23.01.2021

Serie zum Coronavirus

«Viele Leute sind bei Corona-Jokes sehr sensibel»

Folge 151: Stefan «Büssi» Büsser erlebt als Comedian schwierige Zeiten. Zudem gehört er einer Risikogruppe an. Er sagt: «Bei fast jedem Witz, den ich online mache, empört sich jemand.»
Serie zum Coronavirus: «Viele Leute sind bei Corona-Jokes sehr sensibel»
«Im Moment lebe ich von Erspartem», sagt Comedian und Moderator Stefan Büsser. (Bild: Oliver Bär)
von Matthias Ackeret

Herr Büsser, wie erleben Sie den zweiten Lockdown. Arbeiten Sie immer von zuhause aus?
Ich verbringe die meiste Zeit zu Hause. Mein SRF-Pensum beträgt ja nur 35 Prozent und für diese paar Radiosendungen und die Aufzeichnung des Podcasts Quotenmänner bin ich jeweils im Studio. Dort haben wir Schutzmassnahmen, die mir ein sicheres Arbeiten gewährleisten und ehrlich gesagt sind diese Tage ein sehr willkommener Tapetenwechsel.

Wie gross sind Ihre Einbussen als Comedien und Moderator?
Wäre Comedy meine einzige Einnahmequelle, hätte ich ein echtes Problem. Ich hatte so wenige Auftritte, dass ich meine einzige Angestellte in der Firma nicht mehr weiterbeschäftigen konnte. Meine Managerin musste ihre Firma wegen zu wenigen Aufträgen schliessen und ich bin jetzt auf mich gestellt. Ich habe letztes Jahr gerade mal fünf Shows gespielt, zwei davon vor der Pandemie. Firmen-Auftritte gab es praktisch keine. Vom Kanton gab es einen Ersatz für die ausgefallenen Shows, nicht aber für die eigentlichen Money-Jobs wie abgesagte Moderationen oder Firmen-Auftritte. Im Moment lebe ich von Erspartem, dass ich eigentlich für ein neues Comedy-Programm ausgeben wollte. Und das Schlimmste daran: Mir geht’s dank meines SRF-Nebenjobs verhältnismässig noch gut, während andere in unserer Branche leiden und nicht gehört werden.

Wie ist die Stimmungslage unter Ihren Berufskolleginnen und Kollegen?
Denkbar schlecht. Einige kämpfen mit echten Existenz-Ängsten und viele haben sich neue Jobs gesucht. Wann und wie sie wieder zurück in ihren alten Beruf können, ist noch völlig offen. Die Hilfsgelder kamen sehr spät und spärlich. Wobei ich für Ersteres sogar noch Verständnis habe, bei der Flut an Gesuchen, welche die Behörden bearbeiten mussten. In der Kulturbranche sind ja nicht nur Künstler tätig, da hängen etwa auch Veranstalter, Technikerinnen, Theater alle mit drin. All diese Leute werden leider oft vergessen, wenn man davon spricht, die Kulturschaffenden zu unterstützen.

«Bei fast jedem Witz, den ich online ich mache, empört sich jemand»

Sie machen einen Podcast mit dem Titel «Quotenmänner». Reagieren Männer anders als auf Frauen auf die Krise?
Ich bin nicht der richtige Ansprechpartner für diese Frage. Wir sind ja kein Gender-Podcast, sondern ein Comedy-Podcast. Ich bin aber überzeugt, dass Krisenmanagement keine Frage des Geschlechts ist. Aber dass die eh schon strukturell benachteiligten Frauen nicht als Gewinnerinnen aus dieser Krise hervorgehen, ist eine traurige Realität.

Hat sich der Humor in den letzten Monaten gewandelt? Ist man dünnhäutiger geworden?
Mein sehr geschätzter deutscher Autoren-Kollege Micky Beisenherz hat schon anfangs Pandemie den schönen Satz gesagt: «Wer jetzt denkt, dass Humor nicht angebracht ist, hat den Ernst der Lage nicht verstanden.» Ich merke allerdings schon, dass viele Leute bei Corona-Jokes sehr sensibel sind. Ich kann das auch gut verstehen. Nicht neu ist hingegen das Phänomen der ständigen Empörung. Bei fast jedem Witz, den ich online ich mache, empört sich jemand. Dass ich von allen Seiten kritisiert werde, zeigt mir allerdings auch, dass ich richtig stehe. Denn wie sagt Comedy-Gott Ricky Gervais: «Just because you’re offended, doesn’t mean you’re right».

Sie leiden unter der Lungenkrankheit Cystische Fibrose, sind also selbst Risikopatient. Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Im Frühling war ich in kompletter Selbstisolation. Die wenigen Daten damals zwangen mich zur besonderen Vorsicht. Nun haben wir mit mehr Daten auch die Gewissheit bekommen, dass die Cystische Fibrose nicht so stark betroffen ist, wie wir anfangs befürchteten. Bei den CF-Patienten am Unispital Zürich, wo ich auch bin, gab es keine schweren Verläufe bei wenigen Infektionen. Darum hat sich auch mein Alltag etwas entspannt, ich kann normal einkaufen und arbeiten gehen und ich habe zum Glück auch nur vernünftige Leute um mich, die sich nicht an irgendwelchen illegalen Partys tummeln und sich quer durch die Stadt tindern.

«Was einige Medientitel uns als echte News verkaufen wollen, war und ist teilweise grenzwertig»

Sie sind nicht nur Künstler, sondern auch Medienschaffender. Mit Ihren Corona-Videos haben Sie auch journalistische Aufklärung betrieben. Wie nehmen Sie die Rolle der Medien in dieser Krise wahr?
Als die Pandemie begann, war ich in einem Schweige-Retreat ohne Handy und habe nichts mitbekommen. Als ich nach 12 Tagen das Handy wieder anmachte und die Newsflashs sah, dachte ich, die Welt sei untergegangen. Ich habe in meinem ersten Corona-Video mit Fabian Unteregger gesagt; «Stellt die Push-Nachrichten auf dem Handy ab» und ich kann das nur mit Nachdruck nochmals empfehlen. Was einige Medientitel uns als echte News verkaufen wollen, war und ist teilweise grenzwertig. Die Kakofonie aus Halbwissen, Meinungen und voreiligen Schlüssen hat zu einer grossen Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen und schadet am Ende auch uns allen, die in «den Medien» arbeiten. Natürlich gilt auch beim Medienkonsum die viel zitierte Eigenverantwortung und einige Medientitel und Journalisten haben grossartige Arbeit geleistet. Manchmal wären aber ein paar Newsflashs und ein paar Sondersendungen weniger eindeutig mehr gewesen. Wie Konfuzius schon sagte: «Mit grossen Klickzahlen kommt auch grosse Verantwortung».

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Trotz all dem Negativen gab es für mich ein grosses, positives Erlebnis grad diese Woche: Ein Medikament, auf das CF-Patienten in der Schweiz jetzt lange Zeit gewartet hatten, wurde endlich zugelassen. Dies, nachdem es in den USA und in Europa seit vielen Monaten verfügbar war und hier die Behörden im Winterschlaf schienen. Jetzt kommt es endlich und wenn sich das so entwickelt, wie wir CF-Patienten uns das wünschen, müsst ihr mich wohl noch etwas länger ertragen als erwartet.


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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