22.08.2014

Tamedia

Der Paywall auf der Spur

Wo steckt die Paywall? Seit einigen Wochen rätselt die Branche über den "Tages-Anzeiger". Wurde die Bezahlschranke still und heimlich wieder eingestampft? "Nein, keineswegs", behauptet Tamedia. 7'400 Digital-Abos habe man bisher verkauft. Das Bezahlmodell sei ein Erfolg, darum sollen noch in diesem Jahr auch der "Bund" sowie "24 heures" und "Tribune de Genève" kostenpflichtig werden.
Tamedia: Der Paywall auf der Spur

Seit der "Tages-Anzeiger" Ende Februar die "Zahlungseinladung" eingeführt hatte, wurden die Nutzer beim Klicken immer wieder mit dem Hinweis auf die Kostenpflicht konfrontiert. Nun, nach rund vier Monaten, bleiben diese Einblendungen mehr und mehr aus. "Seit Wochen surfe ich gratis unbeschränkt auf Tagi-Online. Hat Tamedia klammheimlich die Paywall wieder runtergefahren?", dies nur ein Beispiel für mehrere ähnliche Recherche-Anregungen, die in den letzten Tagen bei persoenlich.com eingegangen sind.

Anzahl Gratis-Artikel ist nicht fix
Spricht man Tamedia auf den Verbleib der Paywall an, tönt es immer gleich: "Das Bezahlmodell wurde Anfang März in Betrieb genommen und seither nie mehr abgeschaltet", so Christoph Zimmer auf Anfrage von persoenlich.com. Das muss aber noch nichts heissen, denn der Tagi hat sich ja für das Metered-Modell entschieden. Dabei ist die kostenlose Artikelzahl nicht fix, sondern es wird immer wieder neu festgelegt, wie viele Texte welcher Nutzer gratis lesen darf. Durch diese Dynamik könnten gewisse Nutzer den Eindruck gewinnen, die Paywall sei verschwunden. "Wenn jemand sehr häufig Tagi-Texte mit dem immer gleichen Gerät aufruft, trifft er öfters auf das Bezahlmodell, als jemand, der nur sporadisch und mit vielen verschiedenen Geräten auf unsere Artikel zugreift", erklärt Zimmer.

Klickzahlen gingen stark zurück
Die Paywall ist also nicht verschwunden, sie ist zeitweise einfach löchriger, sodass die Leser meinen, Surfen auf tagesanzeiger.ch sei gratis. Der Tagi könnte seine Paywall z.B. wegen ungenügender Klickzahlen durchlässiger gemacht haben. Tatsächlich sind seit Ende Februar die Besucherzahlen massiv zurückgegangen. Waren es im März 2014 noch 143,5 Mio. Page Impressions (PI), wurden im Juni nur noch 79 Mio. PI verzeichnet (Net-Metrix Audit).

Trotz weniger Klicks: Offiziell zeigt sich Tamedia mit der Paywall-Einführung zufrieden "Das Tagi-Bezahlmodell ist gut angelaufen", sagte Tamedia CEO-Christoph Tonini anlässlich einer Telefon-Medienkonferenz am Freitag. Einerseits sei das technische System sehr stabil, sodass zahlende Kunden nicht nur über etwa ein iPad oder Mobiltelefon, sondern auch über einen stationären Computer Tagi-Texte lesen können. Anderseits zeige sich, dass die Leser bereit seien zu zahlen. 7'400 Digital-Abos haben man bereits verkauft.

Kreditkarte als grosse Hürde
Diese Zahl von 7'400 Digital-Abos ist jedoch schwierig einzuordnen, da auch diejenigen Leser mitgezählt werden, die von Print auf Digital wechseln und solche, die vom momentanen Aktions-Abo profitieren. Ob sich diese Probeleser dann definitiv für ein 636-Franken-Jahresabo (Version classic, meistverkauft) entscheiden, muss sich in den nächsten Monaten weisen. "Die grosse Hürde ist die Eingabe der Kreditkarten-Daten", erklärt Christoph Zimmer. "Hat ein Leser einmal die Kreditkarte zur Hand genommen und seine Zahlungsinformationen eingegeben – sei es auch für einen kleinen Betrag – ist er später viel eher bereit, weiterhin Geld fürs Zeitunglesen auszugeben."

Auch wenn die Tamedia-Verantwortlichen optimistisch sind: Bis das strukturwandelbedingte Loch gestopft ist und sich auch die Paywall-Entwicklungskosten lohnen, bleibt ein langer Weg. Tamedia will nun Schritt für Schritt ihre weiteren Titel kostenpflichtig machen: Ab November den "Bund", dann folgen Ende Jahr "24 heures" und "Tribune de Genève"  2015 die Regionalzeitungen und "Le Matin".

Text: Edith Hollenstein, Bild: Keystone, Christian Beutler



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