21.07.2020

Mein anderes China

«Nach zwei Beiträgen sind Protagonisten verschwunden»

Nach fünf Jahren in China hat SRF-Korrespondent Pascal Nufer einen vierteiligen Dokumentarfilm über das Land gedreht. Im Gespräch erzählt er von heiklen Recherchen in einem Überwachungsstaat und seinen letzten Drehtagen am Anfang der Coronakrise.
Mein anderes China: «Nach zwei Beiträgen sind Protagonisten verschwunden»
«Mit den Menschen im Land konnte ich mich versöhnen», sagt Pascal Nufer, ehemaliger China-Korrespondent von SRF, zu seinem Dokfilm. (Bild: SRF)
von Michèle Widmer

Herr Nufer, in der Dok-Serie «Mein anderes China» wollen Sie sich mit dem Land versöhnen. Was hat Sie so verärgert?
Wenn wir China sagen, denken wir immer an die kommunistische Partei und vergessen die Menschen, die dort leben. Als Journalist vor Ort, der für Nachrichtenformate wie die «Tagesschau», «10vor10» oder «Eco» berichtet, habe ich bei meinen Geschichten immer auf Politik und Wirtschaft fokussiert und wurde den Menschen nicht gerecht.

Es sei mit den Jahren immer schwieriger geworden, für Recherchen mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wie zeigte sich das konkret?
Wenn es um heikle Themen geht, wird man als Journalist rasch an der Arbeit gehindert, das war bereits zu Beginn meiner Korrespondentenzeit so. Krass zugenommen hat das bei vordergründig unsensiblen Themen. Zum Beispiel der Handelskrieg, der vor zwei Jahren aufgekommen ist. Einen Wirtschaftsprofessoren einer Uni in Shanghai durfte ich vor drei Jahren noch am Campus besuchen, später sprach er nur noch auf der Strasse oder im Korrespondentenbüro mit mir. Mails an die Uniadresse waren tabu. Als TV-Korrespondent hatte ich einen noch schwereren Stand als Journalisten, die für Radio oder Zeitungen arbeiteten. Sobald sich jemand mit dem Gesicht im Fernsehen zeigen soll, wird es extrem schwierig.

«Als Journalist in China geht extrem viel Zeit für Überzeugungsarbeit drauf»

Was ist der Grund dafür? Trauen Ihnen die Protagonisten nicht mehr oder haben Sie Angst?
Beides. Eine Minderheit glaubt wohl, dass ausländische Journalisten eine versteckte Agenda haben und für Geheimdienste arbeiten. Bei der Mehrheit ist wohl die in China sehr ausgeprägte Angst, etwas Falsches zu sagen und so die Vorgesetzte oder den Vorgesetzten zu verärgern. Als Journalist in China geht extrem viel Zeit für Überzeugungsarbeit drauf. Die Situation verunmöglicht es praktisch, reportagig zu arbeiten. Was in der Schweiz sozusagen die PR-Abteilungen sind, ist in China der Staat.

Im Film ist immer wieder Ihre ausgeprägt kritische Haltung gegenüber der chinesischen Regierung zu spüren. War das schon zu Beginn Ihrer Zeit als Korrespondent so?
Als ich nach China kam, glaubte man fest daran, dass Xi Jinping die Öffnung des Landes vorantreibt und weitere Reformen einleitet. Anfangs habe ich das wirklich etwas unkritisch hingenommen. Doch relativ schnell wurde klar, dass das nicht so sein wird. Zuerst wurde das Suchportal Google geschlossen. Ein Meilenstein diesbezüglich war für mich der 25 Jahrestag des Tiananmen-Massakers 2015. Nach zwei Beträgen für die «Tagesschau» und «10vor10» sind zwei meiner Protagonisten verschwunden. Das ist eine Erfahrung, die man als Journalist nicht machen will.

Wissen Sie, wie es den beiden heute geht?
Einer ist wieder freigekommen, der andere sitzt noch immer in Haft. Dies allerdings nicht wegen meinem Beitrag.

Sie bedauern im Dok-Film, dass Sie nicht häufiger aus Shanghai raus aufs Land gekommen sind. Wäre es als Korrespondent nicht Ihre Aufgabe gewesen, mehr als Shanghai zu sehen und zu wissen was in anderen Teilen passiert?
Ich war schon viel unterwegs, allerdings mit dem Tempo eines Nachrichtenjournalisten. Für einen Beitrag reist man kurz mit dem Hochgeschwindigkeitszug in eine andere Millionenstadt. Man springt quasi von einer Blase in die andere. Wenn man als Korrespondent ein so grosses Gebiet abdecken muss, ist das Zeitmanagement ein Problem. Die Reiserei nimmt viel Zeit in Anspruch.

Wie lange waren Sie für die Dok unterwegs, beziehungsweise haben daran gearbeitet?
Für jeden Film waren wir rund zehn Tage unterwegs, um zu Drehen. Der erste Film entstand noch am Schluss meiner Korrespondentenzeit, der letzte dann im Januar 2020.

«Die Coronakrise ist ein Example dafür, wie die kommunistische Partei funktioniert»

War das Coronavirus während dem Dreh noch kein Thema?
Jein, der Dreh des Films über den Himalaya fand Anfang Jahr statt. Wir sind am 7. Januar eingereist, damals wussten wir noch nichts vom Virus, die chinesische Regierung allerdings schon. Auf der Hälfte der Reise haben wir erstmals etwas davon erfahren, damals ist es in Wuhan losgegangen. Ende Januar, als wir in Shanghai waren, wurden gerade alle Shops dichtgemacht. Meiner Meinung nach waren diese Tage ausschlaggebend dafür, dass das Virus zur weltweiten Pandemie geworden ist. Im Buch, welches ich über die Reise schreibe, wird dies ein grosser Schwerpunkt werden. 

Das zögernde Verhalten von China war also der Grund für die Coronakrise?
Wie bereits einmal gesagt: In China herrscht eine grosse Angst, schlechte Nachrichten nach oben zu rapportieren. Daran scheitern Unternehmen, aber auch die Politik immer wieder. Das Virus war da, aber es wurde zu lange ignoriert. Irgendwann hat man die Gefahr dann realisiert und ist in die Propagandaschlacht gezogen. Das ist ein Beispiel dafür, wie die kommunistische Partei funktioniert.

Über welche Kanäle haben Sie bei der Recherche zum Dok oder generell kommuniziert?
Mit anderen Journalisten und mit meiner Assistentin war ich immer über Signal in Kontakt, das war der letzte Dienst, der noch funktioniert hat. Auch Telegram wurde irgendwann abgestellt. Für Recherchen habe ich versucht, so wenig wie möglich über Wechat zu machen, weil die Regierung dann immer mitliest. Allerdings ist das immer schwieriger geworden, da eben kaum mehr ein Weg an Wechat vorbei führt.

«China ist quasi eine Diktatur der Bequemlichkeit»

Im Film sieht man Sie auf Google recherchieren, obwohl die Suchmaschine in China gesperrt ist. Mit welchem Trick machen Sie das?
Journalisten stellen über einen VPN-Anbieter eine Verbindung zum Ausland her. Das machen viele in China. Dieses vordergründige Verbot steht sinnbildlich für vieles im Land. Es ist nichts schwarz oder weiss. Doch die Regierung könnte das jederzeit unterbinden und Google ganz verbieten.

Das chinesische Google heisst Baidu, und mit Whatsapp ist Wechat vergleichbar. Wie schätzen Sie diese Dienste ein?
China ist durch eigene Anbieter komplett abgekoppelt vom Rest der Welt. Und die genannten Dienste sind technisch um einiges weiter, als was wir kennen. Auch weil der Datenschutz in China ganz anders ist. Die Menschen können ihr Leben über zwei drei Apps organisieren. Es ist quasi eine Diktatur der Bequemlichkeit.

Wo hatten Sie in Shanghai Ihr Büro?
Ich habe in einem der ältesten Korrespondentenbüros von Shanghai gearbeitet. Dort waren Journalisten von Stern, Figaro, Frankfurter Allgemeine oder auch Fotografen und Freelancer stationiert. Der Kontakt zu chinesischen Journalisten war schwierig, offiziell war es ihnen nicht erlaubt, mit uns zu kommunizieren. Speziell ist in China, dass jeder ausländische Journalist eine lokale Assistentin oder einen Assistent zur Seite gestellt bekommt.

«Der Besuch im Nationalen Volkskongress ist eindrücklich, aber auch wenig ergiebig»



Ihre Assistentin wurde Ihnen also zugewiesen. Vom Staat oder von wem?
Dafür gibt es eine Agentur, die quasi ein verlängerter Arm der Regierung ist. Ich habe es allerdings immer geschafft, dass ich jemanden an meiner Seite hatte, der wirklich für mich gearbeitet hat. Ich habe jeweils selber gesucht und sie dann der Agentur vorgeschlagen.

Ganz generell: Wie kommt man als Journalist in einem Land wie China zu Informationen? Wie laufen zum Bespiel Pressekonferenzen der kommunistischen Partei ab?
Das Aussenministerium führt fast täglich eine Pressekonferenz durch. Diese Informationen werden dann auch über Agenturen verbreitet. Ich kann an einer Hand abzählen, wie häufig ich an einer solchen Veranstaltung war, denn sie bringen nicht viel. Die Kommunikation läuft nur in eine Richtung und es ist ein abgekartertes Spiel, welche Journalisten Fragen stellen dürfen. Der Besuch im Nationalen Volkskongress ist eindrücklich, aber auch wenig ergiebig. Die Vorstellung, dass man wie in der Schweiz mit Parlamentariern ins Gespräch kommt und Interviews führt, ist undenkbar. Informationen erhält man nur über informelle Wege – über Dissidenten oder man sieht auf Social Media, welche Themen in der Gesellschaft aufkommen.

Nach 15 Jahren im asiatischen Raum, leben Sie jetzt mit Ihrer Familie in der Schweiz. Wie haben Sie diese Umstellung erlebt?
Das Positive hier in der Schweiz überwiegt klar – gerade in dieser Krisenzeit. Ich bin froh, meine Familie in dieser Zeit in der Schweiz zu wissen. Durch die Zeit in China lernten wir die scheinbar kleinen Dinge hier sehr zu schätzen. Als wir wieder hier waren, bin ich zum Beispiel bei der ersten Abstimmung mit grosser Freude an die Urne gegangen. Ich schätze das Konzept der freien Meinungsäusserung. Und auch, dass unsere Nahrungsmittel im Vergleich sauber produziert sind. Ein anderer Punkt: Rechtssicherheit. Wenn in der Schweiz die Polizei kommt, fangen in der Regel die Probleme nicht erst an. Und wenn doch, kann jeder Rekurs einlegen. Klar gibt es auch in der Schweiz Dinge, auf die man die Finger draufhalten sollte. Aber wir können das immerhin.

«Mit den Menschen im Land konnte ich mich versöhnen»

Im Film sagten Sie, dass Freunde von Ihnen prognostiziert hätten, dass Sie die Schweiz in spätestens zwei Jahren wieder verlassen. Was glauben Sie?
Nein, wir bleiben jetzt hier. Es war ein Familienentscheid, auch im Sinne unsere Kinder hier zu sozialisieren.

Haben Sie dieses Ziel erreicht? Mit welchem Blick schauen Sie jetzt auf Ihre Zeit in China zurück?
Diese Frage habe ich mir häufig gestellt. Durch die Filme und das Buch bin ich meinem Ziel sicher näher gekommen. Mit den Menschen im Land konnte ich mich versöhnen. In einem solchen Regime zu leben und auch kreativ zu arbeiten, ist eine unglaubliche Leistung. Mit Blick auf die Politik bleibt das Unverständnis darüber, dass man das Gefühl haben kann, ein Land auf diese Art und Weise zusammenhalten zu können. Mein Unverständnis und meine Wut gegenüber dem Regime ist daher sogar noch gewachsen.



Cover_China

«Faszination China – Mythen, Macht und Menschen» von Pascal Nufer, 224 Seiten, Tele-Buch, 43 Franken

Die Dok-Serie «Mein anderes China» ist am Mittwoch, 22. Juli ab 20.05 Uhr auf SRF 1 (Folgen 1 und 2) sowie am Mittwoch, 29. Juli ab 20.05 Uhr auf SRF 1 (Folgen 3 und 4) zu sehen.



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