Herr Gabriel, Sie konnten kürzlich das 10-Jahre-Jubiläum Ihrer Agentur Angelink feiern. Was waren rückblickend die Highlights?
Einer unserer ersten Kunden war Ricola, für den wir einen virtuellen Kräutergarten programmieren durften und dabei die Technologie ausreizten, um die Kräuter zu animieren. Der Softwarehersteller Macromedia ehrte die Arbeit mit der Auszeichnung "Site of the Day", die uns weltweit Beachtung einbrachte. Aber auch das erste Kontaktformular im Internet war ein Highlight, weil als erstes Novartis Worldwide Communications antworte und uns an einen Pitch einlud. Wir setzten uns gegen renommierte Agenturen aus Paris und Deutschland durch und gewannen zwei Mandate. Leider waren die Webprojekte nie im Internet zu sehen, weil Novartis die Führung im Marketing auswechselte. Ein anderes Highlight ist sicherlich die Gründung von Angelink Yourposition, die sich auf das Suchmaschinenmarketing spezialisiert hat. Das ist eine Erfolgsgeschichte, die auch schon fünf Jahren währt.
Sie haben für renommierte Agenturen wie Advico, Wirz oder McCann-Erickson gearbeitet. Warum haben sie vor zehn Jahren das Risiko auf sich genommen und eine Crossover-Agentur gegründet?
Es ist eine gute Frage, warum ich mir das antat. Tatsächlich war ich auf der Karriereleiter hoch oben, war einst für den "Werber des Jahres" nominiert und hätte es nicht nötig gehabt, das Metier zu wechseln. Aber ich habe es im Grunde nicht gewechselt, sondern ergänzt. Als ich die Agentur Schminke Gabriel & Team führte, hatten wir Apple als Kunden. Ich entwickelte eine Affinität zu technische Spielereien und als das Internet kam, war mir sofort klar, dass Links und Webseiten die Kommunikationsbranche künftig massgeblich beeinflussen werden.
Obwohl die Branche damals das Internet verschmähte, stürzten Sie sich in das Onlineabenteuer.
Ja. Wie ein Tollwütiger eignete ich mir das Internetwissen an. Ich wollte mich aber nie von der klassischen Werbung lösen. Weil die Nische einer Crossover-Agentur noch nicht besetzt war, gründete ich Angelink. Ich war immer der Meinung, dass früher oder später ein Bedarf nach Crossmedia vorhanden sein wird. Die Gründung der Agentur war aber in der Tat mit viel Risiko verbunden. Ich hätte es ohne Zweifel einfacher gehabt, wenn ich weiterhin als CD für Agenturen gearbeitet hätte. Die Onlinewelt hat mich aber einfach zu sehr interessiert. Deshalb bereue ich die Entscheidung nicht.
Wie sind Sie auf den Namen Angelink gekommen?
Der Name entstand nicht nach einer mehrseitigen Namensstudie. Für einzelne Kunden mache ich das heute zwar gelegentlich. Der Name Angelink entstand nach zehn Minuten Denkzeit. Verschieden Kriterien wie Eigenständigkeit und Einzigartigkeit waren mir wichtig. Gabriel&Friends kam also nicht in Frage. Da mein Name mit dem Erzengel Gabriel assoziert wird, war Angel nahe liegend. Um im Namen die Verbindung Off- und Online hervorzuheben, fügte ich das Wort Link hinzu, löschte ein L, was zusätzlich das Wort "ink" für Tinte entstehen liess. Somit hatten wir im Namen alles drin, was Crossmedia auszeichnet.
Zur Onlineszene. Sie erwähnen in Referaten gelegentlich, dass die Schweizer Onlinewerbung bezüglich Ausgaben dem Ausland hinter her hinke. Ihre Agentur vermeldet in den letzten Monaten ein paar neue Mandate. Lahmt der Markt immer noch?
Im Vergleich zum Ausland investieren Schweizer Firmen immer noch sehr verhalten ins Onlinemarketing. Doch die Marketingchefs entdecken die neuen Spielwiesen im Internet und machen Budgets dafür frei. Angelink durfte für zwei Getränkelancierungen, Feldschlösschen Fresca und Rivella gelb, die Internetauftritte entwickeln. Früher hielten sich solche Konsumgüterfirmen eher zurück. Heute wagen sie mehr und sind erfolgreich.
Viele Werbeagenturen beschäftigen sich erst jetzt intensiv mit dem Aufbau eigener Onlineabteilungen. Bis anhin fristeten viele Onliner auf Agenturen ein Mauerblümchendasein. Hat die Branche die Entwicklung im Internet schlicht verschlafen?
Definitiv ja. Schweizer Agenturen haben den Zug verpasst, rechtzeitig im Onlinebereich aufzurüsten und sich Wissen anzueignen. Die Werbeagenturen haben ihre Beratungs- und Drehscheibenposition im Internet total verschlafen.
Haben sich grosse Agenturen schon für Angelink interessiert? Gab es Kaufangebote?
Drei Monate nach der Gründung hatten wir das erste Angebot auf dem Tisch. Das war mir aber zu früh. Im Laufe der Jahre kamen noch ein paar Angebote, die ich alle ablehnte. Ich rechnete in letzter Zeit mit neuen Angeboten. Es blieb aber zu meinem Erstaunen sehr ruhig. Von aussen betrachtet wären wir allerdings ein perfekter Partner für eine klassische Werbeagentur, weil wir uns in der Off- und Onlinekommunikation bestens auskennen. Agenturen, die aufstrebende IT- oder Webfirmen einkauften, mussten teils bittere Integrationserfahrungen machen.
Apropos einkaufen. Angelink mag es exotisch. So soll die Agentur angeblich mit sibirischen Programmierern zusammenarbeiten. Stimmt das?
Ja. Wir hatten eine Zeit lang für ein grösseres Projekt der Migros Programmierer aus Nowosibirsk beschäftigt. Dort hat es gute Leute, die gern an Webprojekten für den Westen arbeiten. Die Zusammenarbeit mit den sibirischen Programmier-Cracks ist aber schon eine Weile her. Heute arbeiten wir überwiegend mit Leuten aus der Schweiz.
Wie wollen Sie Ihre Agentur weiter ausbauen? Die Agentur hat sich in den letzten Monaten nach dem Weggang von Geschäftsführer Andy Waar neu organisiert.
Ich mache mir meine Überlegungen. Ob wir eine neue Partnerschaft eingehen, uns noch mehr spezialisieren oder uns gar einem Netzwerk anschliessen werden, darüber kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts Konkretes sagen. Die Marschrichtung für die nächsten zehn Jahre werde ich Ende Jahr festlegen. Es liegen viele neue Ideen in meiner Schublade. Das Problem ist allerdings, dass ich mehr Ideen habe als ich umsetzen kann.
Zum Schluss. Da gibt es eine lustige Geschichte über Sie. Sie sollen einmal einem Branchenkollegen die Auszeichnung "Kupferner Bär" verliehen haben. Sie schrieben auf Ihrer Agenturseite "für besonders mutiges Verwenden fremden geistigen Eigentums in Wort und Tat".
Für mich ist die Geschichte eigentlich vom Tisch. Aber kurz: Ein Mitarbeiter einer grösseren Werbeagentur bestellte bei uns eine Broschüre und hat danach Angelink-Gedankengut als brillante Eigenleistung verkauft, ohne dabei rote Ohrläppchen zu bekommen. Ziemlich dreist. Um ein Signal zu senden, ich konnte unmöglich juristisch vorgehen, haben ich seine Kopierarbeit mit dem "Kupfernen Bären" ausgezeichnet. Damals war der "Teddy-Summer" in Zürich. Nach einem halben Jahr wurde Angelink von der besagten Agentur in einer Fallstudie zwar zitiert, finanziell wurde ich aber nie für die geklaute Idee entschädigt.
(Interview: Christian Lüscher)

