24.08.2020

Serie zum Coronavirus

«Wir leben in hysterischen Zeiten»

Folge 106: Reto Bühler hat Buchlesungen im Zürcher Kaufleuten und Kosmos organisiert. Jetzt arbeitet er beim Friedhof Forum.

Herr Bühler, Sie haben vergangene Woche als Leiter «Friedhof Forum» der Stadt Zürich begonnen. Warum haben Sie diesen Job angenommen?
Kultur in einem mir unbekannten Umfeld zu veranstalten, zu einem doch eher sensiblen Thema und dieses wunderschöne Kleinod «Friedhof Forum» mitgestalten zu können, - das hat mich sehr gereizt.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke? Ist es nicht deprimierend, sich beruflich mit dem Thema Friedhof auseinanderzusetzen?
In meinem Freundeskreis höre ich diese Frage häufig. Wieso beschäftigst du dich mit dem Tod? Ist das nicht deprimierend? Ich antworte immer mit einem Zitat von Marcel Reich-Ranicki, der sagte, dass es in der grossen Literatur immer um zwei Themen ginge: um die Liebe und um den Tod. Ich würde diese Aussage sogar erweitern und behaupten: Es geht im Leben immer und ausschliesslich um die Liebe und um den Tod. Also um das Entstehen und um das Vergehen.


Bildschirmfoto 2020-08-24 um 16.28.11

Was heisst das konkret?
Nirgends sonst beschäftigt man sich so viel mit dem Leben. Denn was wäre das Leben ohne die Endlichkeit? Nichts hätte eine Bedeutung, nichts eine Dringlichkeit! Auch die Menschen, die ich hier angetroffen habe sind allesamt humorvolle, liebenswürdige Zeitgenossen. Eine unglaublich heterogene Gruppe Menschen widmet sich hier dem Wohl der Zürcher Bevölkerung - höchst professionell und serviceorientiert. Das hätte ich so nicht erwartet. Ich habe bisher ja nur im privaten Sektor gearbeitet.

Sie waren vorher für die Kulturveranstaltungen im Kaufleuten und Kosmos zuständig. Hat Corona Ihren Wechsel beschleunigt?
Nein, denn ich hatte mich um die Stelle als Leiter der Kulturinstitution Friedhof Forum bereits vor Ausbruch der Pandemie beworben. Covid-19 hat meinem Job aber eine neue Gewichtung gegeben, eine andere Ernsthaftigkeit. Plötzlich hat das Wort «Mortalität» eine dringliche, aktuelle Bedeutung bekommen, wie man sie in der Schweiz oder Europa schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hat.

Wird es dieses Jahr überhaupt noch Kultur- und Leseveranstaltungen geben?
Ich befürchte, dass dieses Jahr nur sehr beschränkt Kulturveranstaltungen stattfinden werden. Und das nicht nur dieses, sondern sicherlich auch ein Grossteil des nächsten Jahres. Denn: Der sinnlichen Kraft einer Kulturveranstaltung ist Abstand halten und das Tragen einer Gesichtsmaske nicht gerade zuträglich. Es ist die Leichtigkeit abhanden gekommen. Und diese braucht es meines Erachtens um eine kulturelle Veranstaltung genussvoll besuchen zu können. Ich merke es an mir: Ich fühle mich gehemmt, will nicht unter zu viele Leute. Ein unangenehmer, mir völlig fremder Zustand.

Wie gehen die Autoren, die Sie kennen, mit der ganzen Krise um?Autorinnen und Autoren sind sich eigentlich gewohnt, im stillen Kämmerlein Social Distancing zu betreiben. Das Schreiben ist doch für die meisten eine eher einsame Tätigkeit. Somit änderte sich deren Arbeit durch Covid-19 nicht sonderlich. Lesungen hingegen können momentan nur beschränkt stattfinden, ausländische Autorinnen und Autoren können oft nicht einmal einreisen. Die Zeit zum Bücherlesen hat man jetzt wieder vermehrt. Ich hoffe, das wird sich auf die Verkaufszahlen auswirken. Aber die Unsicherheit unter den Autorinnen und Autoren ist schon gewaltig. Am schlimmsten getroffen hat es aber sicherlich die darstellenden Künstlerinnen und Künstler, die Schauspielerinnen, Musikerinnen. Deren Lage ist auf verschiedenen Ebenen katastrophal.

Was ist Ihre momentane Hauptbeschäftigung beim Friedhof Forum?
Ich muss mich erst einmal in die Verwaltung der Stadt Zürich einleben. Dieses Umfeld unterscheidet sich in Vielem von der Privatwirtschaft. Zudem organisieren wir gerade eine neue Ausstellung mit dem Titel «Asche und was vom Ende bleibt» der Fotografin Tina Ruisinger. Da muss noch vieles organisiert werden, unter anderem die Planung der Vernissage vom 3. September auf dem Friedhof Sihlfeld.

Wo haben Sie Ihre diesjährigen Ferien verbracht?
Da wir seit Jahren ein Haus auf Mallorca haben, waren meine Familie und ich auch dieses Jahr auf der Insel. Spanien war und ist ja sehr von dieser Pandemie gebeutelt. Mallorcas Hauptstandbein Tourismus ist um über 60 Prozent eingebrochen. Viele Geschäfte und Hotels werden das wohl nicht überleben. Das ist eine Tragödie für die Menschen dort.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Mit Unbehagen nehme ich wahr, wie sich die Gesellschaft verändert. Verschwörungstheorien. Pseudowissenschaften und «gefühlte Wahrheiten» blühen an Stellen, wo ich sie nicht erwartet hätte. Menschen, denen ich eine gewisse Nüchternheit und geistige Flexibilität zugebilligt hätte, gebären sich zusehends dünnhäutig, aggressiv und hitzköpfig. Vor allem in den sogenannten sozialen Medien herrscht ein Umgangston, der mich sehr beunruhigt. Wir leben in hysterischen Zeiten.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 


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