13.02.2026

Gerhard Pfister

«Die SRG kann nur über sich selbst stolpern»

Rund drei Wochen vor der Abstimmung über die Halbierungsinitiative rechnet der Mitte-Nationalrat mit einem Nein. Gerhard Pfister kritisiert den UKW-Ausstieg und die Kostenexplosion in Leutschenbach als typische Fehler einer überheblichen SRG – und fordert mehr unternehmerisches Denken.
Gerhard Pfister: «Die SRG kann nur über sich selbst stolpern»
«Die Kampagne der Initianten ist sehr zurückhaltend, und die Unterstützung für die SRG wie erwartet gross», so Gerhard Pfister, Nationalrat und ehemaliger Präsident der Mitte Schweiz. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Herr Pfister, Sie gelten als SRG-kritisch, obwohl Sie selbst Experte im «Literaturclub» sind. In rund drei Wochen wird über die sogenannte Halbierungsinitiative abgestimmt. Wie kommt es raus?
Es würde mich sehr überraschen, wenn die Initiative angenommen würde. Als ich für den «Literaturclub» angefragt wurde, machte ich zur Bedingung, dass ich als Politiker meine kritische Haltung zur Organisation SRG behalten werden würde. Sowohl die Redaktion als auch ich behalten unsere Unabhängigkeit diesbezüglich.

Warum diese Trendwende? Lange lagen die Befürworter der Initiative vorne.
Ja, aber nur knapp. Normalerweise müssen Initiativen zwei Monate vor dem Abstimmungstermin eine Zustimmung von über 60 Prozent haben, damit sie reale Chancen auf Annahme haben. Es gibt Ausnahmen, aber hier gehe ich eher vom klassischen Verlauf aus. Aber entschieden ist das selbstverständlich erst am 8. März. Die Kampagne der Initianten ist sehr zurückhaltend, und die Unterstützung für die SRG wie erwartet gross.

Worin besteht der Vorteil der SRG in diesem Abstimmungskampf?
Die SRG verfügt in der Schweizer Demokratie über einen einzigartigen Kampagnenvorteil: Ihre Exponentinnen und Exponenten kommen mit Gesicht, Bild und Ton täglich zu den Schweizerinnen und Schweizern in die «gute Stube», in den Alltag. Das schafft eine Bindung zwischen der SRG und den Konsumentinnen und Konsumenten, der man wenn überhaupt nur mit einer gigantischen Mobilisierungskapazität etwas entgegensetzen kann. Diese Nähe eines Medienunternehmens schafft nur die SRG.

Hat dieser Abstimmungskampf die SRG gestärkt oder geschwächt?
Das wird vom Abstimmungsresultat abhängen. Ein Ja wäre sicher eine Schwächung, ein knappes Nein keine eigentliche Stärkung. Denn normalerweise müsste die SRG solche Abstimmungen deutlich gewinnen können. Sie ist einfach zu mächtig. Und kann eigentlich nur über sich selbst stolpern.

Inwiefern beeinflusst die Senkung von 335 Franken auf 300 Franken das Resultat?
Es ist das entscheidende Argument, mit dem Bundesrat Rösti als ehemaliges Mitglied des Initiativkomitees jetzt glaubwürdig und überzeugt die ablehnende Position des Bundesrats verteidigen kann. Rösti ist – nicht nur in diesem Dossier – ein strategisch klug agierender Bundesrat, wie wir ihn nicht im Übermass haben in der derzeitigen Landesregierung. Dass sich die SRG-Exponenten anfänglich noch dagegen wehrten, war einer derjenigen Fehler, wie sie typisch sind für das Management der SRG in den letzten Jahren: falsche Lagebeurteilungen aus Überheblichkeit. Die UKW-Frage lässt grüssen.

«Die Wahl von Frau Wille zeigt eine ausgesprochene Lernfähigkeit des Systems SRG»

Der SRG hat man nach der «No Billag»-Abstimmung vor acht Jahren vorgeworfen, zu wenig lernfähig gewesen zu sein. Ist dies nun anders?
Dazu vier Beispiele. Erstens: Die Wahl von Frau Wille zeigt eine ausgesprochene Lernfähigkeit des Systems SRG. Sie könnte sich noch auf weitere Gremien ausdehnen. Der Verwaltungsrat der SRG ist zu stark politisch und zu wenig mit Medienexpertise bestückt. Zweitens: Dass man verhältnismässig kurz nach der «No Billag»-Abstimmung die Radiosendung «52 beste Bücher» abschaffte, deren Produktion vergleichsweise günstig war, hat manche Kulturschaffende und Hörerinnen und Hörer, die sich gegen die «No Billag»-Initiative einsetzten, enttäuscht. Es war ein Affront.

Und drittens?
Der Entscheid, UKW zu verlassen, war ein kapitaler strategischer Fehler. Hier hat man treue Kundinnen und Kunden verloren – etwas, was bei einem privaten Unternehmen wohl wirtschaftliche Konsequenzen mit sich gebracht hätte. Viertens: Das mangelnde Projektmanagement beim Bau der neuen Infrastruktur im Leutschenbach führte für die Gebührenzahlenden über einen längeren Zeitraum zu circa 400'000 Franken Mehrkosten im Monat.

Was müsste Ihrer Ansicht nach die SRG besser machen?
Sie sollte nicht gleich jede Kritik oder jede Sparmassnahme mit dem Universal-Diskussionstotschlag-Argument der Bedrohung der Demokratie und des Zusammenhalts in der Schweiz kontern. Das wirkt bei einem Milliardenbudget übertrieben und nutzt sich ab. Selbstverständlich braucht es einen starken Service public in der Medienlandschaft einer Demokratie. Genauso selbstverständlich erfährt aber jede arbeitende Schweizerin und jeder arbeitende Schweizer, dass knappe Ressourcen immer dazu führen, dass Organisationen ihre Strukturen anpassen und permanent nach Effizienzpotenzial hinterfragt werden müssen. Hier wäre es schön, wenn die SRG in der Realität eines modernen Medienunternehmens im 21. Jahrhundert ankommen könnte, nicht nur in den Statuten des Unternehmens und den Salären des Managements, sondern auch in der Unternehmenskultur.

Wo gäbe es noch Sparpotenzial?
Das muss der Verwaltungsrat und die operative Führung des Unternehmens aufzeigen können, wie in jedem Unternehmen. Persönlich fällt mir aber manchmal anekdotisch auf, dass der personelle Aufwand bei politischen Sendungen oder in der Berichterstattung grösser ist als bei Sendungen von privaten Medien, bei absolut vergleichbarer Qualität. Was ein Herr Steimer als Bundeshausjournalist für seinen privaten Arbeitgeber CH Media praktisch im Alleingang leistet, verdiente längstens einen dieser Preise für Journalistinnen und Journalisten.

«Die Vielfalt der Medienlandschaft ist in der Schweiz immer noch sehr gross»

Wie konsumieren Sie selbst die SRG-Programme?
Sehr wenig. Die «Tagesschau» ist Pflicht, Sportsendungen sind Kür, sonst eigentlich nur sporadisch. Radio oft im Auto, aber nicht gezielt bestimmte Sendungen.

Und die Medien allgemein?
Täglich die Beiträge der grossen Vier in der Schweiz: NZZ, CH Media, Ringier, Tages-Anzeiger. Wöchentlich WOZ und Weltwoche, The Economist. Dazu Beiträge, die auffallen, sei es in den sozialen oder anderen Medien. Die Vielfalt der Medienlandschaft ist in der Schweiz immer noch sehr gross. Sie ist auch sehr wichtig, denn unsere einzigartige direkte Demokratie und ihre Abstimmungskämpfe leben von Foren, in denen kontrovers debattiert wird. Es braucht weiterhin eine leistungsfähige SRG und starke private Medienverlage. Aber der Strukturwandel in der Medienlandschaft ist ein Tsunami, der Risiken und Gefährdungen mit sich brachte und weiter bringen wird. Die Herausforderungen sind enorm, für staatsnahe wie private Medienunternehmen.


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KOMMENTARE

Max Röthlisberger
13.02.2026 09:52 Uhr
Das Resultat der Abstimmung spielt m.E. keine Rolle mehr. Das ganze System hat jahrelang „vergessen“, sich nachhaltig um die Ängste und Wünsche der Bürger ( die Leute die alles zahlen) zu kümmern. Ebenso die freie Presse in den Händen von drei oder vier Multimillionärsfamilen, die mit wirklich allen rumkuscheln. Auch die Aufgabe „Vierte Kraft“ ist schon eine ganze Weile vom Winde verweht. Und wenn es genau so weitergeht wie bis anhin, was ja wirklich alles darauf hin deutet, versinkt die ganze Medienlandschaft in den nächsten paar Jahren in der totalen Bedeutungslosigkeit. Ganz simpel zu Tode studiert.
Peter R Hofmann
13.02.2026 09:16 Uhr
Danke für dieses Interview. Überzeugende Argumente. Die SRG ist gut beraten - auch bei Ablehnung der Initiative - diese nicht zu ignorieren!
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