15.05.2019

Contexta

«Das klassische Modell ist für uns nicht praktikabel»

Die Agentur Contexta konvertiert zum «urbanen Nomadentum» und gibt die Büroräume in Bern auf. Die Pläne seien keine Sparübung, sagt Agenturchefin Nadine Borter im Interview. Sie erklärt im Detail, was sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorhaben.
Contexta: «Das klassische Modell ist für uns nicht praktikabel»
Nadine Borter ist Inhaberin und Chefin der Werbeagentur Contexta. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Frau Borter, in Bern herrscht grosse Aufregung: Ihre Agentur Contexta, die Uragentur der Bundesstadt, schliesst ihre Pforten. Was ist der Grund?
Zunächst einmal: Wir schliessen die Pforten nicht, wir suchen uns nur neue. Unser Weggang ist ja kein Nein zu Bern. Der Schritt ist ein Ja zur Agentur, und dazu, wie wir arbeiten wollen. Eben in der neuen Form als urbane Nomaden. Wir sind der Überzeugung, dass das für uns der einzige richtige Weg ist. Unser Weg sind die Wanderjahre. Aber wir sind noch immer eine Berner Kommunikationsagentur, die noch immer Strategie und Kreation macht.
 
Kann man als Agentur in Bern nicht mehr überleben?
Die Contexta ist nicht die einzige Agentur in Bern. Wir entscheiden uns aus einer starken Position heraus für den Schritt, auf den wir uns sehr freuen. In Tat und Wahrheit ist es sogar eine Investition in die Zukunft und keine Sparübung.

Was gab Ausschlag für diesen Entscheid?
Wir haben bereits vor zwei Jahren mit dem Umbau der Agentur begonnen. Wir sind der Meinung, dass das klassische Agenturmodell für uns nicht mehr praktikabel ist. Die physische Auflösung der Agentur ist nun einfach der letzte Schritt. Der Sichtbarste gibt natürlich zu reden.

«Als mobile Agentur können wir an Orte gehen, die nahe bei den Menschen sind»


Was heisst das?
Die Idee ist, dass wir als mobile Agentur an die Orte gehen können, die nahe bei den Menschen sind, uns beseelen und bereichern: ein Freibad, ein Café, die Langstrasse. Diese Orte sind für uns Quell der Inspiration. Hier stossen wir stets auf frische Insights. Wenn sich das Leben gleich vor der Agenturtür abspielt, braucht es keine Fokusgruppen mehr, um menschliche Wahrheiten aufzuspüren.
 
Sie haben sich für «urbanes Normadentum» entschieden. Was heisst das konkret?
Das urbane Nomadentum erlaubt uns, menschliche Wahrheiten aufzuspüren, und frei und unverkrampft mit den besten Köpfen die Dinge neu zu denken und sie schliesslich aufs Wesentliche zu reduzieren. Es hilft uns, Trendthemen früh zu erkennen und mit den besten Leuten auch grosse Themen anzugehen. Ganz konkret aber bedeutet es, dass wir uns einfach auf das beschränken, was wirklich wichtig ist. Und dass wir innerhalb von 24 Stunden unser Nomadenbüro an einem neuen Ort aufschlagen können. Das Nomadenbüro ist nicht nur höchst flexibel und funktional, es trägt auch die wunderbare Handschrift von Atelier öi, die für Marken wie Louis Vuitton und Bulgari arbeiten.

Also, Sie wechseln alle zwei Monate den Standort. Ziehen Sie den Kunden nach?
Wir ziehen dem Leben nach. Und unsere Kunden profitieren davon. Um Inspiration und menschliche Wahrheiten zu finden, gehen wir dorthin, wo das Leben spielt. Das kann überall sein und hat mit einer bestimmten Stadt nichts zu tun. Wir starten in Zürich.

«Die ganze Agentur mit allen Mitarbeitenden zieht jeweils weiter»
 

Wo genau liegt die erste Station?
Da müssen Sie sich überraschen lassen. So viel kann ich verraten: Es ist ein Ort, wo im Sommer das Leben spielt.
 
Planen Sie eine kreative «Tour de Suisse»?
Das kann man so sagen. Die Contexta geht auf Wanderjahre.
 
Was bedeutet dies für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Das bedeutet, dass die kreative Spielwiese grösser und spannender wird. Aber es verlangt natürlich nach neugierigen Mitarbeitenden, die es mögen, mit Routinen zu brechen, frisch zu denken und sicher auch mehr Verantwortung für ihre Arbeit zu übernehmen.
 
Ziehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeweils mit?
Natürlich, das ist ja das Konzept: Die ganze Agentur mit allen Mitarbeitenden zieht jeweils weiter. Wir setzen uns als Agentur neuen Einflüssen aus, um gemeinsam Lösungen zu finden. Physische Anwesenheit ist nötig für den kooperativen, kreativen Prozess. Wir haben uns deshalb einen Präsenzkorridor freigehalten, wo alle zusammen anwesend sind. Eine Agentur verteilt über die ganze Schweiz im Homeoffice oder in Cowoking-Spaces, das ist nicht, was uns vorschwebt. Natürlich suchen wir nach Mitteln und Wegen, die Umstellung beispielsweise für jene mit Betreuungsaufgaben möglichst angenehm zu gestalten. Wer die besten Mitarbeitenden haben will, muss als Arbeitgeber heute auch bereit sein im Management kreative Lösungen zu finden. Die Schweizer Politik hinkt ja der Realität seit langer Zeit hinterher.

Gibt es Entlassungen?
Ja, es ist zu Entlassungen gekommen. Wir haben jedoch die freien Positionen neu besetzt. Unter dem Strich bleibt die Zahl der Mitarbeitenden daher gleich.

Wie haben Ihre Kunden auf diese Ankündigung reagiert?
Unsere Kunden haben durchwegs sehr positiv reagiert. Sie werden ja auch Teil dieser spannenden Veränderung und werden davon profitieren.
 
Gibt es ein Vorbild für dieses Modell?
Keines, das uns bekannt wäre. Inspiriert hat uns aber unter anderem der dänische Vordenker, Dauerreisende und Bestsellerautor Martin Lindstrom. Er hat den Satz gesagt: «Wer wissen will, wie Tiere leben, sollte nicht in den Zoo gehen, sondern in den Dschungel.»

Wird sich die Agentur auch thematisch verändern?
Nein, wir bleiben eine Marken- und Kommunikationsagentur und wollen einen täglichen Mehrwert für unsere Kunden schaffen.



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Kommentare

  • Moreno Cavaliere, 15.05.2019 09:33 Uhr
    Liebe Nadine und Team, ich gratuliere euch zu diesem mutigen, innovativen und letzten Endes aber auch logischen Entscheid. Eure Kunden werden es euch verdanken. Die Contexta wird zum Circus Knie unter den Agenturen. Grossartig. Saluti Moreno Cavaliere, Gruppo Corriere del Ticino
  • Inken Rohweder von Trotha, 15.05.2019 10:05 Uhr
    Super! Veränderung ist immer gut. Ich wünsche euch viel Erfolg!
  • Walter Tagliaferri, 15.05.2019 11:57 Uhr
    Ja genau, das finde ich auch toll: handeln anstatt nur immer darüber reden. Gratuliere! Meinen Support habt ihr. Ich bin gespannt und grüsse euch, Walter
  • Dieter Widmer, 15.05.2019 12:31 Uhr
    Mir erschliesst sich der Vorteil dieses Nomadentum nicht. Zumindest wird es nicht umweltfreundlich sein. Und wenn die Agentur gleichzeitig Aufträge in Frauenfeld, Zürich, Bern und Basel zu erledigen hat? Dann ist die Agentur nicht in Bern, sondern noch in Rapperswil. Und die Übernachtungs- und die dauernd wechselnden Raummieten? Ich erachte das Konzept als Gag, der kaum einen Nutzen für die Kunden bringt.
  • Lahor Jakrlin, 16.05.2019 10:39 Uhr
    Schade, eigentlich. Mit Contexta hatte "Bern" wenigstens eine wirklich national ausstrahlende Agentur. Jetzt müssen wir Verbleibenden etwa knapp 10 mittelgrossen uns wohl mehr anstrengen, um "Bern" in den Markom-Medien präsent zu halten. Gratuliere Contexta zum Vorgehen, denn das neue Nomadentum schafft auch Transparenz zu Agenturengrössen: Freelancer werden sich das Palettensystem wohlnicht leisten können ;-)

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