24.04.2022

Green Media

«Wir setzen mit der Allianz einen Impuls»

Mehr klimaneutrale Werbung für die Schweiz – dafür setzt sich die neue Klimaallianz Green Media ein. Was steckt dahinter? Und wie viel CO2 produziert eine Kampagne? Initiant Tobias Zehnder von Webrepublic und Gründungsmitglied Rolf Suter von Mediaplus Suisse mit Details.
Green Media: «Wir setzen mit der Allianz einen Impuls»
Initiant von Green Media Switzerland ist Tobias Zehnder, Mitgründer und Partner bei Webrepublic (links). Rolf Suter, Managing Partner bei Mediaplus Suisse, unterstützte das Vorhaben von Beginn weg. (Bilder: zVg)
von Christian Beck

Herr Zehnder, was machen Sie im Privatleben, um die Umwelt zu schützen?
Tobias Zehnder: Ich engagiere mich für die Umwelt seit meiner Kindheit. Heute nutzen wir beispielsweise als Familie 100 Prozent Solarstrom, machen Ferien in der Schweiz, essen bio, saisonal und regional, reduzieren den Konsum tierischer Produkte, und ich fahre mit dem Velo ins Büro.

Und Sie, Herr Suter?
Rolf Suter: Wir haben einen E-Golf in der Familie, eine Heizung mit Erdsonde – und weil beide meine Kinder Vegetarier sind, esse ich sehr viel weniger Fleisch als früher.

Am Tag der Erde vom Freitag haben Sie bekannt gegeben, dass mehrere Agenturen eine Klimaallianz gründen (persoenlich.com berichtete). Was konkret haben Sie in Ihrem Betrieb bereits unternommen, um die CO2-Emissionen zu reduzieren?
Suter: Wir sind seit 2021 in der Schweiz klimaneutral und kompensieren unseren gesamten CO2-Ausstoss mit der «Stiftung Bergwaldprojekt». Wir meeten digital, haben keinen Fahrzeugpark, besuchen Kunden mit dem Zug, führen regelmässig interne Flohmärkte durch und sensibilisieren unsere Mitarbeiter, sich auch privat klimafreundlich zu verhalten.

Warum gelingt es nicht, die Emissionen komplett auf null herunterzufahren?
Suter: Wir kompensieren unseren Ausstoss zu 100 Prozent. Aber die Emissionen können wir natürlich nicht auf null herunterfahren. Wir brauchen trotz allem ein warmes Büro, und digitale Geräte funktionieren ohne Strom auch nicht. Übrigens haben wir letztes Jahr 1590 Kilogramm CO2 für Pitches produziert – auch etwas, wo man sparen könnte.

Was nicht reduziert werden kann, soll also kompensiert werden. Sind Kompensationen wirklich der richtige Weg? Oder wäscht man damit nicht einfach sein Gewissen rein?
Zehnder: Die Kompensation ist für Dienstleister wie uns ein guter Weg, um rasch einen spürbaren Beitrag zu leisten und auch hinter den abstrakten Begriff der CO2-Emission einen konkreten Wert zu setzen.

«Eine Kampagne mit einem Budget von einer Million Franken produziert 300 bis 500 Tonnen CO2»

In Ihrer Mitteilung vom Freitag heisst es, Werbekunden könnten die Emissionen ihrer Kampagnen berechnen und kompensieren. Wie viele Emissionen verursacht eine durchschnittliche Kampagne?
Suter: Eine Kampagne mit einem Budget von einer Million Franken produziert je nach Mediamix zwischen 300 bis 500 Tonnen CO2. Das entspricht 429'000 Waschgängen bei 60 Grad oder der Produktion von 23'892 Turnschuhen und der CO2-Bindung von 31'920 Buchen. Das ist eben schon ganz schön viel.

Und wo genau entstehen diese Emissionen?
Suter: Die Berechnung von ClimatePartner basiert auf wissenschaftlichen Datenbanken und Primärdaten der Medienpartner. Innerhalb der Kampagne werden verschiedene Bereiche identifiziert, in denen Emissionen verursacht werden. Dabei werden alle relevanten Emissionsquellen einbezogen. Das beginnt bei der Produktion, dem Serverbetrieb, der Datenübertragung bis hin zur Nutzung der Endgeräte.

Was kann kurz-, mittel- bis langfristig dafür getan werden, dass Werbung klimaneutral wird?
Zehnder: Kurzfristig können genau über den Weg der Reduktion und Kompensation sowohl das eigene Unternehmen wie auch die umgesetzten Kampagnen klimaneutral werden. Langfristig müssen wir aber weiterdenken und beispielsweise die Investitionen in neue Technologien zur Entfernung bereits bestehenden CO2 aus der Luft erhöhen, um die Auswirkungen des Klimawandels rückgängig zu machen.

«In der Tat ein Dilemma, hat Werbung doch immer das Ziel, den Konsum anzukurbeln»

Kritiker würden sagen: Auf Werbung verzichten, wäre am klimaneutralsten. Was entgegnen Sie?
Suter: In der Tat ein Dilemma, hat Werbung doch immer das Ziel, den Konsum anzukurbeln. Wenn es ehrlich gemeint ist, ist Werbung rund um Nachhaltigkeit für Marken jedoch eine Chance, Haltung zu zeigen und die Konsumenten zu sensibilisieren, im Alltag selbst auf Nachhaltigkeit zu achten.

Und was würden Sie zum Vorwurf sagen, die Klimaallianz betreibe einfach Greenwashing?
Zehnder: Wir haben diese Allianz aus persönlicher Überzeugung lanciert, auch weil wir gemerkt haben, dass an vielen Stellen in der Branche schon am Thema gearbeitet wurde. Die grosse Initialzündung blieb aber noch aus. Wir machen mit der Allianz also keine Werbung für etwas, sondern setzen einen Impuls und vereinfachen interessierten Unternehmen den Einstieg. Zudem empfehlen wir den Werbekunden, den Status «klimaneutrale Werbung» selbst nicht gross zu bewerben, sondern das im Stillen als neuen Standard zu praktizieren.

«Im Kern fokussieren wir auf Mediaagenturen»

Mediaplus Suisse, Webrepublic, Dentsu Switzerland, Livesystems, GroupM und Wirz sind die Gründungsmitglieder der Klimaallianz. Wie gross soll die Allianz noch werden?
Zehnder: So gross wie möglich. Die Allianz steht grundsätzlich allen Unternehmen offen, die die beiden Grundsätze einer klimaneutralen Werbewirtschaft mittragen. Im Kern fokussieren wir auf Mediaagenturen, da diese die Schnittstelle zwischen den Werbekunden, der Kreation und den Publishern sind. Aber auch Kommunikations- und Kreativagenturen wie Wirz und Publisher wie Livesystems sind bereits bei der Gründung dabei – und wir sind offen für viele weitere.

Wie sind Sie organisiert? Ist das für Sie ein ehrenamtlicher Job?
Zehnder: Ja, aktuell engagiere ich mich ehrenamtlich für die Allianz. Wir haben zum Glück mit ClimatePartner einen starken Partner mit an Bord, der uns tatkräftig unterstützt.

Zurück zu Ihnen privat: Was möchten Sie noch unternehmen, um noch grüner zu werden?
Zehnder: Die grossen Veränderungen werden aus meiner Sicht vor allem über gesellschaftliche Initiativen, Politik und neue Technologien erreicht. Hier werde ich weiter dranbleiben und mich engagieren.

Suter: Ich investiere bei Climeworks in eine Technologie, die der Atmosphäre CO2 entzieht, installiere dieses Jahr Solarpanels und fahre so viel wie möglich von Niederhasli mit meinem Gravelbike ins Büro. Das ist auch gut für meine persönliche Gewichtsbilanz.



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Kommentare

  • Tobias Zehnder, 26.04.2022 14:14 Uhr
    Danke für ihr Feedback, Herr Widmer. Die Mitglieder der Allianz sind sich diesem Dilemma bewusst – die Reduktion von CO2-Emissionen und die Kompensation des Restes ist Stand heute der einfachste Weg, aktiv zu werden und jeder Schritt in diese Richtung hilft. Längerfristig braucht es noch bessere Lösungen. Die Allianz bietet hier für die Branche eine Plattform zum Austausch und beschleunigt hoffentlich den Wandel.
  • Dieter Widmer, 25.04.2022 10:30 Uhr
    Klimaneutrale Werbung? Das ist eine Worthülse, die mehr verspricht, als sie einhält. Der CO2-Austoss ist extrem gross bei der Werbung. Der Umwelt ist wenig geholfen, wenn der Ausstoss einfach mit Investitionen in ein Umweltprojekt kompensiert wird. Das Wort klimaneutral sollte verboten werden und durch den Begriff "CO2-Austoss kompensiert" ersetzt werden. Das wäre viel ehrlicher.
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