22.03.2021

Corona-Jahr 2020

Unternehmen stehen besser da als erwartet

Die Berichtsaison für 2020 ist nahezu abgeschlossen und die überraschende Bilanz lautet: Die Schweizer Unternehmen haben zwar mehrheitlich weniger umgesetzt und auch der Gewinn ging bei der Mehrzahl zurück. Der Schaden hält sich aber in Grenzen.
Corona-Jahr 2020: Unternehmen stehen besser da als erwartet
Vielen Konzernen ist es gelungen, gerade unter dem Strich besser abzuschneiden als von der Finanzgemeinde erwartet. (Bild: pixabay)

Wie stark die Schweizer Unternehmen am Ende unter der Pandemie gelitten haben, zeigt die Berichtssaison 2020: von etwa 100 Unternehmen haben 80 Prozent einen Umsatzrückgang für das Geschäftsjahr 2020 verbucht. Dies zeigt eine Auswertung der Jahresergebnisse von rund 100 meist börsenkotierten Firmen durch die Nachrichtenagentur AWP. Im Schnitt sackten die Einnahmen um 20 Prozent ab.

Bei einigen Unternehmen, die die Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie besonders stark traf, wie etwa den Ausreissern Reisedetailhändler Dufry, brachen die Einnahmen gar um mehr als 70 Prozent ein. Andere Unternehmen dagegen profitierten, so etwa der Sensorenhersteller Sensirion, dessen Gas-Durchfluss-Messsensoren unter anderem in Beatmungsgeräten verwendet werden. Die Umsätze von Sensirion stiegen denn auch um knapp 50 Prozent

Weniger stark sind dagegen die Gewinne zurückgegangen. Nicht zuletzt dank Kosteneinsparungen ist es vielen Unternehmen hier gelungen, das Schlimmste zu vermeiden. So haben knapp 4 von 10 Unternehmen einen Gewinnrückgang verbucht, und 1 von 10 Unternehmen ist gar in die Verlustzone gerutscht. Auf der anderen Seite konnten aber auch 4 von 10 Unternehmen ihren Gewinn steigern.

Durch das Jahr im Blindflug

«Eine der grossen Überraschungen dieser Berichtssaison 2020 ist, dass die Bremsspuren bei den Unternehmen am Ende deutlich weniger dramatisch ausgefallen sind als zunächst befürchtet», erklärt Christian Gattiker, Leiter Research bei Julius Bär. «Das eigentliche Thema dieses Corona-Jahres aber ist vor allem, dass Investoren ebenso wie Analysten im völligen Blindflug durch das Jahr gegangen sind.» Erst die nun vorliegenden Daten zeigten, was genau bei den einzelnen Werten passiert sei.

Tatsächlich hat die Mehrzahl der Schweizer Unternehmen im Rahmen der Analystenerwartungen abgeschnitten. Auch hier wiederholt sich das Bild, dass mehr Unternehmen bei der Gewinnentwicklung positiv überrascht haben als bei der Umsatzentwicklung, wie eine weitere Auswertung der Nachrichtenagentur AWP mit knapp 80 börsenkotierten Unternehmen zeigt.

Während 55 Prozent der Unternehmen mit ihrem Umsatz den AWP-Konsens übertrafen, waren es beim operativen Gewinn 86 Prozent und beim Reingewinn immerhin 76 Prozent.

Der Aktienmarktstratege Wolf von Rotberg von der Privatbank Sarasin beobachtete ausserdem, dass es 2020 eine Erholung im zweiten Halbjahr gegenüber dem ersten gab. Allerdings fiel diese am Schweizer Markt weniger deutlich aus als in anderen Märkten.

Zwei grosse Bewegungen

Das Aktienjahr 2020 war für Schweizer Unternehmen von zwei grossen Bewegungen geprägt: «Anfänglich profitierten sie im Vergleich zu europäischen und globalen Aktien von ihrer sehr defensiven Ausrichtung und dem hohen Pharma-Anteil», so von Rotberg. «Als sich jedoch herausstellte, dass Pharmaunternehmen nur sehr selektiv von Covid profitieren können und auch die Verluste versicherungsseitig recht hoch ausfallen würden, wendete sich die steile Outperformance in eine deutliche Underperformance.»

Das belegen auch die AWP-Daten. Sowohl beim Umsatz als auch bei der operativen Gewinnentwicklung stellt Roche den grössten negativen Ausreisser dar. In beiden Fällen schnitt der Konzern klar schlechter als erwartet ab. Die anderen beiden Schwergewichte Nestlé und Novartis sind ebenfalls auf den hinteren Plätzen anzutreffen.

«Ein positives Gewinnwachstum zeigten Gesundheitsunternehmen ausserhalb des SMI, wie bspw. Siegfried und Bachem. Diese haben auch den Marktkonsens deutlich übertroffen», hebt Anlagestratege Adrian Schneider von der Graubündner Kantonalbank in diesem Zusammenhang noch hervor.

Dagegen haben Unternehmen wie der Logistiker Kühne+Nagel speziell in der zweiten Jahreshälfte kräftig aufgeholt. Experten betonen durchwegs, dass gerade zyklische Sektoren wie Industrie oder Grundstoffe sich ab Sommer überdurchschnittlich stark erholt haben.

Neben Kühne+Nagel gelang es Unternehmen wie dem IT-Distributor Also, dem Baustoffkonzern LafargeHolcim oder auch dem Verpackungsmaschinenhersteller Bobst, die Umsatzerwartungen zu übertreffen. Auch beim Gewinn schnitten sie teilweise besser als erwartet ab.

Krasse Gegensätze

Wie unterschiedliche die Entwicklung innerhalb eines Sektors ausfallen konnte, zeigt ein Blick auf die Finanzbranche. Zu den negativen Spitzenreitern gehören da der Rückversicherer Swiss Re, der im Corona-Jahr tief in die Verlustzone gerutscht ist, oder die eher kleine Banque Profil de Gestion, deren Zahlen 2020 noch röter wurden als im Vorjahr. Auf der anderen Seite hat die Online-Bank Swissquote 2020 einen Rekordgewinn eingefahren und auch die Grossbank UBS ihren Profit deutlich gesteigert.

Die Finanzbranche hat laut Stratege von Rotberg ebenfalls ein Gefälle zwischen dem ersten und zweiten Halbjahr gesehen. Während die Swiss Re im zweiten Halbjahr ihre Situation zwar verbessern konnte, «schaffte die Zurich im zweiten Halbjahr sogar die Kehrtwende, nachdem das operative Einkommen in der ersten Jahreshälfte wegen Covid-19 um 40 Prozent gefallen war.» Swiss Life war generell weniger stark betroffen. «Zuletzt haben sich auch die Banken im vierten Quartal deutlich erholt, aufgrund steigender Zinsen und der Verbesserung des wirtschaftlichen Umfelds.»

Trotz der Erholung Richtung Jahresende 2020, sind die Unternehmen beim Blick nach vorne nicht euphorisch. Entsprechend blieben «die Ausblicke der meisten Unternehmen aufgrund des ungewissen Verlaufs der Coronapandemie vorsichtig», kommentiert Schneider von der GKB. (awp/sda/lol)


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