11.07.2022

Thomas Städeli

«Mehr Spice Girls, weniger Agentur»

Der 53-Jährige ist seit rund 100 Tagen im Amt als COO und Partner bei Jung von Matt. Ein Gespräch mit Thomas Städeli über seinen brisanten Abgang bei Wirz, seine Aufgaben und das Wachstum beim neuen Arbeitgeber – und seinen Hund Jack.
Thomas Städeli: «Mehr Spice Girls, weniger Agentur»
«Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass so ein grosser Wechsel komplett emotionslos vonstattengeht», sagt Thomas Städeli, seit April 2022 Chief Operating Officer und Partner bei Jung von Matt. (Bilder: Joelle Hauser)
von Tim Frei

Herr Städeli, Sie haben einen Hund – haben Sie zu Jung von Matt gewechselt, weil einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen den Hund in die Agentur mitnehmen?
Natürlich. (lacht)

Und ernsthaft?
Jung von Matt lebt Unternehmertum und verbindet den Spirit eines Start-ups mit der Kompetenz eines Agenturnetzwerks. Wir sind ein Kollektiv verschiedener Unternehmerinnen und Unternehmer – und damit meine ich nicht nur die Managing Directors unserer einzelnen Agenturen. Alle Mitarbeitenden können Neues lancieren und tun das auch. Und das ist absolut zentral. 

Ihr Wechsel von Wirz zu Jung von Matt hat hohe Wellen geschlagen (persoenlich.com berichtete). Hätten Sie sich je vorstellen können, die Wirz-Gruppe zu verlassen? Immerhin waren Sie über 17 Jahre für die Agentur tätig, unter anderem als Mitinhaber …
klar konnte ich mir das vorstellen. Man sollte sich immer die Offenheit bewahren, Neues zu wagen. Und gleichzeitig die Vorstellungskraft, dass auch alles anders sein könnte, als es heute ist. Das ist ja auch unser Job: Neues wagen und anders machen, als es schon immer gemacht wurde. 

Warum war es für Sie mit Ihrem grossen Netzwerk nie ein Thema, sich selbstständig zu machen?
Klar war das ein Thema. Darum bin ich auch zu Jung von Matt gegangen. Wer hier nicht selbstständig denkt und handelt, ist am falschen Ort.

Was reizt Sie besonders an der neuen Aufgabe bei Jung von Matt?
Die Power unseres Ökosystems. Unzählige talentierte und motivierte Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen der Kreativkultur – von Imagekommunikation und Social Media über Digital Experience und Performance Marketing bis hin zu Sportmarketing und Nerdkultur – warten darauf, die Herausforderungen unserer Kundinnen und Kunden auf möglichst überraschende Weise zu knacken. Meine Aufgabe ist es, die passenden Köpfe zusammenzubringen und ihnen Raum und Zeit zu verschaffen. In diesem Zusammenhang kann man sich übrigens viel von dem Konzept der Pop-Bands wie den Spice Girls abschauen …

«Ich habe ein viel breiter und auch tiefer aufgestelltes Angebot angetroffen»

... den Vergleich mit den Spice Girls hätte ich jetzt nicht erwartet. Wie meinen Sie das?
Solche Bands setzen ganz bewusst auf einen Mix aus unterschiedlichsten Individuen mit spezifischen, aber schlussendlich eben sehr kompatiblen Fähigkeiten. Daraus entsteht dann nicht nur Musik, sondern es entstehen auch neue (Marken-)Welten, die sich in die Herzen und Köpfe der Fans einbrennen. Ich sehe das auch bei uns in der Branche: Agenturmarken haben nach wie vor eine starke Signalwirkung, Kundinnen und Kunden entscheiden sich aber in erster Linie für spannende, inspirierende und andersdenkende Köpfe und gut funktionierende, sich immer wieder neu erfindende Teams. In anderen Worten also: Mehr Spice Girls, weniger Agentur.

Sie sprechen von der «Power des Ökosystems». Gibt es schon konkrete Ideen, wie dieses umgesetzt werden soll?
Das passiert bereits heute jeden Tag. Wir nutzen die Power des Ökosystems nicht nur für zukünftige und aktuelle Projekte, sondern entwickeln damit auch neue Kompetenzen und Angebote. Während sogenannten «Powerweeks» lenken wir die gesamte Energie der Agenturen auf ein für uns und unsere Kundinnen und Kunden spannendes Thema – aktuell zum Beispiel Web 3.0, Diversity oder Nachhaltigkeit. Es ist beeindruckend, wie viel Momentum solche Wochen kreieren.

Wenn Sie die beiden grossen Agenturen vergleichen: Was sind die markantesten Unterschiede?
Ach, da gibt es einige: die Corporate-Farbe zum Beispiel, die Flussseite der Agentur, die Anzahl Agenturhunde, die Vielzahl an internen Events …  Viel wichtiger scheint mir aber, dass ich bei Jung von Matt – trotz ähnlicher Grösse – ein viel breiter und auch tiefer aufgestelltes Angebot angetroffen habe. Damit ist man automatisch sehr viel früher und eben auch intensiver an Projekten bei Kundinnen und Kunden mit dabei.

Konkreter bitte.
Das gelingt uns zum Beispiel mit dem Offering von Morrow, unserer Entity für die Entwicklung und Begleitung von smarten, zukunftsfähigen Geschäftsmodellen, oder mit der hauseigenen Performance-Agentur Jung von Matt Impact, die mittlerweile auch viele Kundinnen und Kunden ausserhalb unseres Ökosystems betreut.

«Den Mix aus Start-up-Mentalität und Agentur-Framework empfinde ich als einzigartig»

Bei Jung von Matt sind Sie als Chief Operating Officer und Partner für das «optimale Zusammenspiel aller Kommunikationsdisziplinen» zuständig. War dieses demnach bisher suboptimal?
Nein, aber wir können immer besser werden – vor allem, da wir kontinuierlich wachsen. Leap ist im April zu uns gestossen, im November werden wir weiterwachsen. Das bedeutet immer auch: mehr Zusammenarbeit, mehr internationale Ausrichtung und mehr Potenzial für gemeinsame Angebote.

Wir haben Sie dies bereits beim damaligen internen Wechsel bei Wirz gefragt: Mit was haben Sie überhaupt nicht gerechnet?
Dass es hauseigenes Bier gibt, dass ich keinen gedeckten Vespa-Parkplatz habe und dass mein erster Ausflug mit allen gleich nach Milano gehen würde … Im Ernst: Den erwähnten Mix aus Start-up-Mentalität – Aufbruch, Dynamik, Mut – und Agentur-Framework – Zuverlässigkeit, Stabilität, starke Kultur – empfinde ich als einzigartig.

Es ist bekannt, dass Sie ein Mann der Tat sind. Welche Veränderungen haben Sie in Ihren ersten 100 Tagen bereits vorgenommen?
Mein Fokus lag von Tag eins an darauf, das Potenzial unseres Ökosystems erstens zu erfassen und dann für unsere Kundinnen und Kunden im Rahmen konkreter Angebote nutzbar zu machen. Wer spannt mit wem zusammen zu welchem Thema für welchen Need von Schweizer Brands? Mit der Beantwortung dieser Frage renne ich glücklicherweise offene Türen ein. Dazu kommt, dass ich für alle Mitarbeitenden präsent bin und diese in ihren Themen mit meiner Erfahrung unterstütze. Das kann bei ganz kleinen, sehr alltäglichen Anliegen wie «Wie mache ich das nun am besten?» bis hin zu grossen Themen wie «Wie schätzt du das Potenzial dieser Kommunikationsplattform ein?» gehen.

«Man wird daran gemessen, was man aktiv tut und nicht auf welcher Position oder welchem Stuhl man sitzt»

In einem Kurz-Interview mit der Handelszeitung (HZ) haben Sie gesagt, dass Sie aus «schwierigen Situationen oft am meisten gelernt» haben. Was war für Sie die schwierigste Situation?
Ich habe eingangs erwähnt, dass man sich immer die Freude am Neuen bewahren soll. Aber es wäre gelogen, wenn ich sage, dass so ein grosser Wechsel komplett emotionslos vonstattengeht. Schliesslich ging es dabei ja nicht nur um mich selbst, sondern auch um mein damaliges Team.

Und was haben Sie daraus gelernt?
Dass man sich diese Freude eben trotzdem bewahren muss – Wandel und Wachstum können schmerzen, sind aber unabdingbar. Für Individuen wie auch Organisationen.

Gegenüber der HZ haben Sie zudem betont, dass «Führung Verhalten ist, und nicht Position». Wie haben Sie das konkret gemeint?
Dass man daran gemessen wird, was man aktiv tut und nicht auf welcher Position oder welchem Stuhl man sitzt. Das trifft auf mich zu, aber auch auf alle unsere Mitarbeitenden. Jede und jeder kann auf die ganz eigene Weise ein «Leader» sein. 

«Jack hat wie auch ich ganz viele tolle und neue Kolleginnen und Kollegen gefunden»

Hat sich Ihr Führungsstil über die Zeit verändert?
Nicht wirklich, nein. Mein Führungsstil speist sich aus meiner Persönlichkeit. Die hat sich zwar über die Jahre entwickelt, in den fundamentalen Punkten bin ich mir aber immer treu geblieben.

Was heisst das konkret?
Für mich war «Menschenführung» immer wichtiger als die «Unternehmensführung» als solche. Was nützt mir meine Position, wenn ich meine Mitarbeitenden nicht für ihre, unsere Arbeit begeistern kann?

Bei Wirz sind Sie einst vom ersten in den zweiten Stock gezogen, dort gebe es mehr Luft zum Denken und Handeln, wie Sie in einem persoenlich.com-Interview gesagt haben. Musste nun bei Jung von Matt jemand seinen Platz im oberen Stock räumen?
Ich sitze dort, wo es mich braucht. Und hatte bisher immer genügend Luft zum Denken und Handeln. Davon abgesehen ist der oberste Stock an der Wolfbachstrasse sowieso ein flexibler Workspace und gleichzeitig der Ausgang zur sehr beliebten und belebten Dachterrasse. Open Space für alle, sozusagen. 

Lassen Sie uns zum Schluss nochmals auf Ihren Hund Jack zurückkommen. Wie hat er sich an der Wolfbachstrasse 19 eingelebt?
Jack hat mit Kasimir, Hugo, Jambo, Henry, Ory, Basti und Batman an der Wolfbachstrasse – wie ich auch – ganz viele tolle sowie neue Kolleginnen und Kollegen gefunden.



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