19.03.2002

Die Redaktion des Beobachters nimmt Stellung

Ein Tag nach dem Sitzungsmarathon in der Jean Frey AG nimmt die Beobachter-Redaktion Stellung gegenüber "persoenlich.com". Sie zeigt sich wenig erfreut über den Verlauf der Gespräche und spricht von "massiven Einschüchterungsversuchen" seitens der swissfirst. Ein Sprecher dementiert Streikdrohungen, macht aber klar, dass ein kollektives Überlaufen zu Ringier weiterhin im Bereich des Möglichen liegt. Die Details auf "persoenlich.com":

"Wir haben nur Nullinformationen erhalten", sagt der Sprecher der Beobachter-Redaktion. Die erwartete Entscheidung bezüglich der Zukunft des Beobachters sei ausgeblieben. Man schliesse aber aus den Informationen von Jean Frey-VR-Präsident Christoph Richterich, dass Ringier nach wie vor im Gespräch sei. Tatsächlich war von der Dufourstrasse am Montagabend zu vernehmen gewesen, dass das Verlagshaus weiterhin an allen Jean Frey-Titeln interessiert sei.

Auch wenn die Ziele der von Geschäftsleitung und Investoren einberufenen Sitzung weiterhin im Dunkeln bleiben ? die Wahrscheinlichkeit, dass sie verfehlt wurden, ist gross. "Die Veranstaltung von gestern hat uns erst recht gezeigt, dass wir die Zukunft nicht mit swissfirst sehen und dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind", meint der Redaktionssprecher. Denn: "Wir sind befremdet über die massiven Einschüchterungsversuche der swissfirst."

Zwar habe niemand eine eigentliche Drohung ausgesprochen, doch sei wiederholt auf die Widerrechtlichkeit eines eventuellen Streiks sowie auf daraus resultierende Schadenersatzforderungen hingewiesen worden. Der Beo-Mann stellt klar: "Wir haben nie mit Streik gedroht. Wir haben lediglich auf eine Anfrage hin gesagt, wir könnten Streiks nicht ausschliessen. Als Drohung war das nicht gemeint." Trotzdem sei das Vorgehen des Beobachters als Verstoss gegen Treuepflicht und Loyalität bezeichnet worden.

Zudem wurde der Beobachter-Crew der Vorwurf gemacht, sie gefährde mit ihrem Vorgehen die Stellen der schwächeren KollegInnen ohne bessere Ausbildung. "Der Bilanz hätte man dies nie vorgehalten", entrüstet sich der Sprecher des Beobachters. "Wir finden diesen Angriff unfair." Im Übrigen habe das Management bereits angekündigt, das es den Overhead abzubauen gedenke. Stellenkürzungen scheinen damit unvermeidlich.

Aber auch sonst wird die Argumentation der swissfirst vom Beobachter als widersprüchlich empfunden. "Auf der einen Seite sagen die Investoren, sie liessen sich durch unser Vorgehen nicht verunsichern. Auf der andern Seite mahnen sie, wir gefährdeten die Jean Frey. Das passt doch nicht zusammen."

Die Beobachter-Belegschaft erachtet Ringier nach wie vor als die beste Lösung für den Beo, so der Sprecher weiter. Man lege die Zusicherungen, welche gegenüber der Chefredaktion vor ein paar Wochen in der Phase der Vorverträge gemacht wurden, als Garantie für ein langfristiges Engagement aus. "Wenn Ringier nicht zum Zug kommt und wenn das Angebot eines 'Neuen Beobachters' tatsächlich realisiert würde, so ist ein Überlaufen der Redaktion gut möglich", glaubt der Gewährsmann von "persoenlich.com".

Zwar hat auch die Jean Frey dem Beobachter in ihrem Communiqué vom Montag die "volle redaktionelle Unabhängigkeit" garantiert und gelobt, "alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um die Institution Beobachter zu bewahren und zu stärken". Doch beim Beobachter ist man misstrauisch: "Die swissfirst ist noch genau zehn Tage lang Besitzerin der Jean Frey. Da kann man doch keine solche Versprechungen machen." In den Diskussionen, welche die Redaktion am Montag Abend im Anschluss an die Sitzungen geführt hat, war man sich deshalb "nach wie vor einig in der Analyse und geschlossen im Vorgehen", gibt der Beo-Sprecher zu Protokoll. "An eine selbständige Zukunft der Jean Frey glauben wir nicht." Über die weiteren Massnahmen werde nun laufend debattiert. Einen Zeithorizont könne er aber nicht nennen.

Mit seiner insgesamt eher sparsamen Informationspolitik erscheint der Beobachter selber wenig transparent. Das ist umso pikanter, als einer der Hauptkritikpunkte bezüglich der gegenwärtigen Situation ja der Mangel an Transparenz (bezüglich der Investoren) ist - der, nota bene, die Glaubwürdigkeit des Beobachters gefährde. Sägt der Beo mit seinen Verschleierungen also selber an seiner Glaubwürdigkeit? "Unser Grundanliegen ist nicht nur Transparenz, sondern eine verlässliche langfristige Lösung, die den speziellen Bedürfnissen des Beobachters Rechnung trägt", entgegnet der Redaktions-Sprecher gegenüber "persoenlich.com". "Dieses Ziel wollen wir erreichen, und deshalb ist es nötig, jeden Tag neu aufgrund der aktuellen Situation zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen wollen."

Für ihr Vorgehen wollen verschiedene Beo-Leute inzwischen Verständnis von den anderen Titeln des Verlagshauses an der Zürcher Förrlibuckstrasse spüren. "Bei den vielen Gesprächen, die wir gestern im Anschluss an die Informationsveranstaltung auf den Gängen und in den Büros mit anderen KollegInnen führten, haben wir unseren Standpunkt klar zu machen versucht. Ich glaube, das ist rübergekommen", meint hierzu auch der Redaktions-Sprecher. Verschiedentlich will man gehört haben, die von Bilanz-Chefredaktor Médard Meier im Plenum gemachten Beschwichtigungen seien von seinem Team nicht einhellig mit Freude aufgenommen worden.

Damit spitzt sich die Situation weiter zu. Die zunehmende Unsicherheit dürfte es der swissfirst kaum einfacher machen, Jean Frey-Aktien zeichnen zu lassen. Mit diesem Zeitdruck spielt der Beobachter vermutlich, der als "Cash Cow" innerhalb der Jean Frey gilt. Sein definitives Ausscheren hätte wohl fatale Folgen. "Ohne Beobachter wird es für die Jean Frey sehr, sehr schwierig", meint ein namentlich nicht genannt sein wollender Insider. Und selbst CEO Filippo Leutenegger soll am Montag bekannt haben, die Jean Frey hätte eine kritische untere Grösse erreicht. Mit anderen Worten: Den Velust eines Titels kann man sich keinesfalls leisten. Leutenengger selber wollte gegenüber "persoenlich.com" zum jetztigen Zeitpunkt keine Stellung beziehen.

Der Druck auf swissfirst wird im Übrigen nicht kleiner, nachdem der Tages-Anzeiger am Dienstag über Auffälligkeiten im Prüfungsbericht der Revisionsgesellschaft KPMG Fides zur Zwischenbilanz der Jean Frey AG berichtete. Ein Finanzexperte, der einen kurzen Einblick in den Bericht hatte, meint denn auch gegenüber "persoenlich.com": "Das ist das längste Testat, das ich je gesehen habe." Der befragte Experte warnt allerdings, ohne eingehende Prüfung des Berichts dürften keine voreiligen Schlüsse gezogen werden.


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