01.09.2026

Matthias Zehnder

«Das Problem liegt nicht beim Journalismus selbst»

Medienjournalist Matthias Zehnder feiert ein Jubiläum: Der ehemalige Chefredaktor der Basellandschaftlichen Zeitung und heutige Verleger von Edito interviewt für seinen Newsletter wöchentlich einen Journalisten oder eine Journalistin. Aktuell sind genau 400, die die Befindlichkeit der Branche beschreiben.
Matthias Zehnder: «Das Problem liegt nicht beim Journalismus selbst»
«Es gibt immer wieder Angefragte, die sich gerade nicht zu Medien und ihrer Entwicklung äussern möchten», so Matthias Zehnder, der mittlerweile 400 Fragebogeninterviews von Medienschaffenden publiziert hat. (Bild: Archiv/Ferdinando Godenzi)

Herr Zehnder, Sie interviewen in Ihrem Newsletter wöchentlich Journalistinnen und Journalisten. Aktuell sind es exakt 400. Wie erleben Sie die Stimmungslage in der Branche?
Angespannt und gedrückt, wenn es ums Geld geht, interessiert und hochmotiviert, wenn es um die Inhalte geht. Die Medienschaffenden machen sich intensiv Gedanken darüber, wie sie junge Menschen erreichen, ausgewogen berichten, Bubbles sprengen und spannend bleiben können. Die Interviews zeigen: Das Problem liegt nicht beim Journalismus selbst. Es liegt bei seiner Finanzierung, und inzwischen auch bei der Frage, wozu er da ist.

Was beschäftigt Ihre Interviewpartnerinnen und Interviewpartner am meisten?
Geld und KI. Lea Hartmann von CH Media hat es im 383. Interview auf den Punkt gebracht. Sie sagte, die Frage sei, «wie wir es schaffen, dass Menschen für vertrauenswürdige Informationen und damit guten Journalismus zahlen.» Ruedi Josuran sagte, nicht die KI sei das Problem: «Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen zwei Arten von Journalismus: Industrieller Journalismus ist skalierbar, schnell, austauschbar und hoch automatisierbar. Beziehungsjournalismus basiert auf Vertrauen, Haltung, Erfahrung, Begegnung und ist nicht automatisierbar.» Beide meinen dasselbe: Wie bauen wir heute eine vertrauensvolle Beziehung auf zu unserem Publikum?

Welches war Ihr spektakulärstes Interview überhaupt?
Schwierig. Wenn ich einen herauspicken muss, dann Karl Lüönd. Er hat mir zu allen Antworten auch gleich noch Erklärungen geliefert und Anekdoten erzählt, «natürlich nicht für die Öffentlichkeit».

Wie authentisch sind Journalisten in ihren Antworten? Oder beschränken sie sich verstärkt auf PR-Floskeln?
Die meisten sind sehr authentisch und kümmern sich (manchmal zum Entsetzen der Medienstellen) überhaupt nicht um den PR-Sprech ihrer Unternehmen.

Haben alle Angefragten mitgemacht?
Nein. Es gibt immer wieder Angefragte, die sich gerade nicht zu Medien und ihrer Entwicklung äussern möchten. Und dann gab und gibt es auch Journalisten, die sich keine Gedanken über Medien machen wollen. Ich finde das erstaunlich, aber so ist es.

«Wie können wir den Schritt machen von einem aufmerksamkeitsorientierten Journalismus zu einer vertrauensorientierten Publizistik?»

Aus Ihrer Warte: In welcher Richtung entwickelt sich der Journalismus?
Ich würde unterscheiden zwischen Journalismus und den Medien. Der Journalismus ist deutlich vielfältiger geworden. Die meisten Journalisten packen an, setzen sich mit neuen Themen und Techniken auseinander und sind bereit, auch sich selbst neu zu denken. Die Medienhäuser können als Unternehmen nicht so agil sein. Manche Häuser werden zudem von Leuten geleitet, die sich mehr mit Geld beschäftigen als mit Medien.

Wo sehen Sie langfristig die grössten Herausforderungen der Branche?
Vor einem Jahr hätte ich gesagt: in der Finanzierung von Journalismus. Heute muss ich sagen: im Finden einer sinnvollen Existenzberechtigung. Deshalb geht es nicht mehr nur ums Geld, es geht auch darum, herauszufinden, welche Aufgabe der Journalismus mit dem verbliebenen Geld lösen soll. Heisst: Wo zwischen KI, Google und den vielen anderen Informationsangeboten ist die schmerzende Lücke, die Journalismus sinnstiftend füllen kann? Es fehlt uns allen ja nicht an Informationen, sondern an Vertrauen. Die grosse Herausforderung der Branche ist deshalb: Wie können wir den Schritt machen von einem aufmerksamkeitsorientierten Journalismus und dem damit verbundenen Geschäftsmodell zu einem Geschäft mit Vertrauen und einer vertrauensorientierten Publizistik?


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KOMMENTARE

Martina Müller
03.09.2026 09:17 Uhr
Auch Experte Victor Brunner, der Experte für alles, ordnet ein.
Victor Brunner
03.09.2026 09:15 Uhr
"Die meisten Journalisten packen an, setzen sich mit neuen Themen und Techniken auseinander und sind bereit, auch sich selbst neu zu denken". Nun das denken überlassen sie vielfach den ExpertenInnen die dann "einordnen".
Kurt Schaad
02.09.2026 12:13 Uhr
So ist es - genau auf den Punkt gebracht