10.12.2021

CZW

Abstimmungs-Eklat sorgt für Vereinsaustritte

Doch kein genderneutraler Vereinsname, dafür Sponsoren für Events: Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten musste Abstimmungen wiederholen – mit komplett neuen Resultaten. Die Konsequenz: Erste Vereinsmitglieder sind ausgetreten, darunter prominente Namen.
CZW: Abstimmungs-Eklat sorgt für Vereinsaustritte
Wirtschaftsjournalistinnen sind selten – und kommen künftig im Vereinsnamen des Clubs der Zürcher Wirtschaftsjournalisten auch nicht vor. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Noch im Juni war der Fall klar: Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten (CZW) hatte an der Generalversammlung beschlossen, künftig beide Geschlechter im Vereinsnamen zu verwenden. Offen war damals einzig die genaue Namensgebung – ob also mit Binnen-I, Genderstern oder Doppelpunkt (persoenlich.com berichtete).

Fast ein halbes Jahr später kommt es zur spektakulären Wende: Der Beschluss wurde rückgängig gemacht. Wie es dazu kam? Vereinspräsident Marc Kowalsky sagt gegenüber persoenlich.com, dass «aufgrund eines Formfehlers» die Abstimmungen von damals schriftlich wiederholt werden mussten – und prompt wurden die ursprünglich angenommenen Anträge abgelehnt. 

Zweidrittelmehrheit deutlich verpasst

Gemäss den Vereinsstatuten des CZW müssen Anträge mit der Einladung zur Generalversammlung verschickt werden. Laut Kowalsky wurde dies nicht eingehalten, womit eben dieser Formfehler vorlag. «In der mit der Einladung verschickten Traktandenliste stand unter Punkt 7 lediglich ‹Varia – Weitere vorgängig eingereichte Anträge der Mitglieder an den Vorstand›», so Kowalsky am Donnerstag. In den Vereinsstatuten heisst es aber: «Die Einladung muss die Traktandenliste, den Tätigkeitsbericht des Vorstandes und alle nötigen Unterlagen für wichtige Beschlüsse enthalten.»

Kowalsky weiter: «Die Gegner haben argumentiert, dass sie von den anstehenden wichtigen Beschlüssen nicht informiert waren und dass sie sich deshalb im Gegensatz zu den Befürwortern nicht auf die Abstimmung hätten vorbereiten und Support organisieren können.» Die Gegner reichten beim Friedensrichteramt der Stadt Zürich Klage ein. Dies stand in der Einladung zur zweiten Abstimmung.

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Die Umbenennung in den «Club Zürcher Wirtschaftsjournalist*innen» inklusive gendergerechter Anpassung der Statuten wurde im zweiten Anlauf zwar von 51,3 Prozent der Mitglieder unterstützt. Weil aber bei einer Statutenänderung eine Zweidrittelmehrheit nötig ist, fiel der Antrag deutlich durch. Dies überrascht insofern, als er an der physischen GV noch deutlich angenommen wurde – mit 18 Ja- zu 4 Nein-Stimmen bei 2 Enthaltungen. Kowalsky sagte damals gegenüber persoenlich.com: «Es ist ein Zeitgeist-Thema, die Frage war nicht sonderlich umstritten.»

Zur Kehrwende kann der Vereinspräsident nur Vermutungen anstellen: «Zum einen dürfte die dreimal höhere Wahlbeteiligung eine Rolle gespielt haben, die Datenbasis ist also eine viel grössere – was ja auch das Argument der Gegner war. Vielleicht spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass die Menschen schriftlich – also im Geheimen – bisweilen anders abstimmen als coram publico», so Kowalsky.

Dass der Frauenanteil in Schweizer Wirtschaftsredaktionen sehr tief ist, wie dies Handelszeitung-Chefredaktor Stefan Barmettler kürzlich in einem persoenlich.com-Interview feststellte, könnte wohl – von aussen betrachtet – auch eine Rolle gespielt haben.

Antragstellerin ist enttäuscht

Den Antrag zur Namensänderung eingereicht hatte Tamedia-Wirtschaftsredaktorin Isabel Strassheim. «Ich finde es sehr schade, dass sich das nötige Quorum nicht für eine Namens- und Haltungsänderung finden liess», sagt sie auf Anfrage. «Es zeigt mir, dass der CZW vor allem ein Verein älterer, konservativer Männer ist.»

Es sei auch fast schon ironisch, dass der Antrag auf die Namensänderung nicht durchgekommen sei, weil es dafür eine Statutenänderung und eine Zweidrittelmehrheit brauche. «Denn in den Statuten wurde der inzwischen zum Glück überholte Satz festgeschrieben, dass männliche Bezeichnungen auch für Frauen gelten. Das aber ist eine Aussage, die so nur Männer treffen können», so Strassheim weiter.

Ein Kränzchen windet sie dem Vorstand. Die nachgeholte Abstimmung sei sehr gut organisiert gewesen.

Veranstaltungen werden weiterhin gesponsert

Bei den anderen zwei Anträgen hätte eine einfache Mehrheit ausgereicht, weil es sich nicht um Statutenänderungen handelte. Doch beide scheiterten deutlich. Dem Verzicht auf Sponsoring bei der Jahresveranstaltung und der gleichzeitigen Prüfung alternativer Finanzierungsmodelle oder Anpassung des Rahmens der Veranstaltung stimmten 33,3 Prozent der Mitglieder zu – bei der ersten Abstimmung wurde die Vorlage noch knapp angenommen.

Den Sponsoringantrag eingereicht hatte Maren Meyer, Stv. Wirtschaftschefin bei Tamedia. «Selbstverständlich bin ich enttäuscht, dass der Antrag abgelehnt wurde. Aber ich sehe auch, dass es sich um eine Grundsatzfrage handelt», so Meyer auf Anfrage. «Wenn die Mehrheit der Mitglieder kein Problem damit hat, die Jahresveranstaltungen des Clubs weiterhin durch Grosskonzerne finanzieren zu lassen, muss ich das akzeptieren, auch wenn es meiner Auffassung von Unabhängigkeit widerspricht.»

Weiter unterstützten nur 23,7 Prozent den Antrag auf Ausarbeitung einer Branchenvereinbarung mit dem Ziel, dass Redaktionen in ihrer Berichterstattung 50 Prozent Akteurinnen der Wirtschaft zu Wort kommen lassen. Auch diese Vorlage wurde noch im Juni angenommen.

Die Korrektheit der Abstimmungsergebnisse sei von den Club-Revisoren geprüft und bestätigt worden, heisst es in den Unterlagen, die persoenlich.com vorliegen. 76 von 116 stimmberechtigten Mitgliedern hätten abgestimmt, womit die Stimmbeteiligung bei 65,5 Prozent lag – eben: mehr als dreimal so hoch wie an der physischen GV.

«Die Ergebnisse sind also basisdemokratisch breit abgestützt», betont Vereinspräsident Marc Kowalsky. Und: «Alle drei Ergebnisse sind eindeutig und kein Zufallsmehr.»

Austritte aus dem Club

Mit den neuen Abstimmungsergebnissen sind dennoch nicht alle zufrieden. Wie Recherchen von persoenlich.com ergaben, ist unter anderem Tamedia-Wirtschaftschef Peter Burkhardt deswegen aus dem Verein ausgetreten. Er war von 2017 bis 2021 Vorstandsmitglied. «Der Club richtet eine Generalversammlung aus, die einen fünfstelligen Betrag kostet, und lässt diese jeweils sponsern von einem Unternehmen. Ich bin der Meinung, dass dies unsere Unabhängigkeit als Journalistinnen und Journalisten tangiert», so Burkhardt. «Es kratzt auch an unserer Berufsehre, wenn wir als Bittsteller auftreten. Beides kann ich nicht mehr verantworten. Die Unabhängigkeit ist das höchste Gut von uns Journalistinnen und Journalisten. Ohne Unabhängigkeit ist unsere Glaubwürdigkeit in Gefahr.»

Dass eine zu 100 Prozent eigenständige Finanzierung möglich sei, zeige der Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten, die grösste wirtschaftsjournalistische Vereinigung Deutschlands. «Er lehnt jegliches Sponsoring durch Unternehmen ab und ist trotzdem in der Lage, grosse Veranstaltungen durchzuführen, obwohl die Kostenstruktur in Hamburg ähnlich ist wie in Zürich», sagt Burkhardt. Bereits als Mitglied habe er vor sechs Jahren einen ähnlichen Antrag gestellt. Dieser sei damals von der Generalversammlung angenommen worden. «Ein Jahr später stellte der Vorstand einen Rückkommensantrag, mit der Begründung, eine alternative Finanzierung sei nicht möglich. Die Generalversammlung folgte zu meinem Bedauern diesem Rückkommensantrag.»

Aus ähnlichen Gründen will auch Isabel Strassheim nicht mehr im Club sein: «Grund für den Austritt war vor allem auch, dass der Antrag für die Aufhebung des Sponsorings abgelehnt wurde. Als Journalistin ist es für mich wichtig, mir teures Essen und Getränke nicht von Unternehmen zahlen zu lassen.»

Maren Meyer ist ebenfalls ausgetreten. Sie fühle sich als Wirtschaftsjournalistin in einem Club, der in der heutigen Zeit in seinem Namen bewusst die Frauen ausschliesse, nicht mehr vertreten und willkommen.

Und Republik-Wirtschaftsjournalist Philipp Albrecht, welcher im Juni die Umbenennung auf Twitter öffentlich machte, nimmt das neue Resultat ernüchtert zur Kenntnis. «Ich bin aus dem Alte-weisse-Männer-Verein ausgetreten», so Albrecht am Donnerstag auf Anfrage von persoenlich.com.

Eine Person, die nach der ersten Abstimmung ihren Austritt erklärt hatte, machte diesen nach der zweiten Abstimmung wieder rückgängig. Insgesamt sei die Fluktuation 2021 im üblichen Rahmen, so Präsident Kowalsky. Aber: Selbstverständlich bedaure er jeden Austritt, egal aus welchem Grund er erfolge.



Mitarbeit: Tim Frei und Christian Beck


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KOMMENTARE

Christoph Grenacher
13.12.2021 06:49 Uhr
Als alter, weisser Mann und Nicht-Mitglied des CZW sei mir folgende Feststellung erlaubt: Stefan Barmettler hat voll und ganz recht.
Stefan Barmettler
12.12.2021 09:46 Uhr
Auf das Risiko hin, mit sachfremden Sprüchen («männlich, alt, weiss») eingedeckt zu werden: Ich gehöre zu jenen, die sich in der Abstimmung gegen die drei Anträge ausgesprochen haben. Weil sie billige Symbolpolitik sind. - Gender-Stern. Ich bin für eine klare Ansage, ohne Gendern: Club der Zürcher Wirtschafts-Journalistinnen und -Journalisten. Ein ernsthaftes Gender-Probleme sehe ich beim CZW allerdings nicht: Der Frauenanteil unter den Mitgliedern beträgt ein Drittel, im Vorstand liegt er bei 60 Prozent. Frauen sind im Führungsgremium also alles andere als unterrepräsentiert. Und ihr Anteil liegt höher als in der Chefredaktion von Tamedia (Frauenanteil: 0 Prozent) oder im Verwaltungsrat der Republik (50 Prozent). - Berichterstattung mit 50% Akteurinnen der Wirtschaft: Eine Quote zu definieren, wie viele Frauen und Männer in der Berichterstattung zu Wort kommen sollen, gehört nicht ernsthaft zur Aufgabe eines Vereins rsp. ihrer Mitglieder. Diese Definition ist Teil der Strategie einer jeder Medienmarke. - Sponsoring des Jahresanlasses: Privatfirmen, Staatsbetriebe und Behörden teilfinanzieren die Schweizer Medien alljährlich mit hunderten Millionen Franken. Via Inserate, Anzeigen, Partnerschaften. Das gibt wenig bis nichts zu reden. Wenn aber eine Firma (nicht nur «Grosskonzerne», wie Kollegin Maren Meyer schreibt) nach Mitgliederversammlung/Podium das Nachtessen übernimmt, dann soll die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Schweizer Medien in Frage gestellt sein. Wenn wir derart leicht zu beeinflussen wären, wäre es um den Wirtschaftsjournalismus ganz schlecht bestellt. So ist es definitiv nicht.
Peter Flückiger
10.12.2021 09:49 Uhr
Einmal mehr wird die Techtelmechtelgesellschaft bestätigt sprich Korruption bestätig. Was soll ich solchen Journalisten glauben. Eine Anzeige betreffend Diskriminierung wäre angebracht.
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