06.10.2022

Reportagen

«Das ist ein veritabler Umweltkrimi»

Wegen toter Fische tauchte toxisches Altschotter auf: In einer Reportage erhebt ein Blausee-Mitbesitzer Vorwürfe gegen Bund und Kanton Bern. Die 70'000 Zeichen starke Investigativ-Recherche erschien im aktuellen Magazin Reportagen. Chefredaktor Daniel Puntas Bernet mit Details.
Reportagen: «Das ist ein veritabler Umweltkrimi»
«Aus Autorensicht gibt es nichts Befriedigenderes, tiefer zu graben, als es die normalen Mechanismen des Medienlebens erlauben», so Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor Reportagen. (Bilder: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Puntas, Ihre Zeitschrift hat zusammen mit Heidi News die «Causa Blausee» während acht Monaten recherchiert. Rückblickend gesehen – lohnte sich der Aufwand?
Auf jeden Fall. Aus Autorensicht gibt es nichts Befriedigenderes, tiefer zu graben, als es die normalen Mechanismen des Medienlebens erlauben. Wenn man dabei sogar auf bisher Unentdecktes stösst, facht das die Recherchierlust enorm an. Aus verlegerischer Sicht wünschte man sich, viel mehr solche Ausrufezeichen setzen zu können. Und nach den bisherigen Reaktionen zu urteilen, lohnt es sich auch für die Leserinnen und Leser.

Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Zuerst einmal mussten wir sicherstellen, dass die Hauptfigur Stefan Linder uns nicht bloss ihr bereits gesammeltes Material zur Verfügung stellt. Er hatte auf eigene Faust fast zwei Jahre für seine Zwecke recherchiert. Wir drehten dann sprichwörtlich jeden Stein um und waren bemüht, die gegenteilige Sicht gleichermassen und ausgewogen zu zeigen. Dann musste sich Linder auch als Person öffnen, was er bisher öffentlich so noch nicht gemacht hatte. Leider waren die Exponenten der Gegenseite dazu nicht bereit. Schliesslich teilten wir die Themen wie Tunnelbau, Deponiewesen, Gewässerschutzordnung, Eisenbahngesetzgebung, Geheimabkommen, Fischzucht et cetera unter uns auf, schrieben die einzelnen Teile und fügten gegen Ende alles zusammen.

Nun sind zwei Medien beteiligt, gibt es da eine Aufgabeteilung?
Das lag aufgrund der Sprachkompetenz auf der Hand. Wir haben im Kanton Bern recherchiert – da gab es ja genug zu tun –, und Heidi News kümmerte sich um die französischsprachigen Aspekte. Namentlich um den Betonkonzern Vicat in Paris, den Besitzer des Steinbruchs, und Belgien: Dort dürfte zu den mirakulös verschwundenen toxischen Bahngeleisen aus dem Lötschberg Scheiteltunnel, die der Berner Bauriese Marti mit dem Segen der BLS exportiert statt fachgerecht entsorgt hatte, noch einiges zu lesen sein.

«Bisher kamen jeweils nur Einzelaspekte ans Tageslicht»

Wie waren jetzt die Reaktionen auf Ihren 70’000-Zeichen-Stoff?
Bis anhin ausschliesslich positiv. In der Schweiz hatten viele – bis zum Überdruss – von den toten Forellen im Blausee gehört. Dabei kamen jeweils nur Einzelaspekte ans Tageslicht. Einmal die – vorläufig – ganze Geschichte präsentiert zu bekommen, wird sehr geschätzt. Und unsere deutschen Leserinnen und Leser reiben sich verwundert die Augen über die Zustände bei ihrem südlichen Nachbarn, die sie bis anhin weit südlicher angesiedelt hätten.

Sie sprechen von der Schweizer «Abfallmafia». Hat sich diese gemeldet?
Nicht wir nehmen diesen Begriff in den Mund, sondern verschiedene Exponenten der Geschichte. Dass sich die verschiedenen Firmen und Behörden untereinander absprachen und sprechen, darauf deutet sehr vieles hin. Und ja, einzelne Protagonisten unserer Geschichte haben uns bereits ihren Unmut über die Berichterstattung mitgeteilt.

Gab es politische Reaktionen?
Nein, bisher nicht, wobei uns zugetragen wurde, dass sowohl in der Politik wie auch bei den involvierten Behörden der Text für Aufruhr sorgt.

«Ein Stoff, den es so in der Schweiz selten gibt»

Was gab Ihnen die Gewissheit, dass jemand ausserhalb der Region Blausee dieses Stück überhaupt jemand liest?
Seit im Herbst 2020 die Blausee AG an einer Medienkonferenz über das Fischsterben informierte und sich die verschiedenen Parteien mit Darstellungen und Rechtfertigungen gegenseitig überboten, war uns klar: Das ist ein veritabler Umweltkrimi, eine ganze Palette von schillernden Figuren inklusive. Ein Stoff, den es so in der Schweiz selten gibt – und dann findet das Ganze noch direkt vor der eigenen Haustüre statt. «Gut» gegen «Böse» funktioniert als Geschichte immer – und noch viel mehr, wenn der vermeintliche Kämpfer für das Gute nicht nur geliebt wird, und die angeblich Bösen es zuweilen auch gut meinen.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus der ganzen Recherche?
Dass sich leider bei den Leadern in Wirtschaft und Politik die Unsitte verbreitet, nicht mehr mit einem klaren Wort hinzustehen und offen Auskunft zu erteilen. Eine Armee von PR-Beratern und Kommunikationsverantwortlichen schirmt diese immer mehr ab und verbreitet sprachlich austradierte, durchgestylte Nullaussagen. Etwas mehr «Eier» von den Herren und Damen in den Chefetagen wäre wünschenswert.

Ihr Magazin heisst «Reportagen» und besticht immer wieder durch aussergewöhnliche Texte. Kann man dies langfristig überhaupt finanzieren?
Eine Frage, die wir uns seit der Gründung 2011 im Halbjahres-Rhythmus stellen. Ökonomisch steht uns das Wasser ständig bis zum Hals oder eher bis zum Kinn. Wären unser Team in der Schweiz und Deutschland und unsere Autorinnen und Autoren nicht alle mit so viel Begeisterung dabei und würden nicht auf vieles verzichten, ginge es wohl nicht auf. Aber wir bleiben optimistisch: Je härter uns der digitale Gegenwind mit seinem Kurzfutter entgegenweht, je grösser die Chance, dass sich unsere langen Geschichten in der Printnische halten können.

Was planen Sie als nächstes?
Mehr «Blausee». Die Finanzierung ist zwar eine Herausforderung – in diesem Fall halfen uns JournaFonds und der Recherchefonds von Reportagen –, doch die Befriedigung, mit einer tiefergehenden Recherche den Finger auf einen wunden Punkt legen zu können und im besten Fall etwas Positives zu bewirken, ist unbezahlbar – letztlich die Essenz unseres Jobs.

 



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