11.08.2015

20 Minuten

Die Redaktion kontert die Vorwürfe von Joiz

Blattmacher Gaudenz Looser über "Clickbaiting" und den Umgang mit fremdenfeindlichen Vorurteilen.
20 Minuten: Die Redaktion kontert die Vorwürfe von Joiz

"Du hättest nie gedacht, dass Journalisten so weit gehen würden!", schrieb der Jugendsender Joiz letzte Woche auf seiner Webseite. Was dann im Artikel folgt, ist eine Abrechnung mit dem "Clickbaiting" der Schweizer Online-Medien. "Clickbaiting" meint das reisserische Ankündigen von Inhalten, um dadurch möglichst hohe Klickzahlen zu generieren.

Der angeteaserte Text halte in der Regel nicht mal die Hälfte davon, was so grossartig versprochen wurde, heisst es im Kommentar. Oder es könne gerne auch mal das exakte Gegenteil von dem stehen, was ursprünglich angekündigt wurde. Hauptsache, der Leser klicke.

Die Vorwürfe sind "total daneben"

Der Artikel endet mit einer Aufforderung an die Journalisten: "Aber jetzt mal im Ernst, Freunde! Lasst uns mit dem Scheiss aufhören." Auch noch so viele Klicks rechtfertigten nicht, dass Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile geschürt würden. "Die Ausrede, dass im Artikel dann ja 'alles richtig erklärt wird', zählt nicht."

Joiz hat für den Aufruf in den sozialen Medien viel Lob erhalten. Nicht einverstanden mit der Kritik ist hingegen "20 Minuten" - beispielsweise Journalist Nikolai Thelitz. Sein Artikel über die Zuwanderung wurde von Joiz hart kritisiert. Solche Schlagzeilen und Titel würden Fremdenfeindlichkeit salonfähig machen. In einer Replik kontert Thelitz: Sein Artikel schüre keine Vorurteile, er baue sie ab. "Das sind für mich happige Vorwürfe, die völlig ungerechtfertigt sind, die ich total daneben finde", schreibt er.

Was genau ärgert "20 Minuten" sonst noch? persoenlich.com hat Gaudenz Looser, Blattmacher und Mitglied der Chefredaktion von "20 Minuten", befragt.

Herr Looser, Joiz beschuldigt Ihre Redaktion, mit dem Zuwanderungs-Live-Ticker Ängste zu schüren. Weshalb ärgert Sie dieser Vorwurf?
Weil der Bericht – in seiner Form ein zeitgemäss aufbereiteter Data-Artikel – ausschliesslich mit nüchternen Fakten arbeitet zu einem Thema, das hochaktuell ist und zurzeit breit diskutiert wird. Was, wenn nicht genau das ist die Kernaufgabe des Journalismus?

In einer Replik schreibt der kritisierte "20-Minuten"-Journalist, dass die Leser runterscrollen und den Artikel zu Ende lesen würden. Haben Sie Zahlen die dies belegen?
Die Kommentare legen es zumindest nahe.

Wer aber nur Titel und Lead liest, wird in seinem Vorurteil bestätigt.
Nein, überhaupt nicht. Titel und Lead teasern exakt das an, was folgt: Eine anschauliche Information darüber, wie schnell – oder eben wie langsam – die Zuwanderung stattfindet und welche Auswirkungen das auf den Staatshaushalt hat.

Gibt es bei "20 Minuten" Richtlinien für den Umgang mit fremdenfeindlichen Vorurteilen?
Grundsätzlich gilt bei allen politischen Themen: "20 Minuten" vertritt selber keine Meinung, sondern versorgt das Publikum mit verlässlichen Informationen und bildet Kontroversen ausgewogen mit Vertretern beider Seiten ab.

Wie gut werden bei "20 Minuten" Texte zur Zuwanderung gelesen?
Gleich wie alle andern. Bei den Talkbacks zu solchen Themen sind wir allerdings aus rein ökonomischen Gründen zurückhaltend: Es wird schnell zu aufwändig, die rassistischen Kommentare herauszufiltern, weshalb wir es lieber ganz lassen.

Fragen: Boas Ruh, Screenshot: 20 Minuten

 


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