12.09.2025

Reporter:innen-Forum

«Der Druck ist tagtäglich gross»

Sparrunden bei SRF, schwindender Rückhalt für die SRG, Desinformation und KI: Igor Basic, Vorstandsmitglied des Reporter:innen-Forums Schweiz, spricht über eine Branche unter Druck. Am Freitag findet das Forum zum zehnten Mal statt. Der SRF-Journalist blickt auf die Höhepunkte zurück und erklärt, warum der Austausch unter Kolleginnen und Kollegen wichtiger denn je ist.
Reporter:innen-Forum: «Der Druck ist tagtäglich gross»
«Journalismus ist immer noch der schönste Beruf der Welt», so Igor Basic, Vorstandsmitglied des Reporter:innen-Forums Schweiz. (Bild: zVg)

Igor Basic, das Reporter:innen-Forum wird zehn Jahre alt. Wie haben Sie die Entwicklung der Veranstaltung erlebt?
Erst zehn Jahre? Für mich fühlt es sich eher wie 20 Jahre an – gemessen an der Fülle der Panels und Workshops zu journalistischen Themen, die in den Räumen des Volkshauses Zürich bereits stattgefunden haben. Sogar eine Pandemie haben wir überstanden – in Form von Online-Diskussionen, den sogenannten «RFCH Corona-Sessions». Seit vier Jahren nun bin ich im Organisationsteam dabei, und die Leidenschaft, mit der wir jedes Jahr ein Forum auf die Beine stellen, ist mindestens noch genau gleich gross wie damals beim Gründungsteam 2015.

Was waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte der vergangenen Jahre?
Ich erinnere mich sehr gut an einen so wichtigen Einblick in die mutige Arbeit des russischen Exilmediums Meduza, das über die Missstände in Russland berichtet. Dann natürlich der eindringliche Lightning-Talk von Luzia Tschirky im Jahr, als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann. Oder auch Barbara Bleischs Panel über das gute Gespräch – das war so begehrt bei den Besuchenden, dass wir noch zusätzlich Stühle in den Saal bringen mussten. Auch das Panel, bei dem es über die Schieflage bei der Berichterstattung im Israel-Palästina-Konflikt ging, zeigte, dass das Reporter:innen-Forum Schweiz ein Ort ist, wo Diskussionen zu unangenehmen Themen stattfinden können.

«Es kommt eben doch darauf an, wer in den Redaktionen sitzt»

Der Lightning-Talk mit Yves Kilchör, der sich für inklusive Berichterstattung einsetzt, eröffnet das diesjährige Forum vom Freitag. Warum war es dem Reporter:innen-Forum wichtig, Diversität und Inklusion so prominent zu platzieren?
Diversität und Inklusion sind Prinzipien, die mittlerweile ein fester Bestandteil des Reporter:innen-Forums Schweiz sind. Dazu muss man sagen, dass wir mit Simon Scheidegger seit zwei Jahren einen Journalisten in unserem Team haben, der im Rollstuhl sitzt. Und siehe da: Plötzlich finden Workshops zu behindertengerechtem Schreiben oder eben ein Lightning-Talk eines Sehbehinderten bei uns statt. Es kommt eben doch darauf an, wer in den Redaktionen sitzt, denn jede Person bringt ihre ganz eigene Perspektive in eine Gruppe und schliesslich in die Zeitung oder eben auf eine Bühne.

Das diesjährige Programm behandelt unter anderem «Journalismus am Limit». Wie drastisch ist die Situation für Schweizer Journalistinnen und Journalisten wirklich?
Der Druck aufgrund der Medienfinanzierungskrise ist gross. Ich habe mit vielen Journalistinnen und Journalisten gesprochen, und alle erzählen mir etwas Ähnliches: Eine Sparrunde folgt auf die nächste und dennoch wird von ihnen erwartet, den gleichen Output mit immer weniger Ressourcen und Mitarbeitenden zu leisten. Das führt zu wachsender Belastung, mehr Stress – und auch dazu, dass sich immer mehr Kolleginnen und Kollegen nach alternativen Jobs umsehen, die eben nicht permanent vom Abbau bedroht sind. Dieses Jahr greifen wir unter anderem dieses Problem in einem Doppelstöcker auf – mit verschiedenen Ansprechpersonen, die ihre Sicht und Erfahrungen einbringen.

Ein weiteres Panel beschäftigt sich mit der SRG und der Halbierungsinitiative. Wie erleben Sie als SRF-Mitarbeiter die Diskussion um öffentlich-rechtliche Medien?
Kommt darauf an, in welcher Zeitung Sie blättern … Was mir aber schon auffällt, ist, dass der allgemeine Rückhalt für die SRG weniger geworden ist als noch vor ein paar Jahren, bei der «No Billag»-Initiative. Dabei ist die SRG gerade in Zeiten von immer mehr Desinformation und Populismus wichtiger denn je. Umso mehr hoffe ich, dass die anderen Schweizer Medienhäuser verstehen, dass die SRG kein Konkurrent für sie ist, sondern im Grunde genommen am gleichen Strang zieht – denn es liegt im Interesse aller Medienhäuser, dass unsere Demokratie intakt bleibt. Und ohne unabhängigen Qualitäts-Journalismus wird’s schwierig mit der Demokratie.

Fake News und Desinformation stehen prominent auf dem Programm. Ist die Manipulation der Wirklichkeit heute wirklich schlimmer geworden – oder sind wir nur sensibler dafür?
Die technischen Möglichkeiten und die Reichweiten zur Desinformation haben zugenommen. Gleichzeitig ist aber die Möglichkeit der Aufklärung darüber ebenfalls grösser geworden. Manche nutzen Social Media, um die Leute in die Irre zu führen, andere nutzen Social Media, um sie über diesen Irrweg aufzuklären. Die neuen Technologien fördern also die Desinformation, sie fördern aber auch die Sensibilisierung und Aufklärung darüber. Ich hoffe, dass Letzteres am längeren Hebel bleibt.

Workshops zu persönlichem Schreiben und Recherche-Strategien richten sich auch an junge Medienschaffende. Wie steht es um den Nachwuchs in der Branche?
Ich denke, es hat – trotz allem – viele junge Menschen, die sich heute für den Journalismus interessieren. Immerhin ist der Journalismus ja immer noch der schönste Beruf der Welt, nicht wahr? Umso wichtiger ist etwa die Liste «30 unter 30» des Magazins Schweizer Journalist:in, die junge Talente in der Medienbranche würdigt. Oder auch die Jungen Journalist:innen Schweiz, die auch jedes Jahr ein eigenes Forum organisieren, das sich explizit an jüngere Menschen richtet, die sich am Journalismus interessieren. Die sind bei uns am Reporter:innen-Forum Schweiz natürlich auch sehr willkommen.

«Reich wird man nicht damit, doch die eigene Neugier wird immer wieder zur Genüge gestillt»

Was raten Sie jungen Menschen, die heute noch in den Journalismus einsteigen wollen?
Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Obwohl es heute wegen der Medienfinanzierungskrise deutlich schwieriger ist, Fuss zu fassen im Journalismus, gibt es immer noch genug Möglichkeiten. Es gibt unabhängige Recherchekollektive oder innovative neue Lokalmedien, die immer wieder Leute brauchen. Es gibt aber auch immer wieder Ausschreibungen bei den grossen Medienverlagen für Praktika oder Stages – oder auch für Stellen. Reich wird man nicht damit, doch die eigene Neugier wird immer wieder zur Genüge gestillt. Und was gibt es Schöneres?

Das Forum lebt auch vom Austausch unter Kolleginnen und Kollegen. Wie wichtig ist dieser persönliche Kontakt in Zeiten digitaler Kommunikation?
Der Austausch in den Pausen zwischen den Panels ist mit das Schönste am Reporter:innen Forum Schweiz. Da schwirren im ersten Stock des Volkshauses Zürich teilweise über 180 Journalistinnen und Journalisten herum, diskutieren und lachen miteinander, grübeln und analysieren Weltlagen und gesellschaftliche Missstände. Eigentlich ein unnatürlicher Zustand, da Journis ja meistens allein arbeiten. Am Reporter:innen Forum Schweiz ist man dann plötzlich unter seinesgleichen, eine journalistische Gemeinschaft sozusagen. Und das tut gut – vor allem in diesen herausfordernden Zeiten.

Wo sehen Sie das Reporter:innen-Forum in weiteren zehn Jahren?
Bisher hatten wir den Fokus bei unseren Themen vor allem auf dem DACH-Raum. Seit einiger Zeit aber möchten wir vermehrt auch über den Röstigraben schauen und auch Journalistinnen und Journalisten aus dem Tessin einladen. Diese Perspektiven würden uns ein vollständigeres Bild der Schweizer Medienlandschaft geben. Gleichzeitig möchten wir unseren Hauptfokus auf gute journalistische Geschichten nicht aus den Augen verlieren, denn darum geht es ja im Grunde bei unserem Job.

«Längerfristig wird es politische Lösungen brauchen für die Medienfinanzierungskrise»

Welche Themen werden Ihrer Ansicht nach die Branche in den kommenden Jahren am meisten beschäftigen?
Ich bin kein Hellseher, aber längerfristig wird es politische Lösungen brauchen für die Medienfinanzierungskrise. Und die Berichterstattung darüber sollte in allen Medienverlagen viel mehr stattfinden. Dann natürlich die Digitalisierung und insbesondere KI – beim Reporter:innen Forum Schweiz haben wir schon seit einiger Zeit regelmässig einen KI-Recherche-Workshop oder dieses Jahr etwa eine Geschichte über die Zusammenarbeit von Hackern und Datenjournalisten. Da sind grosse Chancen und Risiken da, und das wird die Branche meiner Meinung nach sehr beschäftigen.

Was motiviert Sie, sich ehrenamtlich für die Branche zu engagieren?
In einer Zeit, in der alles gegen Geld abgewogen wird, gibt es nichts Schöneres als das Ehrenamt. Es ist sinnstiftend, und der Austausch mit den anderen Mitgliedern des Reporter:innen Forum Schweiz ist einfach super. Wir sind so ein tolles Team, eine bunte Truppe von Journalistinnen und Journalisten unterschiedlichster Medienhäuser, und eigentlich leben wir ja genau das vor, was die jeweiligen Medienunternehmen, für die wir arbeiten, tun müssten – gemeinsam an einem Strick ziehen.


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