25.11.2022

Weihnachtskampagnen 2022

«Wir haben alle Prozesse über den Haufen geworfen»

Der Migros-Weihnachtsspot stammt dieses Jahr von Kindern: Michel Noverraz vom MGB sowie Lorenz Clormann und Jan Kempter von Wirz über die Zusammenarbeit mit den Kids, die besonderen Herausforderungen der Kampagne sowie mehr Leichtigkeit im Advent.
Weihnachtskampagnen 2022: «Wir haben alle Prozesse über den Haufen geworfen»
Setzen für die Weihnachtskampagne 2022 auf die Ideen von Kindern: Jan Kempter (CD bei Wirz), Michel Noverraz (Senior Projektleiter Campaigning Migros) und Lorenz Clormann (ECD bei Wirz). (Bild: zVg)
von Michèle Widmer

Wie zeigte sich bei Ihnen dreien als Kind die besonders ausgeprägte kreative Ader?
Jan Kempter: Besonders ausgeprägt war sie vielleicht nicht einmal. Aber ich habe mir tatsächlich schon sehr früh sehr gerne Geschichten ausgedacht. An eine Story aus der zweiten Primarschulklasse kann ich mich sogar noch erinnern: Sie handelte von einer sprechenden Uhr. Hätte eigentlich auch gut in den diesjährigen Film gepasst.

Lorenz Clormann: Ich glaube, ich war als Kind nicht ausserordentlich kreativ. Aber meine Eltern haben mir in der Kindheit sehr viel Kreativität mitgegeben. Danke dafür!

Michel Noverraz: Meine Legowelten waren so bunt durchmischt wie die Geschichte unseres diesjährigen Filmes.

«Lassen wir uns von Kindern verzaubern»: Warum ist das in diesem Jahr die richtige Botschaft?
Noverraz: Insbesondere in diesem Jahr jagt eine Negativschlagzeile die nächste: Krieg, Inflation, Energiekrise, Klimakatastrophen und auch Covid begleiten uns tagtäglich. Wir wollten daher mehr Leichtigkeit in die Vorweihnachtszeit bringen. Nicht um von den grossen Problemen der Welt abzulenken als vielmehr bis zu einem gewissen Grad den Weihnachtszauber aufrechtzuhalten. Eine kleine Verschnaufpause, um die Welt wieder einmal für eine kurze Zeit durch die Augen der Kinder sehen zu dürfen. Im Übrigen übernehmen wir mit dem
Migros-Engagement nach wie vor soziale Verantwortung und unterstützen Bedürftige mit ganzjährigen Projekten.

Die neue Migros-Kampagne, rund um einen Geist, stammt aus der Feder von Kindern zwischen vier und elf Jahren. Wurden diese Kinder gecastet, oder wie fand die Auswahl statt?
Clormann: Die Kinder wurden gecastet. Aber es ging weder um das Aussehen noch um das Alter, sondern vor allem um die Fantasie. Sie durften uns eine frei erfundene Geschichte erzählen. Das waren die süssesten und tollsten Casting-Videos seit Langem.

«Die Kinder brauchten gar nicht so viel Unterstützung»

Das Drehbuch für den Spot entstand während eines zweitägigen Workshops. Was haben Sie den Kindern ausgangs gesagt? Welche Vorgaben hatten Sie?
Kempter: Wir haben den Kids erklärt, dass wir gemeinsam eine Weihnachtsgeschichte kreieren wollen. Inhaltlich waren sie völlig frei. Die Vorgabe war nur, dass die Geschichte auf die zuvor von anderen Kindern erzählten Storyelemente aufbaut, damit wir kohärent bleiben. Sie durften sich aber auch gegenseitig korrigieren und die Geschichte in neue Richtungen lenken.

Entstanden sind unter anderem eine Dinosaurier-Band, ein laufendes Brot oder das magische Regenbogenschwert: Wie haben Sie Kinder im kreativen Prozess unterstützt?
Kempter: Nachdem die Kinder verstanden haben, dass ihrer Fantasie wirklich absolut keine Grenzen gesetzt sind, brauchten sie gar nicht so viel Unterstützung. Aber damit das Storytelling in halbwegs geordneten Bahnen verläuft und nicht komplett im Chaos versinkt, haben zwei Theaterpädagoginnen die Kinder beim Erzählen angeleitet und im richtigen Moment die richtigen Fragen gestellt.

Wichtel Finn, Eule Mimi und zuletzt die Drohne Robin. Warum bleibt der Geist dieses Jahr namenlos?
Kempter: Namenlos war er eigentlich gar nicht. Tatsächlich war es so, dass sich die Kinder nicht auf einen Namen festlegen konnten. Ein paar Kinder haben ihn beim Erzählen «Phantomo» genannt. Ein anderes Kind fand, dass der Geist «Brigitte» heissen muss, was ich sehr lustig fand. Der Name wechselte also ziemlich oft. Wir haben darum entschlossen, den Namen einfach offen zu lassen. Zumal in diesem Jahr ja eigentlich nicht der Geist der Hero des Films ist, sondern die Kinder, die die Geschichte erfunden haben.

«Die ewiggleichen Tränendrüsen-Geschichten haben ihren Zenit erreicht»

Frey-Schokolade und Weihnachtsguetsli – oder welche Entschädigung haben die Kinder für Ihr Schaffen erhalten?
Noverraz: Die Kids kamen zum Glück auch ohne grösseren Zuckerschock auf tolle, humorvolle Ideen. Der eine oder andere Migros Ice Tea mag vielleicht etwas dazu beigetragen haben. Ansonsten verhält es sich nicht anders als bei uns Erwachsenen. Wir sind bereits mit Kaffee und einer monetären Entlöhnung happy.

In den letzten Jahren gab es immer mehr Anti-Weihnachtsspots. Warum macht es aus Ihrer Sicht Sinn, den bittersüssen Weihnachtsgeschichten den Rücken zu kehren?
Clormann: Ich würde unseren Film nicht als «Anti-Weihnachtsspot» bezeichnen. Weihnachten wird bei uns ja so gross gefeiert wie schon lange nicht mehr. Aber ich glaube, der Zeitgeist verlangt grundsätzlich nach etwas Neuem. Die ewiggleichen Tränendrüsen-Geschichten haben ihren Zenit erreicht und wie Michel Noverraz sagt, in diesen schweren Zeiten tut ein wenig Unbeschwertheit auch mal gut.

Abgesehen von den Kindern: Was war die grösste Herausforderung bei der Realisation dieser Kampagne?
Clormann: Bis zum Brainstorming der Kinder hatten wir und die Migros keine Ahnung, was für einen Weihnachtsfilm wir haben werden. Das war natürlich sehr ungewöhnlich und erforderte auch Mut.

Letztes Jahr lancierte die Migros die Kampagne bereits Anfang November. War das zu früh, oder warum haben Sie sich dieses Jahr für einen späteren Start entschieden?
Noverraz: Irgendeinmal hängt einem auch der Lieblingssong auf Repeat 1 aus den Ohren raus. Wir wollen so lange unterhalten, wie wir Herzen gewinnen können, noch bevor sich ein Spillover-Effekt einstellt.

In diesem Jahr haben Sie die kreative Arbeit an Kinder ausgelagert. War die Kampagne weniger oder gerade deswegen mehr Arbeit für Wirz?
Clormann: Weil wir sämtliche gelernten Kampagnen-Prozesse über den Haufen geworfen haben, war vieles neu und dadurch auch sehr herausfordernd und arbeitsintensiv.

Und zum Schluss: Was haben Sie vom kreativen Nachwuchs gelernt?
Noverraz: Was wir Erwachsene vorschnell als naiv beurteilen, trägt auf den zweiten Blick auch immer einen Funken Wahrheit in sich.

Kempter: Dass man nicht immer alles so ernst nehmen muss, schon gar nicht Weihnachten. Und dass man manchmal einfach mit einem magischen Regenbogenschwert ein Hirn herzaubern muss, wenn einem die Ideen ausgehen.

Clormann: Laufende Brote können sehr sympathisch sein.



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