegeli-Figur auf dem Pro-Helvetia-Gebäude, unmittelbar neben dem Kunsthaus, noch nicht den staatlich verordneten Reinigungsequipen zum Opfer gefallen – möglicherweise als eine der wenigen sichtbaren Erinnerungen an den Lockdown. Vielleicht wird man irgendwann im Kunsthaus mit Stolz auf die auffällige Strichfigur in direkter Nachbarschaft hinweisen. Manchmal ist einfach alles eine Frage der Zeit. Ein drittes Mal wird sich die Geschichte mit Harald Naegeli und seinen Figuren kaum wiederholen.



Der mit 50'000 Franken dotierte Kunstpreis der Stadt Zürich geht dieses Jahr an den Künstler Harald Naegeli. Der sogenannte «Sprayer von Zürich» sei eine künstlerische Ausnahmepersönlichkeit, schreibt der Zürcher Stadtrat in einer Mitteilung vom Donnerstag. Zudem werden einige ältere und neuere Werke des Street-Art-Pioniers in den städtischen Kunstbestand aufgenommen (persoenlich.com berichtete).



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