26.10.2023

20 Minuten

«Den Strukturwandel kann niemand aufhalten»

Dem Pendlermedium steht ein Stellenabbau bevor. Betroffen sind laut einer Mitteilung vom Mittwoch 35 Stellen in der Romandie und in der Deutschschweiz. Wo konkret wird abgebaut? Bernhard Brechbühl, CEO der 20-Minuten-Gruppe, nimmt im Exklusivinterview Stellung.
20 Minuten: «Den Strukturwandel kann niemand aufhalten»
«20 Minuten hat durch die Pandemie gelitten», so Bernhard Brechbühl, CEO der 20-Minuten-Gruppe. (Bild: 20min/Marco Zangger)
von Christian Beck

Bernhard Brechbühl, wie haben die Mitarbeitenden am Mittwoch auf die Hiobsbotschaft, dass 35 Stellen abgebaut werden sollen, reagiert?
Das war für alle schmerzhaft. Es ist uns allerdings gut gelungen, die wirtschaftlichen Folgen des Medienwandels für unser Unternehmen aufzuzeigen. Deshalb waren die Reaktionen und Fragen in der Romandie und in der Deutschschweiz bisher mehrheitlich sachlich und konstruktiv.

Die Romandie ist stärker betroffen als die Deutschschweiz. Haben Sie sich verkalkuliert?
20 Minuten hat durch die Pandemie gelitten. Das ist wenig verwunderlich, wenn einer Pendlerzeitung während vieler Monate die Pendler abhandenkommen. Die Erwartung war aber, dass sich der Werbemarkt nach der Pandemie deutlich stärker erholt, als dies bis heute der Fall ist. Nun müssen wir reagieren und uns schlanker aufstellen, insbesondere in der Romandie, wo die aktuelle Dimension der Redaktion nicht mehr den Marktgegebenheiten entspricht. Auch nach dem Abbau werden die Ressourcen unserer Redaktion in der Westschweiz jene von Konkurrenzangeboten weiterhin massiv übersteigen. Dank einer neuen Redaktionsorganisation, einer Intensivierung der Zusammenarbeit innerhalb der 20-Minuten-Gruppe und neuer technologischer Möglichkeiten werden wir nach wie vor ein sehr reichhaltiges inhaltliches Angebot bereitstellen.

«Die Massnahmen verteilen sich auf verschiedene Ressorts»

28 Mitarbeitende sind in der Romandie vom Stellenabbau betroffen. Welche Ressorts und Abteilungen müssen abbauen?
In der Westschweiz sind voraussichtlich die Redaktionen von 20 minutes, lematin.ch und der Agentur Sport-Center betroffen. Letztere beliefert neben 20 minutes und lematin.ch auch die Bezahlmedien von Tamedia in der Romandie mit Sportberichterstattung. Wir starten am Donnerstag in der Romandie ein Konsultationsverfahren mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das heisst, sie können Vorschläge einreichen, wie die Kostensenkungsmassnahmen konkret ausgestaltet werden könnten. Im Anschluss werden diese ausgewertet und wir informieren unser Team so rasch wie möglich über die Ergebnisse und die weiteren Schritte.

In der Deutschschweiz müssen sieben Leute gehen und drei Personen das Pensum reduzieren. Welche Ressorts sind hier betroffen?
Wir werden an unserem publizistischen Dreiklang, bestehend aus News, Inspiration und Unterhaltung, festhalten. 20 Minuten lebt von dieser inhaltlichen Vielfalt, die wir seit Anfang dieses Jahres ganz konsequent bewirtschaften. Damit haben wir den Vorsprung auf unsere Mitbewerber deutlich ausgebaut. Die Massnahmen verteilen sich auf verschiedene Ressorts. Um Rückschlüsse auf die einzelnen Betroffenen zu vermeiden, während noch Kündigungsgespräche laufen, können wir auf diese Frage aktuell nicht weiter eingehen.

Dass der digitale Werbeumsatz den Rückgang bei der Printwerbung nicht kompensieren kann, ist kein neues Phänomen. Warum erfolgt der Abbau gerade jetzt?
Weil der Printumsatz stärker als erwartet zurückgegangen ist und der digitale Werbemarkt zusehends von Big Tech verschlungen wird. Schätzungsweise drei Viertel der digitalen Werbegelder in der Schweiz fliessen zu Google, Meta und Konsorten. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen wir jetzt Kosten reduzieren und damit Mittel freimachen, die in Innovation investiert werden können. Sei es im Kerngeschäft – der Publizistik und Werbevermarktung – oder in neuen Wachstumsfeldern.

An dieser Entwicklung, die aktuell zum Abbau führte, wird sich mittelfristig nichts ändern. Wird es zu weiterem Abbau kommen?
Der aus heutiger Sicht erforderliche Stellenabbau ist per heute kommuniziert. Die weitere Entwicklung unseres Unternehmens ist natürlich abhängig von der Performance aller unserer Aktivitäten und Angebote auf dem Nutzermarkt und bei der Monetarisierung. Mit unseren starken Marken, unserer Reichweite, dem hervorragenden Team und unserem hohen digitalen Umsatzanteil haben wir allerdings eine sehr gute Ausgangslage, die Herausforderungen des Medienwandels erfolgreich zu meistern.

«Wir halten an Print fest»

Wann stellen Sie die Printausgabe ein? Ich sehe kaum noch jemanden mit einer 20-Minuten-Zeitung in der Hand.
Ich sehe etwas anderes: Wir erreichen mit unserer Printausgabe in der Schweiz täglich rund 1,3 Millionen Leserinnen und Leser, wie die aktuelle Leserschaftserhebung Wemf Mach Basic ausweist. Das ist nach wie vor eine gigantische Reichweite und wir sind damit mit Abstand die führende Schweizer Tageszeitung, mit mehr als dreimal so vielen Leserinnen und Lesern wie die Nummer zwei. Für unser crossmediales Gesamtpaket auf dem Werbemarkt, für das Leseerlebnis von unseren täglich sorgfältig ausgewählten und aufbereiteten Geschichten und für unsere Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ist Print nach wie vor sehr relevant. Darum halten wir an Print fest und sind täglich stolz auf unsere Pendlerzeitung, die wir im Mai mit einem Refresh nochmals aufgewertet haben. Klar ist auch: Den Strukturwandel kann niemand aufhalten – wir tun aber, was in unserer Macht steht, um ihm entgegenzuwirken.



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Kommentare

  • Christian Bernhart, 26.10.2023 09:22 Uhr
    Das ist wieder die unerträgliche Marketing-Sprechblase: Kurz zu sagen, es ist schmerzhaft und dann zu behaupten, was alles gelungen sei. Hört man sich bei den TX-Group-JouranlistInnen um, dann wird klar, dass dies nicht stimmt. Tatsache ist, dass die TX-Group die fehlenden Anzeigen schon längst mit zusätzlichen Marketing-Unternehmen wett gemacht hat und sattes Geld verdient. Coninx, Supino & Co geht es nur um Shareholder Value. Tagesanzeiger existiert in seiner Form nur, weil die Zürcher fast den ganzen Ausland- und Wissensanteil von der Süddeutschen abkupfern.
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