29.08.2019

Publicom

Deutschschweizer Radios sind weniger informativ

Wenig Einordnung, anspruchslose Produktionsformen und «blinde» Regionen: Eine neue Studie im Auftrag des Bundes ortet bei den Programmleistungen der konzessionierten Lokalradios auch Mängel – vor allem in der Deutschschweiz.

«Vielfältig und lebendig: Radios erfüllen ihren Auftrag – mit Ausnahmen»: So fasst das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Analyse von 37 konzessionierten Lokalradioprogrammen im vergangenen Jahr im Titel seiner Mitteilung zusammen. Die vom Forschungsinstitut Publicom durchgeführte und am Donnerstag publizierte Untersuchung hält aber auch mit Kritik nicht zurück.

So berichteten die Radios vor allem faktenorientiert. «Das heisst: Sie ordnen das Geschehen im Gegensatz zu den SRG-Radios wenig ein und beleuchten in geringem Masse unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema.» Infos würden vor allem via klassische Meldungen verbreitet, aufwendige journalistische Produktionsformen fehlten sehr oft.

Deutliches Urteil

Die Studie nennt bei den verschiedenen Kriterien namentliche Beispiele. Auffallend ist, dass verschiedene Deutschschweizer Radios oft kritisch und mehrere Westschweizer Radios oft lobend hervorgehoben werden.

Auch beim Umfang der Regionalinformation gibt es grosse Unterschiede zwischen den Sprachgebieten. Die Untersuchung zeigt, «dass die Lokalradios der französischen Sprachregion den in der Konzession verankerten Auftrag deutlich besser erfüllen als die Radios der anderen Sprachregionen».

«Blinde Orte»

Das untermauern verschiedene Zahlen: Die zwölf untersuchten Lokalradios der französischsprachigen Schweiz sendeten täglich durchschnittlich 33 Minuten Regionalinformation und damit mindestens doppelt so viel wie die ebenfalls untersuchten 23 Deutschschweizer und die zwei Tessiner Radios. Seit 2016 hat die Information in der Romandie an Bedeutung gewonnen, in der deutschen und in der italienischen Schweiz nahm sie derweil ab.

Die Studie hebt zudem hervor, «dass einige Regionen in der Schweiz kaum Eingang in die publizistische Realität der Privatradio finden». Zu solchen sogenannten «Blind Spots» gehören die Räume Willisau/Sursee/Freiamt und La Broye. Grund für diese «blinden Orte» ist gemäss der Studie die zunehmende Fokussierung der Privatradios auf die urbanen und politischen Zentren ihrer Konzessionsgebiete.

Strengere Konzession

Der heutige Programmauftrag für Lokalradios beschränkt sich auf sechs Stunden Hauptsendezeit morgens, mittags und abends. Er verlangt von den Privatradios in erster Linie vielfältige und relevante lokal/regionale Informationsleistungen.

Für die neue Konzession, die auf Gesuch hin zwischen 2020 und 2024 gilt, hat das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) einzelne Bestimmungen präzisiert. Neu müssen die Lokalradios mindestens dreissig Minuten Regionalinformationen pro Tag ausstrahlen.

Romandie zuerst

Untersucht wurden in einer zweiten Studie auch die vier Service-public-Sender von RTS in der Westschweiz. Sie weisen in der Romandie einen Marktanteil von fast 50 Prozent aus.

Auch wenn die Programme der SRG-Radios in der französischen Sprachregion mehrheitlich gelobt werden, gibt es auch bei ihnen Handlungsbedarf. So beurteilt der Bund deren Leistung in der Berichterstattung über andere Sprachregionen als «bescheiden». Nur durchschnittlich 6 Prozent der gesamten Informationszeit widmen die RTS-Radios den anderen Sprachregionen.

Fehlende Programme für Ausländer

Seit der letzten Erhebung im Jahr 2015 hat sich die Aufmerksamkeit für die anderen Landesteile leicht zurückgebildet. Und wenn über andere Sprachregionen berichtet wird, dann steht fast immer die deutsche Schweiz im Fokus. «Die italienische Schweiz ist in den RTS-Programmen ebenso inexistent wie in den SRF-Programmen.»

Ähnliches gilt für die Berücksichtigung der ausländischen Wohnbevölkerung in der Schweiz. Fremdsprachige Sendungen oder Sendungen für Ausländer fehlen in den RTS-Programmen ebenso wie in den übrigen SRG-Radioangeboten. (sda/log)



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Kommentare

  • Matthias Hagemann, 30.08.2019 11:10 Uhr
    Wobei das Bakom - wie fast immer - bei der Kritik an den Deutschschweizer Lokalradios den entscheidenden Unterschied vergisst: In der deutschen Schweiz gibt es die Regionaljournale der SRG, in der Westschweiz gibt es solche NICHT. Entsprechend unterschiedlich positionieren sich die Privatradios. Man sagt dem auch: Marktwirtschaft.

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