Frau Heimgartner, soeben hat 20 Minuten die Einstellung Ihrer Printausgabe bekanntgegeben. Ist dies ein Zeichen für weitere Einstellungen?
Ein Zeichen scheint mir etwas zu hoch gegriffen, zumal Gratiszeitungen rein werbefinanziert, und damit stärker von Schwankungen betroffen sind, als Bezahltitel. Mit unseren Bezahltiteln bei Ringier Medien Schweiz können wir diese Abhängigkeit dank Verkaufs- und Abonnementserlösen besser ausgleichen. Ich möchte aber gar nicht so ein negatives Bild zeichnen, auch weil der Markt uns ein anderes Signal sendet. Für unsere Titel, darunter Blick, sowie einige der stärksten Magazine des Landes, ist der Print nach wie vor eine wichtige Säule unseres Geschäfts. Die Leserschaftszahlen sind mehr als erfreulich. So konnte beispielsweise der Blick in der aktuellen MACH-Basic 2025-1 ein Plus von 4,2 Prozent verzeichnen – und damit den stärksten Zuwachs unter allen Tageszeitungen in der Deutschschweiz verbuchen. Natürlich wird sich das Nutzungsverhalten der Leserinnen und Leser immer weiter ins Digitale verschieben. Dennoch bleibt Print - je nach Titel - auch langfristig ein beliebtes Medium für Leserinnen und Leser und den Werbemarkt.
«Die Branche ist so gefordert wie nie zuvor»
Sie sind weltweite Verlegerpräsidentin, wie beurteilen Sie momentan den Zustand der Medienbranche?
Ich würde sagen: Die Branche ist so gefordert wie nie zuvor, aber auch so ready und entschlossen wie nie zuvor. Lange sprach man von einer digitalen «Transformation», die die Medienbranche durchläuft. Mittlerweile ist die Transformation zu einer nächsten Disruptionswelle angewachsen, primär wegen der rasanten Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz. Diese Innovationskraft stellt die Branche nahezu wöchentlich vor neue Herausforderungen. Die KI-gestützte Suche - etwa bei ChatGPT, Google AI Overviews oder AI Mode - wird die Art und Weise, wie Menschen im Internet navigieren, nachhaltig prägen. Die Branchen-Leader streben nicht danach, die technologischen Entwicklungen aufzuhalten, schon gar nicht, wenn die Userinnen und User derart positiv reagieren. Eine faire Abgeltung für unsere Inhalte muss aber gewährleistet sein.
Eine weitere wichtige Herausforderung: Vertrauen und Glaubwürdigkeit in Zeiten von Fake News und zunehmender Desinformation. Transparente Berichterstattung und Fact-Checking sind dabei essenziell. Gleichzeitig ist die Pressefreiheit weltweit einem hohen Druck ausgesetzt. In vielen Regionen sehen wir eine zunehmende Bedrohung der freien Berichterstattung und journalistischen Integrität – nicht nur bei Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine oder im Nahen Osten, sondern auch in der Schweiz, wenn auch subtiler. Es ist unsere Aufgabe, diese grundlegenden Prinzipien zu verteidigen und zu fördern, um eine informierte und demokratische Gesellschaft zu sichern.
Was sind – international gesprochen – momentan deren grössten Herausforderungen?
Es sind im Wesentlichen deren vier.
Erstens: Der Werbemarkt investiert massive Anteile der Digitalwerbung in internationale Tech-Plattformen. Würden hier nur schon 10 Prozent zu nationalen Playern geshiftet, sähe die Situation der Medien ganz anders aus. Nehmen wir das Beispiel Schweiz: In der Schweiz fliessen jährlich rund 2,5 Milliarden an Tech-Konzerne, wie Meta oder X. Eine Verschiebung von 10 Prozent hin zu den professionellen Medien, versetzt uns in eine ganz andere Ausgangslage. Zudem haben unsere kontrollierten, sicheren und gut besuchten Content-Umfelder auch eine positive Wirkung auf die Werbebotschaft. Mit dem Einzug der Trump-Regierung wird das Faktische, aber auch Errungenschaften, wie Diversität, temporär geschwächt. Das ist in den USA spürbar, aber auch in Europa und überall, wo es Geschäftsbeziehungen mit den USA gibt. Faktentreue, aber auch etwa Vielfalt, sind Kerneigenschaften des Journalismus und Grundelemente für die Demokratie und eine starke Gesellschaft. Für diese gilt es zu kämpfen - gerne auch gemeinsam mit den Werbekunden.
Zweitens: KI - wie oben beschrieben: Die Qualität, Präzision und Ausführlichkeit der KI-gestützten Web-Suchen ist bereits beachtlich und wird nur noch besser. Dies jedoch nicht zuletzt, weil Medien-Content dafür sorgt, dass die Antworten immer up to date sind. Wir als professionelle Medien schlagen fortlaufend die Brücke zwischen Gestern und Heute und halten so auch die Antwort-Maschinen aktuell. Diese Inhalte haben einen Wert, der anerkannt werden muss.
Drittens: Die Zahlungsbereitschaft für digitale Medien. In der Schweiz haben wir im letzten Jahr einen Sprung in die richtige Richtung beobachtet: Von 17 auf 22 Prozent der Menschen wären bereit, für digitale Medienprodukte zu bezahlen. Diese 22 Prozent sind aber immer noch zu wenig, um nachhaltige Geschäftsmodelle zu etablieren. In anderen Ländern ist die Zahl deutlich tiefer.
Viertens: Wie oben ausgeführt: Die Medienfreiheit hat in vielen Ländern einen schweren Stand. Man muss sich vor Augen führen: 75 Prozent der Weltbevölkerung lebt nicht (mehr) in einer Demokratie - das kommt nicht von Ungefähr. Journalistinnen und Journalisten sind traditionsgemäss Dienende der Demokratie und der freien Meinungsbildung. Heute müssen Journalistinnen und Journalisten in vielen Ländern der Welt mit Repressalien rechnen. Und noch schlimmer - dies wird immer mehr auch toleriert.
Beim Jubiläum von persoenlich.com geht es vor allem um KI. Wie fest dominiert dies bereits den journalistischen Alltag?
Ich glaube, dass heutzutage zum Beispiel keine Journalistin mehr mühselig die Tonaufnahme ihres Interviews per Hand transkribiert – und das ist auch gut so! Künstliche Intelligenz hilft uns dabei, Arbeitsprozesse zu optimieren und die journalistische Qualität zu verbessern. Dafür haben wir schon früh neue Jobprofile geschaffen, Strukturen angepasst und spezialisierte Anwendungen entwickelt. Unser Ziel ist es, unsere Mitarbeitenden durch den Einsatz von KI zu unterstützen. Dabei steht für uns die Verbesserung unserer Inhalte und Arbeitsabläufe im Vordergrund. Mittelfristig sollen sich unsere Mitarbeitenden immer mehr auf die Aufgaben konzentrieren, die nur Menschen ausüben können – sei es bei Reportagen über den Bergsturz in Blatten, grossen Interviews mit Bundesrätinnen oder im Juli sicherlich sehr aktuell mit Berichten und Hintergrundstücken zur Frauen-EM in unserem Land.
Beim Blick weisen Sie auf KI-generierte Beiträge hin. Wie wird dies von den Leserinnen und Leser goutiert?
Sehr gut, vor allem weil wir sehr transparent mit dem Einsatz umgehen. Wir haben unseren kleinen KI-Helfer «BliKI» getauft, und er zeichnet als Zweitautor bei Artikeln mit, die mit Hilfe von KI entstanden sind. Ausserdem bieten wir beispielsweise als News-Zusammenfassung auf Blick.ch eine Beta-Version von KI-generierten Zusammenfassungen der wichtigsten Themen des Tages an. Und wer etwas Glück hat, kann bereits als Test-Userin auf unserer Seite mit dem BliKI-Chatbot interagieren und ihm fleissig Fragen stellen. Eine finale Version soll noch im Laufe des Jahres erscheinen. Wir machen das alles nicht aus reiner Spielerei, sondern weil wir merken, dass diese Tools bei den Userinnen und Usern ankommen und ihrem Nutzungsverhalten entsprechen. Apropos Transparenz, hier findet man alle Einsatzfelder von KI bei uns.
«Wir sind mit allen grossen Playern im ständigen Austausch»
Nun wird KI langfristig die Medienlandschaft verändern. Gleichzeitig wird es aber urheberrechtliche Probleme geben. Gibt es internationale Bestrebungen, diese in den Griff zu kriegen?
Ja, diese Bestrebungen gibt es. Der Welt-Verlegerverband, WAN-IFRA, agiert hier als Dialogplattform. Wir sind mit allen grossen Playern im ständigen Austausch. Wenn es aber um Regulierung geht, muss dies auf nationalem Niveau erfolgen. Unser Appell an die Politik hier: Es braucht eine verbindliche rechtliche Grundlage. Im Wissen darum, dass die Mühlen der Gesetze mit Bedacht mahlen, sollte die Arbeit an regulatorisch-urheberrechtlichen Rahmenwerken lieber gestern als heute lanciert werden.
Und wie gross sind die Chancen, dass solche Bemühungen fruchten?
Ich glaube, dass allen Beteiligten klar ist, dass eine einheitliche Regelung von vielen Komponenten abhängt und einen langen Atem erfordert. Urheberrechte und das Recht an geistigem Eigentum sind zentrale politische Fragen, die über die Zukunft der Medienbranche entscheiden werden. Ich bin sicher, dass dies den richtigen Lauf nehmen wird. Die Frage ist nur, ob die Lösungen noch früh genug kommen.
Welches ist für Sie momentan das beste Tool?
Für mich ist ein Leben ohne ChatGPT und Google Gemini fast unvorstellbar geworden.
Am Dienstag, 8. Juli, veranstaltet das Kaufleuten mit persönlich einen grossen Medienanlass mit Partyausklang, an welchem neben den KI-Expertinnen und Experten Tanja Herrmann und Holger Hagenlocher auch die Verlagschefin Jessica Peppel-Schulz und Ladina Heimgartner teilnehmen. Eintritt: 40 Franken, mit Nachtessen: 80 Franken. Anmeldung hier.
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25.06.2025 15:45 Uhr
25.06.2025 06:03 Uhr

