Herr Kimmig, wer seinen Blick auf die deutsche TV-Unterhaltung wirft, hat den Eindruck, dass die Luft draussen ist. "Wetten, dass...?" funktioniert nicht, aber auch die anderen TV-Formate stecken zahlenmässig in der Krise. Woran liegt das?
Ich sehe dies überhaupt nicht so. Die Zeiten haben sich geändert, und der Kuchen wird einfach anders verteilt. Kleinere Sender wie RTL 2, Super RTL oder Vox werden immer wichtiger und gewinnen Marktanteile dazu. Die grösseren verlieren Marktanteile. Aber auch die dritten Programme, die bis vor Kurzem noch als bieder und langweilig galten, legen massiv zu. Vor wenigen Wochen haben wir im MDR ein Konzert von Helene Fischer aus der Waldbühne in Berlin übertragen. Im Sendegebiet des MDR erreichten wir einen Marktanteil von 14,1 Prozent. Im gesamten Bundesgebiet einen Marktanteil von 6,1 Prozent. Und das ist eine echte Sensation für ein drittes Programm. Darum beneideten uns und den MDR viele andere Sender.
Woran liegt das?
Die dritten Programme waren lange als Regionalsender verpönt. Mittlerweile produzieren sie eigene Vollprogramme mit eigenen Shows. Und das Schöne dabei: Sie zahlen sogar Geld (lacht). Früher wurden sie missbraucht als Abspielstationen der Sendungen, die bereits im ersten Programm gelaufen waren.
Wohin zielt der Trend in der Fernsehunterhaltung?
Auch in den nächsten Jahren werden die Zuschauer weiterhin gut gemachte grosse Shows schauen. Es hat noch nie so viele Shows gegeben wie momentan. Der Zuschauer kann täglich mindestens eine sehen, wenn er will.
Wenn Sie Schweizer Fernsehen schauen, welche Sendungen stehen für Sie auf dem Programm?
Ich gebe natürlich zu, dass ich kein typischer Zuschauer des Schweizer Fernsehens bin. Ich lebe ja auch im Schwarzwald und damit relativ weit weg. Das war früher anders, als ich mir die Sendungen mit Paola und Kurt Felix immer angesehen habe. Ab und zu schaue ich aber immer mal gerne bei Christine Maier bei "10 vor 10" rein. Zum einen, weil ich sie für eine ausgesprochen gute Journalistin halte und sie ein wunderbares Deutsch spricht, zum anderen, weil ich sie persönlich sehr gut kenne und auch mag. Leider verschwindet sie jetzt vom Bildschirm. Das wird das Schweizer Fernsehen etwas ärmer machen.
Aber können Sie ihren Wechsel zum "SonntagsBlick" nachvollziehen?
Ich habe Marc Walder zu diesem Neueinkauf gratuliert. Und Christine natürlich auch. Sie wird einen grossartigen Job machen.
Schauen wir einmal zurück: Sie gelten als Dinosaurier der deutschen TV-Produktion.
(Lacht.) Dinosaurier ist wirklich gut. Ich bin seit dreissig Jahren im TV-Geschäft – und das ist eine gefühlte Ewigkeit. Mein Schlüsselerlebnis war die Begegnung mit Kurt Felix Anfang der Achtzigerjahre. Mein Leben wäre vollkommen anders verlaufen, hätte ich ihn damals nicht getroffen. Ich würde weder hier sitzen, noch wäre ich Fernsehproduzent.
Wie sind Sie auf Kurt Felix gestossen?
Ich war damals Manager von seiner Frau Paola, fühlte mich aber im Musikgeschäft nicht mehr ganz so wohl und wollte etwas Neues anfangen. Da kam Kurt Felix mit einer sensationellen Idee um die Ecke. Anfang der Achtzigerjahre erarbeitete Kurt das Konzept für "Verstehen Sie Spass?" und suchte jemanden, der die Geschichten mit der versteckten Kamera organisierte und auch produzierte. So haben wir uns kennengelernt. Es hat zwischen uns sofort gefunkt. Kurt war ein brillanter Ideengeber und Regisseur und ich ein guter Organisator. Wir waren ein Dreamteam und sind die besten Freunde geworden. Das ist mittlerweile dreissig Jahre her. Seither produziere ich mit meiner Firma alle "Verstehen Sie Spass?"- Filme. Es gibt wohl kein Toilettenhäuschen zwischen Flensburg und Konstanz, das ich nicht kenne.
Warum Toilettenhäuschen?
Die eignen sich für die versteckte Kamera am besten. Man kann die Glasfenster durch eine Spiegelscheibe austauschen und die Kamera dahinter gut verstecken. Für unsere Arbeit ist dies optimal. Wenn wir also einen Drehort ausgewählt haben, haben wir auch immer die Toiletten besichtigt.
Aber gab es 1980 keinen Ärger,
als Ihnen Kurt Felix diesen lukrativen
Auftrag zuschanzte?
Die Geschichte ist einiges komplizierter.
Kurt Felix hatte in den Siebzigerjahren mit grossem Erfolg in der Schweiz den "Teleboy" erfunden und moderiert. Dabei drängte sich die Frage auf, ob dies im Ausland auch funktionieren könne. Aus diesem Grund erarbeitete er für den Süddeutschen Rundfunk das Sendekonzept für "Verstehen Sie Spass?". In den Sechzigerjahren gab es bereits eine Sendung mit der versteckten Kamera, welche von Chris Howland moderiert wurde. Auf Drängen der FDP musste diese aber vom Bildschirm genommen werden, weil damals Leute in intimen Situationen – und ich meine dies nicht sexuell – gefilmt wurden. Und dies ist selbstverständlich nicht erlaubt.
Wenn Sie zurückschauen, was war für Sie der berufliche Höhepunkt?
Eindeutig "Verstehen Sie Spass?". Es gibt in Deutschland keine Sendung, bei der seit über dreissig Jahren ein privater Produzent mit an Bord geblieben ist. Wir stellen für jede Sendung zwischen zwölf und vierzehn Filme her. Soeben haben wir den Vertrag bis Ende 2014 verlängert.
Gehen Ihnen die Ideen nie aus?
Wir klauen die Ideen mittlerweile bei uns selbst. Oftmals schauen wir uns die alten Filme an und produzieren sie neu. Bestimmte Ideen kann man gar nicht mehr aufgreifen, weil sich die Technik oder die Umstände total verändert haben. So kann man heute keine Tankwartfilme mehr drehen, weil es keine Tankwarte mehr gibt. Dafür sind Waschstrassenfilme zeitlos. Zwar änderte sich die Technologie, aber Waschstrassen gibt es auch in hundert Jahren noch.
Was war die spektakulärste Sendung?
Für mich jener Film, mit welchem wir Reinhold Messner hereingelegt haben. Wir installierten einen Zeitungskiosk am Matterhorn, über welchen sich Messner fürchterlich aufregte. Art Furrer war für die Organisation der Drehgenehmigung zuständig. Er hat uns aber nicht erzählt, dass ihm die Gemeinde
Zermatt diese verweigert hatte. Nachdem
wir die ganze Story abgedreht hatten, verbot
uns die Gemeinde Zermatt die Ausstrahlung
des Films. Ich bin nach Zermatt gefahren
und habe mir nach langem Hin und Her eine
Sendegenehmigung erbettelt. Hätte ich die
se nicht bekommen, wäre für mich ein finan
zielles Desaster entstanden. Da mich der
Gemeindepräsident irgendwie cool fand,
gab er irgendwann grünes Licht. Die einzige
Bedingung war, dass Art Furrer in der Sendung nicht auf der Bühne auftaucht. Dadurch konnte ich einen Schaden von über
hunderttausend Franken abwenden. Art war
zwar damals nicht begeistert, doch er musste
am Ende schweren Herzens einwilligen. In der Sendung sind dann Bergführer aus Zermatt aufgetreten. Später haben wir mit Art
noch viele andere Filme gedreht. Wir treffen uns jedes Jahr mindestens einmal zum Wandern auf der schönen Riederalp.
Gab es auch negative Erfahrungen?
Ja, Götz George war so sauer, als wir ihn reingelegt haben, dass er uns wutentbrannt in die Wüste schickte. Wir hatten ihm eine fingierte "Bild-Zeitung" zugestellt, auf der der Mörder der kommenden "Tatort"-Sendung erwähnt wurde. George drehte durch. Nicht einmal Kurt konnte ihn besänftigen. Jahre später wollte Götz George dann doch, dass der Film in einer TV-Sendung gezeigt wurde. Aber wir hatten den Film längst gelöscht.
Interview: Matthias Ackeret, Bild: Kimmig Entertainment GmbH
Den vollständigen Text finden Sie in der aktuellen persönlich-Printausgabe.

