20.04.2022

SRF

«Die Liste der Tabuthemen nimmt ständig zu»

Die China-Korrespondentin Claudia Stahel befindet sich seit mehreren Wochen im Lockdown in Schanghai. Im Interview gewährt sie Einblicke in diesen speziellen Alltag und sagt, inwiefern die eingeschränkte Pressefreiheit im Land ihre Arbeit als TV-Journalistin erschwert.
SRF: «Die Liste der Tabuthemen nimmt ständig zu»
«Wenn ich nach langer Suche jemanden finde, der bereit ist, mir vor der Kamera über sein Leben Auskunft zu geben, ist das ein Geschenk»: Claudia Stahel, TV-Korrespondentin von SRF in China. (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Tim Frei

Frau Stahel*, seit Anfang April dürfen Sie aufgrund des Lockdowns Ihre Wohnung nicht verlassen. Seit ein paar Tagen dürfen Sie immerhin in den Innenhof des Wohnkomplexes. Gehen Ihre Lebensmittel-Vorräte langsam aus?
Nein. Ich habe ursprünglich zwar nur für ein paar Tage Lebensmittel eingekauft, aber mein Wohncompound ist gut organisiert. Bereits am dritten Tag des Lockdowns habe ich von meinem Nachbarschaftskomitee einen grossen Sack an Esswaren erhalten mit Shrimps, 30 Eiern und vier Kohlköpfen.

Die Beschaffung der Lebensmittel war für Sie demnach weniger ein Problem als für den SRF-Radiokorrespondent Martin Aldrovandi, wie er dem Blick schilderte?
Bei der Versorgung der Bevölkerung gibt es grosse Unterschiede. Während viele Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt vor allem zu Beginn des Lockdowns auf sich gestellt waren, hatten andere mehr Glück. Vieles hängt vom Nachbarschaftskomitee ab. Meines verteilt mittlerweile auch Toilettenartikel wie Zahnpasta, Schampon und Feuchttücher.

Wie schwer fällt es Ihnen, sich mit den vorhandenen Vorräten zu verpflegen?
Grundnahrungsmittel habe ich genügend. Was nicht verteilt wird und was mir schon vor einer Weile ausgegangen ist, sind zum Beispiel Butter und Mehl. Ich würde gerne Brot oder eine Züpfe backen.

Sie müssen sich derzeit beinahe täglich testen lassen, dürfen aber nicht auf die Strasse. Wie muss man sich den Ablauf eines Tests vorstellen?
Auch hier gibt es Unterschiede. Ich habe Bekannte, die dürfen ihren Wohncompound zum Testen verlassen. Bei uns hingegen kommen die Testerinnen und Tester vorbei. Sie gehen von Wohnhaus zu Wohnhaus und errichten jeweils vor der Haustüre ihre mobile Teststation. Wir Bewohnerinnen und Bewohner werden nicht vorgängig informiert. Dass ein Test ansteht, erfahre ich, weil entweder mein Nachbar an die Türe klopft oder weil unsere Hausverantwortliche auf Englisch «hello, hello» vom Innenhof her schreit. Dann weiss ich, sie meint mich, die Ausländerin, und ich muss zum Test.

«Ich würde gerne Brot oder eine Züpfe backen»

Schanghai hat in den vergangenen Tagen mit ersten Lockerungen begonnen. Diese können jedoch von Wohnkomplex zu Wohnkomplex unterschiedlich sein. Wie gelangen Sie in diesem Wirrwarr an Informationen?
Ich bin ständig auf den chinesischen sozialen Medien. Gleichzeitig verfolge ich aber auch die staatlichen Medien. Daneben tausche ich mich mit anderen Korrespondentinnen und Korrespondenten sowie Bekannten aus. Und jedes Mal, wenn jemand von meinem Nachbarschaftskomitee unter meinem Balkon durchläuft, rufe ich runter und frage, ob es etwas Neues gibt.

Weshalb wurde gerade Schanghai so hart vom Virus getroffen?
Aktuell meldet Schanghai rund 20'000 positive Fälle pro Tag bei einer Einwohnerzahl von 25 Millionen. Im internationalen Vergleich ist das nicht besonders hoch. China verfolgt aber eine Null-Covid-Strategie. Bereits ein paar wenige Fälle verlangen rasche und strenge Massnahmen. Hinzu kommt, dass die chinesischen Impfstoffe weniger wirksam sind als die mRNA-Vakzine aus dem Ausland. Und dass trotz aller Impfbemühungen die Impfquote unter den Alten verhältnismässig tief ist. 

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit als Journalistin durch den Lockdown verändert?
Den Wohncompound verlassen darf nur, wer eine Spezialbewilligung hat oder wer in einem Compound lebt, wo der letzte positive Fall mehr als 14 Tage zurückliegt. Als Korrespondentin habe ich kein Anrecht auf eine Spezialbewilligung und der letzte positive Fall ist bei uns noch keine zwei Wochen her. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mir am Esszimmertisch ein Bild zu machen. Das ist nicht immer leicht. Zum Beispiel hat mir eine Bekannte erzählt, dass vor einem Spital in Schanghai Patienten draussen behandelt würden. Da will ich natürlich hin und selber nachsehen. Videocalls und Computer sind auf Dauer kein guter Ersatz.

«Mir bleibt nichts anderes übrig, als mir am Esszimmertisch ein Bild zu machen»

Ihr Vorgänger Pascal Nufer hat in einem persoenlich.com-Interview erklärt, dass man als TV-Korrespondent in Schanghai einen noch schwereren Stand habe als Medienschaffende, die für Radio oder Zeitungen tätig sind. Machen Sie die gleiche Erfahrung?
Auf dem Papier bin ich recht frei in der Berichterstattung. Wenn ich jemanden interviewen will, brauche ich offiziell nur dessen vorheriges Einverständnis. Nur in der Praxis sieht es anders aus. Da werden zum Beispiel Interviewpartnerinnen und Interviewpartner unter Druck gesetzt, damit sie ihre Einwilligung zurückziehen. 

Können Sie ein Beispiel machen?
Wir sind einmal acht Stunden per Flieger und Zug angereist. Kurz vor Ankunft informierte uns der Protagonist, ein Bauer, dass er uns nicht treffen dürfe. Die Lokalbehörden haben es ihm untersagt. Alternativen gab es keine, die Beamten haben vorsorglich alle Bauern in der Region über unser Kommen informiert und vor uns gewarnt. Da bist du nicht nur als TV-Crew recht aufgeschmissen. Aber klar, als TV-Korrespondentin bin ich zusätzlich sichtbarer. Selbst in Schanghai, das als aufgeschlossen gilt, ist mir schon passiert, dass Passanten die Polizei gerufen haben. 

Apropos Pressefreiheit: Im Sommer 2017 waren Sie während zwei Monaten SRF-Korrespondentin in Russland. In welchem Land fühlten Sie sich stärker eingeschränkt?
In China. Das Land liegt nicht ohne Grund auf der Rangliste der Pressefreiheit (Jahresbericht 2021 von Reporter ohne Grenzen) auf dem viertletzten Platz – nur knapp vor Nordkorea. Allerdings hat sich mit dem kürzlich eingeführten drakonischen Mediengesetz in Russland die Lage dort massiv verändert. Das ist nicht mehr das Russland, das ich kenne. 

Inwiefern wird Ihre Arbeit in China erschwert?
Die Liste der Tabuthemen ist lang und nimmt ständig zu. Jüngstes Beispiel sind die Olympischen Winterspiele in Peking. Bereits die Vorabberichterstattung war unglaublich mühselig. Es gab nur sehr eingeschränkt Zugang zu Terminen, die mit den bevorstehenden Winterspielen zu tun hatten, wie zum Beispiel den Olympia-Testläufen. Kontakt im Vorfeld zu chinesischen Sportlerinnen oder Trainern war so gut wie unmöglich. Und selbst das Interview mit zwei Schweizer Bobmechanikern, die für die chinesische Nationalmannschaft arbeiteten, musste ich am Ende ferngesteuert in der Schweiz führen. In China durfte ich sie nie treffen.

«Selbst in Schanghai ist mir schon passiert, dass Passanten die Polizei gerufen haben»

Sie wurden auch schon verfolgt. Hatten Sie nie Angst um Ihr Leben?
Ich hatte nie Angst um mein Leben, aber sicher oft ein mulmiges Gefühl. Vor allem das erste Mal auf Reportage, als ich bemerkt habe, dass uns immer das dasselbe schwarze Auto folgt und der Fahrer bei jedem Stopp auch anhält, aussteigt und uns filmt. Seither ist das so oft passiert, dass mir mehr graut, was danach kommt. Viele dieser Begegnungen laufen nach einem ähnlichen Muster ab: Wir werden rapportiert und beobachtet. Kurz darauf oder am Abend im Hotel tauchen die Polizei und die Lokalbehörden auf. Im besten Fall haben wir nur viel Zeit und Schlaf verloren. Im schlimmsten Fall sind wir blockiert und können vor Ort nicht mehr weiterarbeiten.

Wie gehen Sie in solchen Situationen vor? Ist es überhaupt möglich, sich davon nicht beeinflussen zu lassen?
Mit der Zeit habe ich für mich gelernt, in welchen Situationen ich besser ruhig und freundlich bleibe und wann ich mich wehren muss. Und bei jeder Begegnung – sei es mit der Polizei, den Lokalbehörden aber auch Passanten, die mich rapportieren – nehme ich auch immer etwas mit. Zum Beispiel wie die Behörden vor Ort ticken oder welche neuen Grenzen und Tabuthemen sich auftun. Das fügt sich wie Puzzleteile zu einem Gesamteindruck zusammen.

Der Korrespondentenjob in Schanghai erfordert gemäss SRF «Hartnäckigkeit und einen langen Atem». Sie scheinen trotz schwieriger Rahmenbedingungen nach wie vor für diese Aufgabe zu «brennen». Was treibt Sie an?
Das Abenteuer. Ich darf in meinem Job ein Land und eine Kultur entdecken. Das ist ein riesiges Privileg. Und ich treffe immer wieder wunderbare Menschen in China. Wenn ich nach langer Suche jemanden finde, der bereit ist, mir vor der Kamera über sein Leben Auskunft zu geben, ist das ein Geschenk. Diese Momente bereichern und treiben mich an, weiterzumachen. 

Kehren wir zum Schluss nochmals an den Anfang zurück: Was werden Sie als Erstes tun, wenn Sie wieder auf die Strasse dürfen?
Meinen Kaffee nicht mehr immer nur alleine und am immer gleichen Ort – meinem Esszimmertisch – zu trinken, sondern draussen mit Freunden an einem lauschigen Plätzchen.


*Claudia Stahel ist seit Frühsommer 2019 TV-Korrespondentin in China für SRF. Zuvor war sie vier Jahre lang als Wirtschaftsredaktorin von SRF tätig, wobei sie Reportagen und Berichte für «Tagesschau», «10 vor 10» und «Eco» realisierte. Vor ihrer Zeit beim Schweizer Radio und Fernsehen war sie als Wirtschaftsredaktorin für die Blick-Gruppe und die SonntagsZeitung tätig. Im Frühling 2019 schloss sie einen CAS in Datenjournalismus ab, 2009 erwarb sie an der Universität Bern den Master of Science in Economics. Wie Claudia Stahel ihren Lockdown-Alltag in Schanghai erlebt, schildert sie zudem in der «Rundschau» vom 20. April.



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