20.04.2021

Serie zum Coronavirus

«Die Zeit ist reif für Reisepläne»

Folge 170: Cäsar Bolliger veranstaltet eine virtuelle Ferienmesse und ist überzeugt, dass man Sommerferien im Ausland verbringen kann.
Serie zum Coronavirus: «Die Zeit ist reif für Reisepläne»
Stellte im Schnelltempo eine virtuelle Online-Ferienmesse auf die Beine: Cäsar Bolliger. (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Bolliger, Sie veranstalten während der Pandemie eine Online-Ferienmesse. Wie ist es dazu gekommen?
Bereits im Corona-Sommer 2020 hatte ich ein Konzept für die Durchführung von virtuellen Kundenevents erarbeitet. Dabei hatte ich erstmals mit virtuellen Messe- und Kongress-Tools zu tun. Hellhörig wurde ich, als Ende Oktober 2020 die Meldung kam, dass 2021 alle grossen Ferienmessen nicht stattfinden werden und kein virtueller Plan B vorhanden war. Da musste ich nur noch eins und eins zusammenzählen.

Am 22. April geht es los. Wer ist dabei?
Inzwischen haben wir 40 Aussteller, die sich in vier virtuellen Hallen präsentieren. Darunter befinden sich alle grossen Schweizer Veranstalter wie Touristik Suisse/Kuoni, Hotelplan Suisse, TUI Suisse, die Globetrotter Gruppe, Knecht Reisen und die Twerenbold Gruppe. Ebenso verschiedene Spezialisten, Reisebüros und Destinationsvertretungen von Schweiz Tourismus, Deutschland bis zu den Seychellen. Und für die Kreuz- und Flusskreuzfahrten gibt es sogar eine eigene Halle.

War es schwierig, die Branche zu überzeugen?
Im Gegenteil! Walter Kunz, der Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV), reagierte positiv auf die Idee und erkannte sofort das Potenzial für Reiseanbieter und Tourismus-Destinationen, ihre Angebote trotz der Absenz von «echten» Ferienmessen zu promoten. Auch die Branche zeigte sich auf Anhieb begeistert. Praktisch jede Firma, welcher ich die Initiative präsentierte, sagte entweder sofort oder nach ein paar Tagen zu. Die Branche ist bereit, sich zu bewegen und das Publikum dort abzuholen, wo es sich informiert und bucht: online! Natürlich ist es für alle ein Experiment. Aber es ist auch eine einmalige Chance, die niemand verpassen will, um herauszufinden, ob dieses Modell für den eigenen Betrieb erfolgreich sein kann.

«Mit dem Astronauten Claude Nicollier geht es sogar in den Weltraum»

Aber kann dies funktionieren, wenn das sinnliche Erlebnis fehlt?
Grundsätzlich ist es gleich wie in der Realität, nur ohne Gedränge und stickige Luft (lacht). Konkret: Der Besucher erwirbt auf der Website ein Ticket und kann sich zum Messestart am 22. April mit E-Mail und Passwort über den Internet-Browser einloggen. Nach dem Login erwacht der Messebesucher als Avatar in einer sehr realitätsnahen virtuellen 3-D-Welt. Die Oberfläche ist ähnlich, wie sie jüngere Generationen aus Spielen wie Second Life oder Sims kennen. Für die Mehrheit der Besucher wird es allerdings ein komplett neues Erlebnis sein. Doch bereits nach kurzer Eingewöhnungszeit macht es richtig Spass, die neue Welt zu entdecken und mit anderen Avataren zu kommunizieren.

Was bringt das?
Der grösste Vorteil ist es, dass der Besucher ganz leicht per Match-Making-Technologie zum richtigen Berater oder Stand teleportiert werden kann und nicht kilometerweit über das Messegelände laufen muss. Über das Menü sind alle Stände und Vortragsräume auf dem Lageplan mit nur einem Klick erreichbar. Dort sind die Spezialisten direkt verfügbar und können kompetent Fragen beantworten und individuell beraten. Per Mausklick auf einen Aussteller-Avatar kann man einen Chat oder Videoanruf starten. Die Besucher können ihren derzeit sehr grossen Informationsbedarf live stillen – ganz im Gegensatz zu den anonymen Online-Buchungsportalen, wo sich oft niemand wirklich verantwortlich fühlt.

Was gibt es sonst noch zu erleben?
Besonders stolz bin ich auf die nie dagewesene Vielfalt an Vorträgen. Parallel werden in rund zwölf Auditorien täglich 150 verschiedene Präsentationen angeboten – Vorträge von 45 Anbietern und Experten. Die Frage «Wie sehen zukünftige Ferien mit Covid-19 aus?» ist genauso Thema wie Spezialreisen mit dem Frachtschiff oder Walking Safaris in Südafrika. Der Berner Tierparkdirektor Bernd Schildger entführt uns auf die Galapagosinseln, Corrado Filipponi zeigt ein Best-of seiner bekannten Multivision-Shows und mit dem Astronauten Claude Nicollier geht es sogar in den Weltraum.

Letztes Jahr waren Ferien in der Schweiz der absolute Trend. Ist dies immer noch der Fall?
Dieser Trend ist ja pandemiebedingt und nicht organisch entstanden. Er wird sich in diesem Jahr sicherlich fortsetzen, jedoch in abgeschwächter Form, da aufgrund der Impffortschritte und Massentests hoffentlich auch Auslandreisen wieder möglich werden. Der Nachholbedarf ist riesig. Die Tourismusbranche zeigt sich in der Krise extrem flexibel und kreativ. Sie unternimmt alles, um auch das Fernweh der Reisehungrigen zu stillen.

«Wir betreten Neuland und sammeln wertvolle Erfahrungen für die Zukunft»

Wie realistisch ist es überhaupt, diesen Sommer Ferien im Ausland zu verbringen?
Das ist definitiv möglich. Ziel der Messe ist es ja gerade, dem Publikum klarzumachen, dass die Zeit trotz Corona reif ist, wieder Reisepläne zu schmieden! Als Besucher der virtuellen Ferienmesse können Sie Ihre Traumreise zudem direkt beim Anbieter buchen. Dank der aktuell extrem kulanten Stornobedingungen sind Buchungen übrigens praktisch risikofrei.

Nun ändert sich die Quarantäneliste ständig. Wie wichtig wäre ein einheitlicher Impfpass – und wie realistisch ist dieser?
Es ist schwierig bis nahezu unmöglich zu beurteilen, wie sich die Situation weiterentwickelt. Wie schon angedeutet: Gefragt ist vor allem Flexibilität. Ich habe selber viele Jahre in der Tourismusbranche gearbeitet, daher weiss ich, dass diese Branche gewohnt ist, sich auf ständig ändernde Situationen einzustellen. Die Pandemie ist eine riesige Herausforderung, aber auch Chance! Mit «Land in Sicht» betreten wir Neuland und sammeln wertvolle Erfahrungen für die Zukunft. Wir setzen alles daran, dass die Besucher ein genussvolles Messe-Erlebnis haben und die Aussteller nebst Sichtbarkeit auch viele Neukontakte und im besten Fall Neukunden gewinnen. Jetzt muss die Premiere beweisen, dass es funktioniert – wovon ich überzeugt bin. Dann sehen wir weiter.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Zu sehen, wie mein Baby geboren wird. Erst kürzlich wurde die virtuelle Umgebung freigegeben und bei jedem Login habe ich Aussteller angetroffen, die ihren eigenen und auch Nachbarstände aus allen Winkeln begutachtet haben. Da realisierte ich zum ersten Mal, dass wir eine echte Ferienmesse-Umgebung kreiert haben. Die Aussteller konnten ihre Stände selber designen und einrichten, sie haben sich richtig ins Zeug gelegt und ziehen voll mit, was mich ausserordentlich gefreut hat. Jetzt überwiegt die Vorfreude auf den Eröffnungstag am 22. April! «Land in Sicht» heisst für mich auch, dass man mit einer optimistischen Lebenseinstellung Berge versetzen kann.

Cäsar Bolliger (41) hat viele Jahre in der Reisebranche gearbeitet, unter anderem als Marketingleiter bei Bentour Reisen und als Online-Marketingleiter bei Knecht Reisen. Heute ist er mit seiner Firma Digitalnormal in Baden als Spezialist für digitale Transformation tätig. Für seine virtuelle Ferienmesse konnte er sämtliche grosse Reiseveranstalter, Kreuzfahrtanbieter, Destinationen sowie den Schweizer Reise-Verband (SRV) gewinnen. (ma)


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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