04.03.2015

ADC Galerie

"Nur ein Ziel zu haben, finde ich gefährlich"

Der Zürcher Fotograf Cyrill Matter zieht eine Zwischenbilanz seines Schaffens.
ADC Galerie: "Nur ein Ziel zu haben, finde ich gefährlich"

Herr Matter, Sie sind Fotograf. Wann betätigen Sie den Auslöser?
Nicht sehr oft, um ehrlich zu sein. Ich versuche mir so gut wie möglich im Klaren darüber zu sein, was und warum ich etwas fotografiere. Ich bin nicht unbedingt der "running and gunning"-Typ. Es gibt diese Situationen, da geht der Verschluss zu und man weiss: "Das wird ein tolles Bild."

Fotografen gibt es so viele wie Fotoapparate. Und jeder denkt, er ist gut. Was macht Sie zu einem guten Fotografen? Was hebt Sie ab vom Rest?
Viele, die denken, sie seien nicht gut, sind es eigentlich. Aber es ist nicht an mir, zu urteilen, wer gut ist und wer nicht. Ich glaube, einen guten Fotografen macht aus, wenn er bereit ist, sich auf sein Bauchgefühl einzulassen und Bilder macht, die von Innen kommen. Wenn man bewusst kopieren oder reproduzieren will, ergibt sich nichts Spannendes. In gute Bilder fliessen all die Impressionen und die Erfahrung ein, die der Fotograf in seinem Alltag sammelt.

Wessen Bilder bewundern Sie?
Mir gefallen die Arbeiten von Richard Avedon sehr gut. Aber ich könnte auch viele andere Namen nennen. Ich beschäftige mich sehr eingehend mit dem Schaffen anderer Fotografen. Dabei sagen mir die einen Arbeiten mehr zu als die anderen – aber man nimmt immer irgendetwas mit.

Ab Donnerstag stellen Sie in der ADC Galerie aus. Was erwartet die Besucher?
Zum einen zeige ich eine reduzierte Auswahl von meinen Arbeiten. Zum anderen stelle ich die erste Ausgabe meines Magazins vor. Es bietet ein Querschnitt meiner Arbeiten aus den Jahren 2012-2014. Von meinen Anfängen bis heute, zusammengefasst auf 36 Seiten. Dieser Ausgabe sollen in den kommenden Jahren viele weitere folgen.

Warum ein Magazin?
Ein persönliches Faible. Das Magazin soll aber auch einen Anstoss geben für alle anderen jungen Fotografen, wieder mehr Bilder auf Papier zu drucken. Fotografie geht in der heutigen, übersättigten und digitalisierten Welt manchmal unter. Der Bilder-Strom ist so immens, dass man vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sieht. Ja, ich meine das genau so. Es gefällt mir, Bilder auf Papier, in Magazinen und Büchern, zu betrachten. Man nimmt sich mehr Zeit ein Foto anzuschauen. Und es gibt durchaus Bilder, die es verdienen, genauer betrachtet zu werden. Denn oft stecken in einer Fotografie mehr Gedanken als man im ersten Moment wahrnimmt.

Was ist spannender für Sie: Jemanden zu fotografieren, der den Umgang mit der Kamera gewohnt ist oder einen Laien?
Das kann ich so nicht beantworten. Das ist vom Charakter abhängig. Natürlich ist es angenehm, wenn eine Person viel einbringt. Aber es gibt auch Situationen, da ergibt sich genau durch die Unsicherheit und Nervosität eines Laien ein schönes Foto.

Ihre Lieblingsgeschichte rund um die Entstehung eines Bildes?
Ich habe immer mal wieder Leute fotografiert, die richtig mies gelaunt waren. Auf dem Endprodukt ist davon überhaupt nichts zu sehen. Solche Erlebnisse amüsieren mich persönlich. Denn nur ich kenne die wahre Entstehungsgeschichte. Grundsätzlich ist es wichtig, dass man aus scheinbar suboptimalen Bedingungen das Beste macht. Greg Gorman kam zum Beispiel mit einer geplatzten Ader im Auge ans Set. Er wollte, dass ich ihn nur mit Sonnenbrille ablichte. Eine Sonnenbrille macht nur selten Sinn. Ein Porträt ist etwas sehr Persönliches und Intimes. Sieht man die Augen nicht, verliert ein Bild meistens an Aussage. Bei Gorman fand ich ein abgedecktes Auge hingegen sehr passend.

Auch Sie decken ein Auge stets ab, tragen eine Augenklappe. Ein Mode-Statement oder nur ein Gag?
Weder noch. Ich hatte einen Unfall. Seither leide ich an Diplopie. Der Nerv meines Augenmuskels ist defekt. Um Doppelbilder zu vermeiden, muss ich das rechte Auge abdecken.

Als Fotograf muss man heute diversifizieren: Werbung, Editorial, Modeshootings, Pressebilder, Jahresberichte, Anlässe und Broschüren. Dennoch die Frage: Was würde Cyrill Matter machen, wenn er sich einen Wunsch erfüllen könnte?
Nur ein Ziel zu haben, finde ich gefährlich. Was ist, wenn man es erreicht hat? Wie geht es dann weiter? Ich setze mir Etappenziele. Manchmal ist es überraschend, wie früh man ein Ziel erreicht, von dem man geglaubt hat, dass es noch ewig weit entfernt liegt. Eines meiner Bilder wird auf dem Cover der französischen Ausgabe von "GQ" zu sehen sein. Wenn Sie mir das vor einem Jahr prophezeit hätten, wäre ich sehr skeptisch gewesen. Ich bin sehr ehrgeizig und tendiere zur Ungeduld. Auch deshalb muss ich mir immer wieder sagen: step by step.

Ihr aktuelles Projekt?
Ich arbeite an meinem Portfolio. Eine Lebensaufgabe.

Die Kamera, die Ihnen noch in ihrem "Waffenarsenal" fehlt?
Technik wird überbewertet. Man sollte sich mit seiner Kamera wohlfühlen. Natürlich muss man bei Auftragsarbeit die gewünschte Qualität abliefern und braucht die nötigen Werkzeuge dazu. Aber ein gutes Bild ist nicht abhängig von Schärfe, Megapixel oder Marke der Kamera. Es geht um die Komposition und Idee des Fotos. Ich persönlich arbeite gerne mit meiner schwerfälligen Mittelformat-Kamera. Damit habe ich Fotografieren gelernt. Falls die mal aussteigt oder die Umstände es erfordern, habe ich immer auch eine Kleinbildkamera mit dabei. Und sollte die auch den Geist aufgeben, schnappe ich mir aus meiner Tasche eine Einweg- oder Analogkamera.

Interview: Adrian Schräder/Bilder: Cyrill Matter


Die Ausstellung von Cyrill Matter in der ADC Galerie an der Zweierstr. 18 in Zürich dauert vom 5.-8. März. Die Vernissage findet am Donnerstag von 18-21 Uhr statt.



 



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