08.01.2019

Republik

Die heisse Phase beginnt

Ein Jahr nach dem Start geht es beim Onlinemagazin ums Eingemachte. Rund 50 der angestrebten 66 Prozent der Crowdfunder haben bisher ihr Abo verlängert. Allerdings hängt das Überleben des Portals auch von anderen Faktoren ab. «Wir schlafen jetzt nicht wahnsinnig gut», sagte Gründungsmitglied Christof Moser an einer Standortbestimmung.
Republik: Die heisse Phase beginnt
«Das Herantasten, an das, was wir sind, ist noch im Gange. Wir passen uns mit unserer Publizistik immer wieder an, sagte «Republik»-Gründungsmitglied Christof Moser gegenüber Moderator Roger de Weck. (Bild: Videostill/republik.ch)
von Anna Sterchi

In rund einer Woche feiert das Onlinemagazin «Republik» sein einjähriges Bestehen. Anlässlich des Geburtstags hat die «Republik»-Crew am Montagabend Bilanz gezogen und einen Blick in die Zukunft gewagt. An der öffentlichen Veranstaltung «Stand der Arbeit, Stand des Irrtums» im Zürcher Kosmos kamen nebst den «Republik»-Journalisten Adrienne Fichter, Brigitte Hürlimann und Daniel Binswanger die Co-Chefredaktoren Michael Rüegg und Sylke Gruhnwald zu Wort. Zum Abschluss nahmen Christof Moser, Clara Vuillemin und Constantin Seibt zu unternehmerischen Aspekten Stellung. Publizist Roger de Weck moderierte den Anlass, den satirischen Schlusspunkt setzte Slam-Poetin Patti Basler.

Zur aktuellen finanziellen Lage der «Republik»

«Es ist klar, wir schlafen jetzt nicht so wahnsinnig gut», gab Verwaltungsrat Moser offen zu. Bis am Montagabend hätten rund 43 Prozent Crowdfunderinnen und Crowdfunder – von erwarteten 50 Prozent – ihre Mitgliedschaft erneuert. Das ehrgeizige Ziel liege bei 66 Prozent bis Ende Januar, so Moser. Am Dienstagabend konnte die «Republik» auf Social Media vermelden, dass die 50-Prozent-Marke geknackt worden sei.


Die Anzahl der erneuerten Mitgliedschaften ist gemäss Vuillemin, Co-Founderin der «Republik», aber nur einer von vier Parametern, welche die Liquiditätskurve beeinflussten. Wichtig seien überdies die Anzahl der neuen Mitgliedschaften, die Kosten sowie zusätzliche Investorinnen und Investoren.

Liquiditätsrate

Das «Worst Case»-Szenario, die violette Kurve, zeigt auf, was eintreten würde, falls alles unverändert bleibe. Gehe man von dieser pessimistischen Prognose aus, sei die «Republik» Ende Dezember 2019 pleite, hiess es im Sondernewsletter der «Republik» vom Montagabend. Das Onlinemagazin habe aber einen Plan: «Wir glauben nicht, dass eine einzelne Massnahme Erfolg verspricht, um zu etwas Vernünftigem zu kommen, sondern nur ein Gesamtpaket. Man muss an allen Parametern schrauben.» Mithilfe eines interaktiven Tools können die Verlegerinnen und Verleger selber die Parameter justieren und verschiedene Szenarien durchspielen.

Schnelles Wachstum an allen Fronten

«Wir sind ein kleines Start-up, das sehr schnell gewachsen ist – sowohl auf der Einnahme- als auch auf der Produktseite», hielt Vuillemin fest. Die Zahl der Mitglieder sei solide gewachsen, abgesehen von den Sommermonaten. «Es ist verrückt, wie wenig es braucht, bis so ein Projekt eine grosse Zahl an Verlegern gewonnen hat, ohne dass wir sehr viel ins Marketing investiert haben», meinte Moser.

Mitgliederzahlen

Gleichzeitig sind aber auch die Kosten gestiegen – auf rund 6,5 Millionen Franken. Das entspreche den Einnahmen von rund 27’000 Verlegern. «Zwar sind wir mit 22’000 nicht weit weg davon – aber das trügt. Wir sind es nur genau eine Woche lang – bis Mitte Januar», hiess es im Sondernewsletter. Denn bis dann müssten «auf einen Schlag» über 16’000 der Verlegerinnen ihr Engagement erneuern. Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben das gemäss Moser erst rund 8000 Personen getan.

Stellenabbau nicht ausgeschlossen

Auf Seiten der Mitarbeitenden ist die «Republik» seit dem Beginn schnell von 10 auf 50 Mitarbeitende gewachsen, was 36 Vollzeitstellen entspricht. «Das war richtig und wichtig. Jetzt sind wir ein Jahr online, jetzt machen wir einen Schritt zurück und schauen, ob und inwiefern wir Anpassungen machen müssen», so Vuillemin.

Ob es zu einem Stellenabbau komme, sei noch nicht ganz entschieden, sagte Seibt. Denn die Erneuerungsrate – und somit eine der wichtigsten Komponente – stehe erst Ende Januar fest. Sollte diese Rate zu gering sein, werden die Verantwortlichen «Massnahmen finden müssen». Man könne beim Sachbudget oder bei den Stellenprozenten «spielen». Dennoch schloss Seibt das Streichen von Arbeitsstellen nicht aus. Damit «müsste man dann leben, ohne müsste man dann sterben».

Der eigenen Grenzen bewusst

Im Verlauf des Abends zeigten sich die Beteiligten der «Republik» immer wieder selbstkritisch und sprachen davon, dass sie in vielerlei Hinsicht noch «auf der Suche» seien. So meinte Moser: «Das Herantasten, an das, was wir sind, ist noch im Gange. Wir passen uns mit unserer Publizistik immer wieder an.» Und Co-Chefredaktor Rüegg hielt fest: «Wir haben nicht den Anspruch, alles zu machen, wir haben allerdings den Anspruch alle anzusprechen». Seibt erklärte: «Noch gefällt uns nicht alles, was wir machen, einiges ist zu mutlos.» Aber das «Republik»-Team sei an der Arbeit und wollte seine Fehler ausbügeln.

Auch gab es je ein Bekenntnis von Moser und Seibt, sich im nächsten Jahr wieder vermehrt dem Schreiben zu widmen. De Weck suggerierte, dass etliche Leser die «Republik» Seibt wegen abonniert hätten und nun enttäuscht seien, da er relativ wenig publiziert habe. «In dem Jahr war ich mit anderem beschäftigt», erklärte er. «Ich habe ein absolut faszinierendes, für mich völlig neues Genre geschrieben: Newsletter, Marketingtexte und Werbung.» Das habe auch eine gewisse Poesie, es sei ein «faszinierendes und unbesiedeltes» Gebiet.

Trotz kritischer Voten und düsterer finanzieller Prognose zeigten sich die Verantwortlichen entschlossen, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten: «Wir haben eine klare Vision für die Zukunft. Wir wollen einen Journalismus für das 21. Jahrhundert entwickeln», so Seibt. «Wir hoffen, dass das Bedürfnis nach vernünftigem Journalismus gross genug ist, sonst müssen wir klein genug werden.» Das sei ein relativ klarer Weg, und der werde brutal hart, steinig und lang.



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Kommentare

  • Peter Zwissig, 08.01.2019 16:35 Uhr
    Dass Werbung und Marketing ein «faszinierendes und unbesiedeltes Gebiet», erschliesst sich mir nicht so ganz. Aber die neue Demut gefällt mir gut. Viel Glück!
  • Victor Brunner, 08.01.2019 17:21 Uhr
    Ich war auch "Verleger" bei REPUBLIK, werde aber aussteigen. Der versprochene investigative Journalismus ist zu kurz gekommen, dafür viele "nice-to-have"-Artikel. Viel Philosophie und Feuilleton, langatmig geschrieben. Innenpolitik nur mariginal, Wirtschaft mariginal. Die Reaktion ist falsch zusammengesetzt, zuviel Schönschreiber, was interessiert mich welche Bücher D. Binswanger gelesen hat, was interessieren mich die gestelzten Sätze von R. de Weck, oder die wortreichen Ausflüge von C. Seibt. Bestimmt alles kluge Schreiber, aber der Alltag sieht anders aus. Chance vertan, denke in 2 bis 3 Jahren ist REPUBLIK Geschichte. Schade, Idee gut, Engagement beeindruckend, leider aber immer zu abgehoben!
  • Stefan Berger, 09.01.2019 08:08 Uhr
    Ich bin selber auch Verleger, allerdings nicht bei REPUBLIK. 6.5 Mio Kosten für ein Online-Magazin? Da fällt mir fast gar nichts mehr zu ein, ausser "geschützte Werkstatt". Für mich unbegreiflich, wie viele und scheinbar auch intelligente Leute sich da für dumm verkaufen lassen.
  • Peter Hinderling, 09.01.2019 09:04 Uhr
    Seibt war noch nie ein Vielschreiber, aber ein paar Newsletters und Marketingtextli pro Jahr schlägt alles.
  • Dieter Widmer, 09.01.2019 10:08 Uhr
    Wie man im ersten Betriebsjahr den Etat von 10 auf 50 Stellen hinaufschreiben konnte, ist für mich nicht nachvollziehbar. Da fehlt elemtarstses kaufmännisches Wissen. Ich ziehe mich als Verleger auch zurück. In der "Republik" arbeiten zu viele Stars, die ihr Gärtlein pflegen und die sich selbst darstellen wollen. Die Themenwahl ist zufällig. Mir fehlt ein Konzept. Dass die "Republik" sich Auslandthemen widmet, finde ich falsch. Damit werden Ressourcen verpufft, die der Inlandberichterstattung fehlen. Mancher Primeur ist der Redaktion entgangen, eigene Primeurs waren an eine Hand zu zählen. Der Vorteil, frei vom Druck der Inserenten arbeiten zu können, entpuppt sich als Verkaufsschlager, denn über echte News der "Republik" berichteten an den folgenden Tagen ausnahmslos auch die übrigen, von den Inserenten anscheinend gebeutelten Medien - sogar über den unsäglichen distanzlosen Bericht von Daniel Ryser über seinen Schulfreund Roger Köppel. Es passt dazu, dass alt SRF-Direktor Roger de Weck seine Überheblichkeit weiterpflegen darf. Mir fehlt der substanzielle Vorteil für eine Verlängerung des Abonnementes.
  • Uwe Tännler, 09.01.2019 10:24 Uhr
    Als Unternehmer ist es mir ein Rätsel, wie man mit diesen Prognosen (-1.9 bzw. -6.6 Mio. bis 2023) weitermachen kann! Toller Plan!
  • Oliver Brunner, 09.01.2019 10:59 Uhr
    Wenn das Aus nicht in diesem Jahr kommt, dann im nächsten. Zu grosse Redaktion, zu wenig aktuell, zu lange Texte. Ich habe schmarotzt und manchmal über Twitter Republik-Texte gelesen (nie bis zum Ende), vieles ist gut geschrieben, aber nur bedingt relevant oder bereits bekannt. Die angeblich "besten" Texte waren zum Bündner Bauskandal, den aber die SOZ schon aufgedeckt hatte, und eine Schreibtischanalyse zu Facebook, die zum Schluss kam "Facebook abstellen". Wirklich recherchiert wird auch bei der Republik höchst selten. Pseudo-intellektuelle Nabelschau dominiert... Eine anekdotische Umfrage ergab, ausserhalb des Kreis 4 sowie Journalisten- und gewissen PR-Leuten ist das Magazin kein Thema.

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