02.09.2019

Amnesty International

Kritik an «Erst Ja, dann ahh»-Kampagne

Der Claim von Spinas Civil Voices verfehle das Ziel, schreibt ein Professor im «Tages-Anzeiger». Es sei pure Ironie, dass sich «ausgerechnet eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe des Softporno-Formats bedient».

Nicht die Freude verderben, sondern an die wichtigsten Spielregeln erinnern: Mit den Massnahmen unter dem Claim «Erst Ja, dann ahh» wollte Amnesty International auf freche Weise das Bewusstsein schärfen, dass für Sex gegenseitige Zustimmung gilt (persoenlich.com berichtete). Die von der Agentur Spinas Civil Voices entwickelte Kampagne gerät nun in die Kritik. Sie erreiche das Ziel nicht, im Gegenteil: Sie beleidige Menschen und schüchtere sie ein, schreibt Kolumnist Christian Fichter im «Tages-Anzeiger». Fichter ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Kalaidos.

Er ist der Ansicht, dass Sex mit Zustimmung eine Selbstverständlichkeit sei, eine Grundregel des menschlichen Zusammenlebens. Man solle die Menschen nicht an Werte erinnern, «die sie nie aufgegeben haben». Denn mit der Unterstellung, grosse Teile der Bevölkerung hätten ihren Anstand verloren, brüskiere man die Menschen und verängstige sie, denn es werde der Eindruck vermittelt, das für viele, Sex ohne Zustimmung des Partners normal sei, so Fichner.

«Des Softporno-Formats bedient»

«Anstatt Sensibilisierung entsteht Sensibilität für die verquere Botschaft, alles Verhalten sei angelernt. Im schlimmsten Fall gelangen Jugendliche zur Ansicht, sie dürften alles tun, solange es nicht mit Plakaten geregelt wird», heisst es in der Tagi-Kolumne.

Es sei pure Ironie, dass sich «ausgerechnet eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe des Softporno-Formats bedient». Das sei unpassend und wirkungslos. «Denn bei Werbung mit Sexszenen kommt es zum Vampir-Effekt: Es wird Aufmerksamkeit erzeugt – aber für Sex, nicht für das Beworbene».

Amnesty nimmt diese Einwände mit Interesse entgegen. «Kritik ist immer erwünscht», sagt ein Sprecher im Tagi. Die NGO plant nun, die Wirkung der Kampagne zu überprüfen und daraus zu lernen.

In den Spots sind Influencer zu sehen, etwa Karen Fleischmann (siehe oben). Regie führte die Schweizer Regisseurin Barbara Miller, die mit ihrem Dokumentarfilm «Female Pleasure» 2018 einen international ausgezeichneten Kino-Hit landete.


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KOMMENTARE

Victor Brunner
03.09.2019 18:43 Uhr
Beat Gerber, AI macht doch die Kampagne aus reinem Opportunismus um bei Jungen Gehör zu finden. Vergewaltigung ist Verbrechen an der Integrität von Menschen und muss bestraft werden. Wenn 2 Menschen miteinander Sex haben bleibt vieles im Dunkeln und schwierig Übergriffe zu beweisen. AI konstruiert "vorbeugend" schon mal einen Generalverdacht und schafft Beschäftigungstherapie für Strafbehörden! Aber immerhin noch auf den metoo-Zug aufgesprungen und Spendengelder verlocht!
Beat Gerber, Mediensprecher Amnesty Schweiz
03.09.2019 11:47 Uhr
Dieser Kommentar entbehrt jeglicher Grundlage. Die Behauptung, wir stifteten mit diesen Videos und Plakaten zum sozialen Unfrieden an, ist an den Haaren herbeigezogen. Ebenso die biologistische Erklärung, warum Vergewaltigung offenbar aus unseren Genen verschwunden sein soll. Damit geht der Autor einem klassischen Vergewaltigungsmythos auf den Leim, nämlich dem, dass der Täter immer der Fremde, der Andere sei. Genau das aber widerlegt die Forschung: In den meisten Fällen kennt das Opfer den Täter: es ist ein Bekannter, der Partner, der Ex-Partner. Wenn die Sache so einfach wäre und jede/r «diese Grundregel des menschlichen Zusammenlebens» kennen und beachten würde, warum belegen die repräsentativen Zahlen von gfs.bern und die Angaben von Opferberatungsstellen dann eine riesige Dunkelziffer bei sexueller Gewalt? Dass wir diese thematisieren und die Politik zum Handeln aufrufen, heisst noch lange nicht, dass wir die ganze Bevölkerung unter Generalverdacht stellen. Das ist eine weitere faktenlose Unterstellung in diesem Text. «Sex braucht die Zustimmung aller Beteiligten. Alles andere ist Vergewaltigung und gehört bestraft. Das wissen alle, sogar Vergewaltiger», behauptet der Professor. Doch Vergewaltigung ist im Gesetz ganz anders definiert – genau das will Amnesty ja ändern. Dazu braucht es eine breite gesellschaftliche Debatte.
Anne Boxleitner
03.09.2019 11:36 Uhr
Kann es sein, dass Hr. Fichner aus einer eingeschränkt männlichen Perspektive schreibt? Mehr als jede 5. Frau hat in der Schweiz bereits sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erfahren (Umfrage GFS Bern, Mai 2019). So eindeutig funktionieren die von ihm erwähnten "Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens" offenbar doch nicht. Zudem: Jungen Menschen zu unterstellen, sie würden im schlimmsten Fall alles tun, was nicht über Plakate "geregelt" werde, ist doch sehr weit hergeholt. Die Kampagne ist lustvoll, kommt ohne moralisierenden Zeigefinger aus und transportiert die wichtige Diskussion über "Consent" auf unangestrengte Art. Gratulation an Spinas Civil Voices und an AI.
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