14.09.2018

Kunstmuseum St. Gallen

Wenn Künstler Nachrichten machen

Ohne Pause und in hohem Tempo peitscht das Weltgeschehen auf heutige Medienkonsumenten ein. Wenn Künstler News machen würden, sähen sie anders aus. Wie? Das zeigt die Gruppenausstellung «The Humans» in St. Gallen.
Kunstmuseum St. Gallen: Wenn Künstler Nachrichten machen
Teil der Ausstellung in St. Gallen: Sky News Live wird ohne Ton auf eine Grossleinwand übertragen (links), und Sexarbeiterinnen erzählen über ihre Erfahrungen. (Bild: Sebastian Stadler)

Ob Flüchtlingskrise, ökologisches Desaster oder Handelskrieg. Jederzeit und in horrendem Tempo werden News aufs Smartphone oder ins Wohnzimmer geliefert. In der Ausstellung «The Humans» (15. September bis 17. März 2019) im Untergeschoss des Kunstmuseum St. Gallen zeigen sieben Künstlerinnen und Künstler einen ganz anderen Blick aufs Weltgeschehen.

Ed Atkins und Simon Thompson thematisieren in einer Videoarbeit den ununterbrochenen Informationsfluss, dem der moderne Mensch ausgesetzt ist. In Echtzeit übertragen die beiden Künstler den Internet-Nachrichtensender Sky News Live auf eine Grossleinwand.

Die Nachrichten in dem Kunstprojekt haben keinen Ton. Dadurch ändert sich die Wahrnehmung des Konsumenten. Die Bilderflut irritiert. In rascher Abfolge tauchen die Nachrichten auf und verschwinden wieder, bevor der Beobachter erraten hat, worum es geht. Die Textnachrichten, welche unter dem Hauptbild durchlaufen, sorgen dabei für zusätzliche Verwirrung, weil sie mit dem Geschehen auf dem Bildschirm nichts zu tun haben.

Aktuelles Thema, alte Technik

Die Migrationspolitik steht im Zentrum der fotografischen Serie «In Between», die Artur Zmijewski für die Ausstellung in St. Gallen geschaffen hat. Der polnische Künstler besuchte vier unterschiedliche Flüchtlingslager, suchte Freiwillige und setzte sie in Szene. Auf einem Foto ist ein dunkelhäutiger Mann zu sehen, dessen Kopf mit einem Band vermessen wird. Die Szenen weckt Assoziationen zu Polizeiarbeit oder Sklavenhandel.

Für die Aufnahmen benutzte der Künstler eine alte Plattenkamera. Durch die alte Technik vermitteln die grossformatigen Schwarz-Weiss-Fotografien den Eindruck, sie seien alt. «Die Bilder erinnern an ethnografische Propagandaaufnahmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts», sagte Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums St. Gallen. Erst bei genauerem Hinsehen erkenne der Betrachter, dass es Bilder aus der Gegenwart seien, die Armut und Hoffnungslosigkeit wiedergeben.

Zwangsdeportationen und Prostitution

Daniela Ortiz hat für ihre Videoarbeit «Forcible Drugging to Deport» einen Selbstversuch aufgezeichnet (siehe Bild unten). Sie lässt sich Drogen injizieren, welche in den USA bei Zwangsdeportationen benutzt werden, um die Menschen während der unfreiwilligen Rückführung ruhig zu stellen. Während die Injektion wirkt, liest die Künstlerin Berichte über Deportationen vor.

10_Daniela_Ortiz_FDTD__Forcible_Drugging_to_Deport__Sedacion_Forzada_para_Deportar_2012_courtesy_the_artist

Ebenfalls in einem Film hat sich Candice Breitz dem Thema Prostitution angenähert. Ein Junge erzählt in einem rund einstündigen Video eine Geschichte über den ideologischen Konflikt zwischen Feministinnen, Amnesty International, Hollywood-Schauspielerinnen und Zuhältern. Begleitet wird der Vortrag durch einen Chor von Sexarbeiterinnen aus Kapstadt.

In einer weiteren Arbeit berichten Sexarbeiterinnen auf grossformatigen Bildschirmen vor orangem Hintergrund über persönliche Erfahrungen. (sda/cbe)

 



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