Rassistische Polizeigewalt in den USA, der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs, der Tod von Bond-Legende Sean Connery oder der terroristische Amoklauf in Wien. Das sind nur einige der Ereignisse, die im Jahr 2020 für Schlagzeilen gesorgt haben. Ein Thema stellte jedoch alle anderen in den Schatten: Covid-19. Im März, als der Bundesrat den Lockdown verkündete, war der Informationsbedarf riesig. Net-Metrix registrierte bei den Onlinemedien «historische Höchstwerte» (persoenlich.com berichtete). Doch wie nachhaltig interessierte die Coronakrise die Leserinnen und Leser?
20 Minuten: 215'000 Mal «Daumen hoch»
Bei 20 Minuten war der meistgelesene Artikel im Jahr 2020 tatsächlich der «Corona-Schweiz-Ticker» (von März bis September online). Da jedoch im April die neue App lanciert und auf ein neues Redaktionssystem umgestellt wurde, können keine verlässlichen Jahreswerte zu Klicks und Verweildauer kommuniziert werden. Klar ist nur: Kein anderer Artikel löste so viele Interaktionen aus wie der «Corona-Schweiz-Ticker»: 215'435 Mal klickten User einen Daumen nach oben an. Für die meisten Kommentare sorgten «Die Corona-Zahlen auf einen Blick», nämlich fast 8400 seit Oktober.
«Der meistgelesene, am häufigsten kommentierte sowie der Artikel mit den meisten Interaktionen stehen alle im Zusammenhang mit Corona. Das ist wenig überraschend und zeigt, dass es ein enormes Informationsbedürfnis bei den Leserinnen und Usern in der Schweiz gab und weiterhin gibt», so 20-Minuten-Chefredaktor Gaudenz Looser auf Anfrage von persoenlich.com.
Blick: 93 Millionen Aufrufe
Nachrichtenticker generieren generell gute Klickzahlen. Das gleiche Gefäss wird immer wieder mit neuen Inhalten, neuem Titel und Lead ergänzt. Viele der Corona-Ticker blieben über Wochen, gar Monate prominent auf den Onlineportalen platziert. So auch jener auf blick.ch. Der Blick-Corona-Ticker wurde insgesamt 93 Millionen Mal aufgerufen. 60'000 Kommentare gingen ein.
Die längste Verweildauer generierte der Blick Ende Oktober mit einem Artikel über eine Pressekonferenz des Bundes zu den Corona-Massnahmen: 7 Minuten und 25 Sekunden verweilten Leserinnen und Leser darauf. Ebenfalls sehr lange konsumiert wurde «Das Protokoll der FCB-Eskalation», nämlich durchschnittlich 7 Minuten und 6 Sekunden.
«Dass der Artikel über das Protokoll der Eskalation beim FC Basel so gut und lange gelesen wurde, freut mich sehr, überrascht mich aber nicht», sagt Katia Murmann, Leiterin Digital und Produkt der Blick-Gruppe sowie Chefredaktorin blick.ch. «Es ist eine grosse Qualität unserer Sport-Redaktion, dass sie nah dran ist an den Akteuren und Hintergründe liefert. Schön ist, dass unsere Leser bei langen Artikeln dranbleiben und dass sie immer häufiger kommen.»
Nau.ch: Ein Artikel, eine Million Besucher
Ein wichtiger Tag, der in die Schweizer Geschichtsbücher eingeht, ist der 16. März 2020. Der Bundesrat stufte damals die Situation als «ausserordentliche Lage» gemäss Epidemiengesetz ein: Ab Mitternacht wurden Läden, Restaurants und vieles mehr geschlossen. Derjenige Artikel, der die ausserordentliche Bundesratssitzung zum Thema machte, sorgte bei Nau.ch für 990'988 Unique User.
«Nach nur 2,5 Jahren kommen fast eine Million Unique User für die wichtigste News des Jahres zu Nau.ch. Das bestätigt unsere Schnelligkeit und Verlässlichkeit», konstatiert Micha Zbinden, Chefredaktor von Nau Media. «Unsere Server waren zum Glück damals dem riesigen Ansturm der Push-Nachricht gewachsen.» Zur Sicherheit habe Nau am Folgetag nochmals aufgerüstet.
Watson: Debatten ausgelöst
Über die Bundesrats-Medienkonferenz vom 16. März tickerte auch Watson. Dieser Ticker erreichte im 2020 die meisten Visits und die meisten Kommentare – Zahlen nennt Watson keine. Die Story mit der höchsten Verweildauer war «Undercover-Journalist infiltriert Netzwerk von Schweizer Corona-Verschwörern». Der Beitrag beleuchtete eine Recherche von Heidi.news.
«Das Thema Coronavirus hat im 2020 über alle Qualitäts- und Quantitätsmetriken die Ranglisten angeführt», so Watson-Chefredaktor Maurice Thiriet. «Die Watson-Userschaft verlangte nicht nur die reinen Nachrichten in einem erhöhten Mass, sondern debattierte verstärkt auf der Plattform und setzte sich auch mit den angebotenen Hintergrundstücken in allen Darreichungsformen vertieft auseinander.»
NZZ: 1000 Tage Verweildauer
Nebst der Coronakrise gab es 2020 ein weiteres grosses Ereignis: die US-Wahlen. Der Wahlkrimi zwischen Demokrat Joe Biden und dem mittlerweile unterlegenen Noch-Präsident Donald Trump interessierte die Leserinnen und Leser der Neuen Zürcher Zeitung stark. «Keine Entscheidung hat die NZZ-Leserschaft 2020 so stark gefesselt wie die amerikanische Präsidentschaftswahl», so Andreas Rüesch, Stellvertretender Ressortleiter International der NZZ.
Der laufend aktualisierte Artikel zu den US-Wahlen verzeichnete über 1,6 Millionen Views. Derselbe Text erreichte auch die höchste Verweildauer im laufenden Jahr: insgesamt waren es 1'441'302 Minuten. Das heisst: Eine einzelne Leserin wäre 24'022 Stunden oder ziemlich genau 1000 Tage auf diesem Beitrag geblieben. «Dieser Artikel bot mit seiner Kombination von Resultate-Übersicht und Analyse eine laufend aktualisierte Einordnung zum Stand des Wahlkrimis», bilanziert Rüesch.
Tamedia: Keine Regel ohne Ausnahme
«2020 war thematisch das Jahr von Corona und den US-Wahlen. Es gab nur wenige andere Themen, die es geschafft haben, daran vorbeizuziehen», sagt auch Christoph Zimmer, Chief Product Officer von Tamedia, zu persoenlich.com. Eine der grossen Ausnahmen sei die Magazin-Recherche von Christof Gertsch und Mikael Krogerus zu Magglingen gewesen. «Wer die Geschichte liest, weiss sofort warum. Das ist einfach guter Journalismus zu einem wichtigen, zu lange vernachlässigten Thema.»
Konkrete Zahlen nennt Tamedia keine, geht dafür bei der Auswertung stärker in die Tiefe: So erreichte unter den Interaktiv-Inhalten des Tages-Anzeigers das Corona-Dashboard mit Abstand am meisten Leserinnen und Leser. Marc Brupbacher, Patrick Vögeli, Sebastian Broschinski, Mathias Lutz, Andreas Moor haben mit Unterstützung von Jonas Nart früh damit begonnen, systematisch Daten zur Pandemie zusammenzutragen (persoenlich.com berichtete). «Anschliessend haben sie das Dashboard über viele Monate weiterentwickelt, oftmals an sieben Tagen die Woche mehrmals täglich», so Zimmer. «So ist das Corona-Dashboard zu einem Referenzpunkt geworden, auf den sich teilweise selbst Spitäler und Universitäten abgestützt haben.»
Auch in Sachen Nutzungszeit liegen das Corona-Dashboard und die Magglingen-Protokolle vorne.
Bei der BZ Berner Zeitung stehen Ticker – zu Corona, den US-Wahlen und den Wahlen in der Stadt Bern – in den Charts nach Pageviews und Nutzungszeit 2020 ebenfalls ganz oben. Der meistgelesene Nicht-Ticker-Artikel war auch das Corona-Dashboard und der meistgelesene Nicht-Interaktiv-Artikel «Organisierte Banden in Bern – Der Trick mit der geschenkten Rose».
Bei der Basler Zeitung sieht das Bild ähnlich aus: Corona-Ticker, US-Wahlen, Fussball sowie Grossrats- und Regierungswahl stehen bei Pageviews und Nutzungszeit ganz oben. Auch hier ist das Corona-Dashboard ein Überflieger, viele Klicks generierte zudem der Artikel «Maskenpflicht wird ignoriert – Basel geniesst letzte freie Stunden vor dem Teil-Lockdown».
CH Media: Reportage sorgt für neue Abos
Die CH-Media-Zeitungen generierten mit ihrem Corona-Ticker 11,8 Millionen Pageviews. Bester Nicht-Ticker-Artikel war in der Ostschweiz: «Hören wir auf zu sagen, es sei eine Grippe». Darin schilderte ein Arzt die Situation in Bergamo. In der Zentralschweiz interessierten sich Leserinnen und Leser für das Beispiel Dänemark, mit dem aufgezeigt wurde, was bei einer Lockdown-Lockerung schiefgehen kann. Und die Nordwestschweizer klickten auf den Artikel mit dem leicht umständlichen Titel: «Tausende Schweizer mit Wurzeln in Kosovo, Serbien und Kroatien vor den Kopf gestossen – Migros: ‹Uns wurde gesagt, die Sache sei erledigt›».
CH Media misst keine Verweildauer, aber stattdessen die Anzahl der Aboabschlüsse. Der Artikel, der zu den meisten neuen Abos geführt hat, ist eine Reportage aus der Klinik für Intensivmedizin am Kantonsspital St. Gallen. «Dass in Zeiten der Coronakrise ein lokaler Erlebnisbericht über persönliche Schicksale direkt betroffener Covid-Patienten, Pflegenden und Ärzten die Leserinnen und Leser interessiert und bewegt, erstaunt mich nicht», so Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik CH Media, zu persoenlich.com. «Der Artikel ist ein schönes Beispiel für einen Text, wie wir ihn regelmässig bieten wollen: ganz nah bei den Leserinnen und Lesern.»
SRF: Erfolgreichste «Tagesschau» seit 2013
Zum Schluss noch ein Abstecher ins Zürcher Leutschenbach. Nicht ganz unerwartet hat auch bei SRF die meistgeklickte Online-Geschichte des Jahres mit Corona zu tun. «So entwickeln sich die Corona-Zahlen in der Schweiz» wurde am 13. März aufgeschaltet und wird seither täglich aktualisiert. Der Artikel wurde bis heute über 18 Millionen Mal angeklickt.
Mit knapp 1,5 Millionen Zuschauenden war die «Tagesschau» vom 19. März zudem die meistgesehene Sendung des Jahres und zugleich die erfolgreichste «Tagesschau» seit der Messumstellung 2013 (persoenlich.com berichtete). Seither schaffte es nur der Fussball, die «Tagesschau» auszuspielen: Vier Spiele der Schweizer Nati an WMs und EMs erreichten noch höhere Zahlen.
«Es ist kein Zufall, dass beide Rekordzahlen im Zusammenhang mit Corona stehen. Die Pandemie beeinflusst sämtliche Lebensbereiche und bewegt die Menschen wie kein anderes Thema», so Tristan Brenn, Chefredaktor TV von SRF, auf Anfrage. «Noch selten war es deshalb so wichtig, die Bevölkerung zu informieren, Hintergründe aufzuzeigen und kritisch nachzufragen, was die Redaktionen in allen Informationsgefässen seit Monaten tun. Das hat uns gerade im Informationsbereich während des ganzen Jahres überdurchschnittlich hohe Reichweiten beschert.»
In der Serie «Das war 2020» greifen wir die grossen Themen des Jahres in kompakter Form nochmals auf. Hier finden Sie die Übersicht.