11.04.2018

Abbau bei der SDA

«Die Entlassung war ein Schock»

Bernard Maissen wird überraschend Vizedirektor bei Bakom. Wird er sich in der neuen Funktion für seine Entlassung rächen? Gegenüber persoenlich.com gibt sich der Ex-SDA-Chefredaktor selbstkritisch. Er habe «strategisch zu spät auf ein neues Tarifmodell gedrängt».
Abbau bei der SDA: «Die Entlassung war ein Schock»
25 Jahre lang arbeitete Bernard Maissen für die SDA. Nun wechselt er als Vize-Direktor zum Bakom. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Maissen, herzliche Gratulation zur Ernennung als Vize-Direktor des Bakom (persoenlich.com berichtete). Mussten Sie sich dafür beim Direktor vorstellen oder konnte da auch Bundesrätin Doris Leuthard ein Wort mitreden?
Vielen Dank! Die Stelle war ausgeschrieben und ich habe mich beworben. Dann gab es den ganz normalen Bewerbungsprozess mit Interviews und Assessment. Das Bakom hat dann dem Departement einen Vorschlag unterbreitet und das hat entschieden. 

Sie sind 57 Jahre alt und waren einige Monate arbeitslos. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Die Entlassung am 25. September war ein Schock und nicht leicht zu verarbeiten. Vor allem, weil ich mehr als einen Monat nicht darüber sprechen durfte, da die Fusion von SDA und Keystone erst Ende Oktober kommuniziert wurde. Dank eines guten Umfelds und professioneller Hilfe ist es mir dann langsam gelungen, in der neuen Situation auch Chancen zu sehen. Von diesem Moment an konnte ich gelassener in die Zukunft blicken. Aber die Ungewissheit und Unsicherheit blieb. Richtig entspannt wurde ich erst mit dem Angebot des Bakom.

Sie hatten damit «Glück im Unglück», wie die NZZaS in einem Porträt schrieb.
Es ist eine einmalige Chance, die ich jetzt erhalte, und gleichzeitig eine grosse Herausforderung, der ich mich sehr gern stelle. Und ich weiss, dass es absolut nicht selbstverständlich ist, mit diesem Alter noch einmal in einem neuen Umfeld eine so verantwortungsvolle Position übernehmen zu dürfen. 

Worauf freuen Sie sich besonders?
Ich freue mich sehr darauf, Teil eines gut eingespielten und leistungsfähigen Teams zu sein. Nachdem ich viele Jahre in den Medien gearbeitet habe, finde ich es äusserst spannend, nun im Bakom an der Gestaltung der Rahmenbedingungen für die gesamte Medienlandschaft mitwirken zu können. Gerade im aktuellen Umfeld, das für alle Medien einschneidende Veränderungen bringt und viel Unsicherheit birgt, ist es wichtig, dass der Staat für alle Beteiligten als verlässlicher Partner auftritt.

Sie werden nun an vorderster Front Bakom-Entscheide mitbestimmen, auch über das neue Mediengesetz. Haben Sie da Einfluss oder ist diesbezüglich schon alles unter Dach und Fach?
Bekanntlich soll das Gesetz im Sommer in die Vernehmlassung. Bis es unter Dach und Fach ist, bleibt also noch einiges zu tun.

Wie haben Sie die Vorgänge um die SDA in den letzten Wochen von aussen beobachtet?
Das hat mich sehr betroffen gemacht, weil ich die Leute, denen gekündigt wurde oder die jetzt gehen, seit Jahren kenne. Für mich stehen hinter der nackten Zahl der Stellen, die gestrichen werden, ehemalige Kolleginnen und Kollegen und deren Schicksale.

Glauben Sie, dass der Streik etwas bewirkte?
Das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall wurden die SDA und die Situation der Medien ganz allgemein zum Thema.

Was sind die Themen, wenn Sie Ihre ehemaligen Mitarbeiter treffen?
In 25 Jahren entstehen Freundschaften. Die enden nicht mit dem Kündigungsschreiben. Mit einzelnen Mitarbeitenden habe ich noch Kontakt. Aber dabei reden wir glücklicherweise nicht nur über die SDA und deren Zukunft.

«Ich habe zu spät auf ein neues Tarifmodell gedrängt»

Was macht Sie besonders betroffen?
Dass man den über 60-Jährigen, die teils mehr als 20 Jahre für das Unternehmen gearbeitet haben, einfach gekündigt hat und es als Frühpensionierung verkaufen wollte. 

CEO Markus Schwab hat in einem für die Branche fast schon legendären Interview mit der NZZaS gesagt, dass er nach Ihrem Abgang erst gemerkt habe, wie vieles im Argen lag. Hat Sie diese Aussage geschmerzt?
Markus Schwab bezieht sich dabei auf die Kundengespräche. Ich kann nur sagen, dass wir in all den Jahren immer schwierige und harte Vertragsverhandlungen geführt haben, letztlich aber immer mit einem erfolgreichen Abschluss, was man an den Geschäftsergebnissen ablesen kann. Er war natürlich über alle Gespräche und Abschlüsse informiert. Bei Verhandlungen ist es aber immer so: Wenn neue Partner am Tisch sitzen, ist die Versuchung gross, gewisse Forderungen erneut auf den Tisch zu bringen und lauter vorzutragen. 

Haben Sie rückblickend gesehen, Fehler gemacht oder allenfalls gewisse Themen ein wenig vernachlässigt?
Es wäre mehr als vermessen zu sagen, ich hätte keine Fehler gemacht. Ich habe täglich grössere und kleinere Fehler begangen. Hoffentlich nicht zu häufig die gleichen. Strategisch habe ich zu spät auf ein neues Tarifmodell gedrängt, das der Entwicklung in Richtung digitale Nutzung der Agenturinhalte Rechnung trägt. Das hätte man leichter einführen können, als es den Medien noch besser ging. Nun war die Unsicherheit überall gross, was zu kritischen Reaktionen führte und grossen Erklärungsbedarf zur Folge hatte. Dies, obwohl der Grundsatz unbestritten war, vieles vereinfacht wurde, und das Modell der Strategie des Verwaltungsrates entsprach, wonach sich die Agentur Richtung Multimedialität entwickeln soll.

Sie sind also dafür mitverantwortlich, dass die SDA es versäumt hat, eine Vision für das Bestehen im Digitalzeitalter zu entwickeln?
Wir haben durchaus eine Vision für das Weiterbestehen der SDA im digitalen Umfeld entwickelt. Wir haben die Redaktion und das Produkt auch entsprechend weiterentwickelt, und zum Schluss den multimedialen Tarif erarbeitet. Die Fusion mit Keystone, die ich immer mitgetragen habe, war auch Teil dieser Strategie. Für das, was aktuell bei der SDA läuft, bin ich nicht verantwortlich. Ich weiss darüber nicht mehr, als das, was in den Medien steht.

«Die Kündigung war schmerzvoll und stillos»

Wie war die Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Markus Schwab?
Markus Schwab war CEO und damit letztlich für alles verantwortlich. Er führte die Finanzen, das HR und seit der Reintegration die IT. Ausserdem kümmerte er sich um die Beteiligungen. Ich leitete die Redaktionen und verantwortete den Verkauf mit allem, was dazu gehört. Damit war er eher der Innen- und ich der Aussenminister.  

Sie werden künftig mit ihm am Verhandlungstisch sitzen, wenn es um 2 Millionen oder mehr Subventionsbeiträge für die SDA geht. Stimmt das?
Ich beginne am 1. Mai beim Bakom. Ich habe grossen Respekt vor der neuen Aufgabe und möchte mich deshalb zuerst einarbeiten, bevor ich zu inhaltlichen Fragen Stellung nehme.

Werden Sie sich in Ihrem neuen Job an Markus Schwab rächen?
Ich wüsste nicht warum. Ich habe bei der SDA 25 tolle Jahre erlebt. Ich durfte viele spannende Menschen kennenlernen, interessante Projekte erarbeiten und eine Redaktion führen, die Tag für Tag einen ausgezeichneten Job gemacht hat. Das bleibt, auch wenn die Kündigung schmerzvoll und stillos war.

Was machen Sie nun bis zu Ihrem Start im Mai?
Da die Schneeverhältnisse wunderbar sind, geniesse ich noch ein paar Tage auf und neben den Pisten in Arosa. Was nachher kommt, behalte ich für mich.

*Bernard Maissen hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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