29.05.2012

Erfolgreiche Frauen

Colette Gradwohl

Als Chefredaktorin und Verlagschefin muss Colette Gradwohl für den Winterthurer "Landboten" ein zukunftfähiges Businessmodell erfinden. Wie will sie das Überleben der Zeitung sichern? Im fünften Teil unserer Serie "Erfolgreiche Frauen" spricht die 55-Jährige über die Auswirkungen des "Auflagen-Bschiss", Teilzeit arbeitende Männer und dreiste Werbekunden. Und sie verrät, dass sie schon lange davon träumt, ein Restaurant führen.
Erfolgreiche Frauen: Colette Gradwohl

Frau Gradwohl, was beschäftigt Sie momentan?

Aktuell die Winterthurer Wahlen: Ich leite nächstens ein Podium mit allen Kandidaten. Dann ein paar personelle Fragen: Ein Referat für den Kaderanlass unserer Firma Ziegler Druck- und Verlags-AG will auch noch vorbereitet sein. Und neben diesen aktuellen Aufgaben beschäftigen mich natürlich immer auch die grundlegenden Fragen unserer Branche: Wie gehen wir mit dem Strukturwandel um? Wie kommen wir trotz verhaltenem Inseratemarkt gut über die Runden? Zum Glück sind unsere die Leserzahlen stabil, wir haben eine recht hohe Leserbindung. Das ist wichtig, denn je mehr die Inserate-Einnahmen zurückgehen, desto entscheidender ist das Fundament einer treuen Leserschaft.

Sie müssen für den "Landboten" ein neues Geschäftsmodell erfinden. Wo lassen Sie sich inspirieren?

Ich beobachte, wie andere Verlagshäuser diese Herausforderung anpacken. Dabei schaue ich auch über die Grenze hinaus nach Deutschland. Doch nach all den Jahren ist auch klar: Das grosse Geheimrezept hat noch niemand neu gefunden. Wichtig bleibt, dass die Positionierung des "Landboten" klar ist – als lokale und regionale Zeitung. Dass ein kleines Medienhaus wie wir im digitalen Bereich gutes Geld verdienen kann, ist schwierig. Wir setzen hier nur sehr wenig Ressourcen ein und spielen damit in einer anderen Liga als die grossen Onlineportale. Trotzdem ist der digitale Weg auch für uns wichtig, vor allem um auch ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Ein jüngeres Publikum anzusprechen war eines Ihrer Ziele beim Start als Chefin vor sechs Jahren. Ist dies gelungen?

Ja, wenn auch noch auf tiefem Niveau, beispielsweise mit unserer iPad-App, die wir lanciert haben.

Hier sind die Downloadzahlen wohl nicht sehr hoch.

Selbstverständlich, diese Zahlen sind tief. Wir haben momentan täglich knapp 400 Downloads übers iPad, das ist wenig. Doch diese Zahl steigt stetig. Und auch bei den Online-Abos verzeichnen wir immer mehr Nutzer: Mittlerweile haben sich über 8‘000 Leser für den kostenpflichtigen Zugang registriert.

Nochmals zu den jüngeren Lesern: Haben Sie Ihr Ziel von 2006 erreicht?

Ob es gelungen ist, generell mehr jüngere Leser für die Zeitung zu begeistern? Die Zahlen zeigen, dass ich mich hier nicht brüsten kann. Doch wir dürfen nicht resignieren, sondern weiterhin versuchen, auch junge Leute anzusprechen, etwa durch die Weiterführung der Rubrik "Partyschiene" und andere spezifisch junge Angebote.

Vor Ihrem Start gab es beim "Landboten" einen Skandal, den "Auflagen-Bschiss": Die Auflage betrug nicht 48‘448 wie lange behauptet, sondern nur 38‘689 Exemplare. Dies wurde durch eine Untersuchung klar. Ihr Vorgänger versprach damals, dass man die "erfundenen" 10‘000 Leser nun regulär dazugewinnen wird. Ist dies gelungen?

Nein. Das ist nicht gelungen, denn dieses Ziel war mit Sicherheit viel zu hoch gesteckt. Ich kann gut nachvollziehen, dass man damals solche Versprechungen machte. Doch 10‘000 zusätzliche Leser waren ein zu ehrgeiziges Ziel.

Jetzt beträgt die Auflage 30‘000.

Ganz genau sind es gemäss Wemf 32'200.

Tamedia hält nur 20 Prozent am "Landboten", trotzdem sitzt Rolf Bollmann, Leiter Medien Zürich, in Ihrem Verwaltungsrat. Welchen Einfluss hat er?

Die Zusammenarbeit ist gut, angenehm und professionell.

Wie lange denken Sie, ist der "Landbote" noch eigenständig?

Dies wird nicht mein Entscheid sein. Ich habe derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass es zu grundlegenden Veränderungen kommt. Die bisherige Zusammenarbeit mit Tamedia im Druckbereich oder auch unter den Redaktionen, mit denen wir zusammenarbeiten, hat sich gut etabliert. Doch wie es in zwei, drei oder in sieben Jahren sein wird, kann ich nicht sagen.

Sie arbeiten auch mit der "Zürichsee-Zeitung" und dem "Zürcher Unterländer" zusammen, welche zu 100 Prozent Tamedia gehören. Tamedia will bei diesen Zeitungen Lokales weiter stärken, was bedeuten könnte, dass der "Landboten" den Mantelteil nicht mehr liefern könnte, wie bisher.

Ich bin überzeugt, dass es auch in den Lesergebieten der "Zürichsee-Zeitung" und des "Zürcher Unterländers" ein Interesse nach einer Komplettzeitung gibt. Zudem ist unser kompakter Mantelteil – mit Inland, Ausland, Wirtschaft, Kultur, Kanton und "Tagesthema" – exakt zugeschnitten auf die Bedürfnisse einer Lokalzeitung.

Wieviel verdient der "Landbote" mit diesen Mantelübernahmen?

Ich kann nur sagen: An den Kosten beteiligen sich alle Partner, zu denen übrigens auch der "Zürcher Oberländer" gehört, gemeinschaftlich.

Könnten Sie einen Wegfall dieser Einnahmen problemlos verkraften?

Nein, das könnten wir nicht. Aber wie gesagt: Dass unser Mantelteil nicht mehr gefragt sein sollte, dafür habe ich derzeit keine Anhaltspunkte. Er ist mit sieben bis acht Seiten täglich gerade richtig konfektioniert für Regionalzeitungen und vor allem sind unsere Partnerzeitungen mit ihm zufrieden.

Sie sind Chefredaktorin und Verlagschefin gleichzeitig. Dies ist an sich eine ungewöhnliche Konstellation, und als Frau sind Sie die einzige Schweizerin in dieser Doppelrolle. Wie gehen Sie um mit den ungleichen Interessen zwischen Publizistik und Verkauf?

Es gibt schon Situationen, bei denen ich mir genau überlege, welchen Hut ich gerade trage.

Wann?

Zum Beispiel wenn ein Kunde sein Inserat an einer ganz bestimmten Stelle platzieren will, zum Beispiel auf der Leserbriefseite, auf der wir bisher nie Inserate abdruckten. In diesem Fall habe ich mich ganz klar für den Redaktionshut entschieden. Daneben gab es aber auch schon Fälle, bei denen ich auf Vorschläge unserer Inserateleute einging, etwa als es darum ging, neu auch Inserate auf den Aufschlagsseiten unseres 3. Bundes zu publizieren. Da sagte ich: Okay, machen wir das zweimal pro Woche. Denn, wie schon gesagt, die Einnahmen aus dem Inserategeschäft sind für uns entscheidend.

Wann erlebten Sie Kunden als besonders dreist?

Die wiederholten Telefone von Leuten, die sich darüber beklagen, dass sie die Gratis-Grossauflage vom Mittwoch nicht regelmässig in ihrem Briefkasten haben. Oder jene, die meinen, sie hätten automatisch einen redaktionellen Bericht im Blatt, wenn sie ein Inserat aufgeben.

Bei Ihrem Stellenantritt im 2006 nahmen Sie sich zu Ziel, Frauen zu fördern. Konnten Sie dieses Ziel erreichen?

Ja, das ist gelungen. In der engeren Redaktionsleitung sind von fünf Personen zwei Frauen. Das Korrektorat wird von einer Frau geleitet. Und auch in den Teams ist mir wichtig, dass der Frauenanteil weiter zunimmt. Denn nur eine gut durchmischte Redaktion kann auch glaubwürdig für eine gemischte Leserschaft schreiben und ein ausgewogenes Produkt herstellen, das sowohl Frauen und wie auch Männer anspricht.

2006 arbeiteten beim "Landboten" 19 Frauen und 43 Männer (vgl. klartext.ch. Wie ist das Verhältnis heute?

Die Zahlenbasis hat sich etwas geändert, weil heute etwa auch der Produktionsbereich zur Redaktion gehört. Heute von insgesamt 76 Mitarbeitenden 25 Frauen. Es bleibt also noch einiges zu tun.

Haben Sie auch schon überlegt, dass der "Landbote" als Arbeitgeber die Kinderbetreuung regeln sollte?

Der "Landbote" ist zu klein, als dass er eine eigene Krippe zur Verfügung stellen könnte. Wäre die Belegschaft drei oder viermal grösser, sollte ein Unternehmen unbedingt solche Einrichtungen anbieten. Ich ermögliche viele Teilzeitpensen, auch für Führungspositionen. Und nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Denn ich finde es wichtig, dass auch Väter Zeit für ihre Familie einsetzen können.

Wie führen Sie?

Ich gehe ein auf meine Mitarbeiter, nehme sie ernst und kann gut zuhören. Die Türe zu meinem Büro ist meistens offen. Ich mag Menschen, bin diskussionsfreudig und bespreche Fragen und Probleme gerne intensiv. Natürlich muss irgendwann jemand entscheiden, aber mir ist wichtig, möglichst viele Meinungen und Argumente gehört zu haben. Ein angenehmes Arbeits- und Betriebsklima zu schaffen, sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben an.

Und persönlich, wie leben Sie?

Gut! (lacht). Ich arbeite 100 Prozent, das ist manchmal viel. Doch da ich in Winterthur wohne und nicht mehr pendeln muss, habe ich trotzdem freie Zeit für mich. Ich treibe gerne Sport, das heisst, ich versuche im Sommer jeden Morgen einen Kilometer zu schwimmen und laufe daneben oft. Zudem bin ich eine leidenschaftliche Köchin und lese sehr sehr viel. Dabei lese ich bewusst keine Zeitungen, sondern vor allem Literatur. Momentan etwa von Jennifer Egan "Der grössere Teil der Welt" oder, wieder einmal, Victor Hugos "Les Misérables", in Französisch, um meine Sprachkenntnisse nicht ganz verkümmern zu lassen.

Haben Sie eigene Kinder?

Nein.

Wie sind Sie aufgewachsen?

In Hettlingen, einem damals ruhigen 1‘000-Einwohner-Dorf in der Nähe von Winterthur, zusammen mit einer jüngeren Schwester. Meine Eltern lasen oft Zeitungen und engagierten sich auch politisch. Mir ist sehr gut in Erinnerung, wie sich meine Mutter fürs Frauenstimmrecht einsetzte. Das hat mich geprägt. Es gab lange Diskussionen mit Freunden und Bekannten.

Hat es sich bereits in Ihrer Jugend abgezeichnet, dass Sie Karriere machen werden?

Nein, dass ich Karriere machen will, hat sich nicht wirklich abgezeichnet. Ursprünglich wollte ich Medizin studieren. Doch ich entschied mich kurz vor der Matur dagegen und machte eine Ausbildung an der Dolmetscherschule. Rasch wurde mir klar, dass ich nicht einfach die Texte anderer übersetzen will, sondern selber etwas schreiben oder sagen will. Dies konnte ich dann im Journalismus.

Was wollen Sie sonst noch tun im Leben?

Ich bin nun 55 Jahre alt, da schraubt man die Ansprüche etwas herunter. "Ein Restaurant oder ein Hotel würde ich gerne führen", sagte ich früher jeweils. Das würde mir immer noch gefallen. Doch will ich in meinem Alter noch sieben Tage in der Woche rund um die Uhr arbeiten, wie dies im Gastgewerbe oftmals der Fall ist? Ich würde mir heute vielmehr gerne mehr Zeit nehmen, um richtig einzutauchen in ein Thema. Philosophie würde mich interessieren. Oder ich würde gerne noch eine ganz neue Sprache lernen. Spanisch etwa.

Wo wird man Ihren Namen in zwei Jahren lesen?

Ich gehe davon aus, dass dies noch immer beim "Landboten" sein wird.

Interview: Edith Hollenstein



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