Herr Masüger, momentan ist eine grosse Debatte über die Zukunft des Lokaljournalismus entbrannt. In einem NZZaS-Interview sieht Ringier-CEO Marc Walder diesen langfristig bedroht, weil er nicht mehr finanzierbar sei. Teilen Sie diese Meinung?
Nicht in dieser Pauschalität. Dass es künftig nur noch drei Online-Plattformen mit schweizerischen News geben wird, ist ein Weltuntergangsszenario. So, wie ich Marc Walder kenne, wollte er einen Denkanstoss geben. Die Schweizer Medien sind aber resilienter, als man meint. Wir wissen, dass Print nach wie vor eine grosse Anhängerschaft hat und dass das Medium Zeitung keineswegs vorbei ist. Die meisten Informationen vor Abstimmungen werden beispielsweise noch immer aus dem Print bezogen. Natürlich wird sich das verändern und mehr zu Online-News verlagern. Aber es wird immer eine grosse Nachfrage nach regionalen Nachrichten bis in die kleinsten Teile der Schweiz geben und diese können die von Walder genannten drei (Blick, 20 Minuten und NZZ) unmöglich abdecken.
Marc Walder sagt auch, dass KI zum Untergang der Regionaltitel beitragen werde. Wie sehen Sie das?
Die Rolle von KI im Journalismus wird meiner Meinung nach krass überschätzt. KI-Tools sind nützlich, um die journalistische Arbeit zu erleichtern, etwa bei der Verarbeitung grosser Datenmengen oder bei aufwendigen Recherchen. Anders als in anderen Berufen kann sie aber den Menschen nicht ersetzen oder marginalisieren. Die menschliche Kreation und Autorenschaft wird das Herzstück des Journalismus bleiben. Rüdiger Safranski hat kürzlich gesagt, künstliche Intelligenz sei «toter Geist». Journalismus aber ist lebendiger Geist. Kommt dazu, dass die Bevölkerung KI im Journalismus generell misstraut, das zeigen Umfragen. Ich denke, bei der allgemeinen Verunsicherung, die KI gerade auslöst, dürfte es auch eine Rückbesinnung auf das gute alte Journalistenhandwerk geben. Davon werden auch regionale Medien profitieren.
«Natürlich sind die Beträge generell tiefer, aber wer ausschliesslich online publiziert, hat auch weniger Fixkosten»
Walder kommt nun von Portal24.ch-Verleger Bruno Hug recht, der in der NZZ behauptet, dass Online-Werbung im Vergleich zum Print nur noch 5 Prozent einbringe. Haben Sie ähnliche Erfahrungswerte?
Bei Somedia und wohl auch in anderen Häusern liegen diese Werte höher, auch wenn Bruno Hug dauernd etwas anderes behauptet. Natürlich sind die Beträge generell tiefer, aber wer ausschliesslich online publiziert, hat auch weniger Fixkosten. Die Printwerbung ist im Vergleich zum Jahr 2000 um über zwei Drittel eingebrochen; dennoch konnten sich auch kleine Regionaltitel halten. Die Verlage sind agiler und innovativer als viele meinen.
Wie könnte man dieses Problem langfristig lösen, um Lokaljournalismus wieder finanzbar machen?
Marc Walder hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass KI die ökonomische Grundlage des Journalismus gefährdet. Dies geschieht aber weniger durch die Substitution von menschlicher Arbeit, sondern vielmehr durch die kostenlose Nutzung der Inhalte unserer grossen und kleinen Medienhäuser. Diese Piraterie durch KI-Bots muss aufhören. Das Parlament hat mit der Gutheissung der Motion Gössi die Basis gelegt, dass das Urheberrecht in diesem Bereich greift und dass die Nutzung dieser Inhalte entschädigt werden muss. Davon wird die ganze Medienbranche profitieren.
Kann man regionalen und nationalen Journalismus überhaupt gegeneinanderstellen?In der Schweiz ist diese Grenze sehr unscharf, auch die NZZ und der Tages-Anzeiger haben einen grossen Regionalteil im Print und auch online. Die Chancen und Probleme sind bei beiden ähnlich, wobei die Grossen natürlich mehr Ressourcen haben. Deshalb kämpfen wir im Verlegerverband auch für Interessen, die für Grosse und Kleine gleichermassen gelten.
Sie sind Präsident des Verlegerverbandes. Sind nun diesbezüglich Aktivitäten geplant?
Im Präsidium des Verbandes sind alle Grössengattungen der Schweizer Medien vertreten, auch Ringier ist mit unserer Vizepräsidentin dabei. Wir sind uns der Probleme bewusst und arbeiten laufend daran. Dabei geht es auch um neue Modelle der Medienförderung. Um den demokratischen Diskurs weiterhin gewährleisten zu können, braucht es eine solche – das sehen nicht nur Medienwissenschaftler und Politologen so, sondern auch das Parlament und der Bundesrat. Seriöse Information ist in Zeiten von zunehmender Desinformation unumgänglich, das hat kürzlich auch der Staatssekretär für Sicherheitspolitik betont.
«Die Nachfrage nach lokaler Kommunikation ist da – man muss sie nur mit den richtigen Produkten abholen»
Immer wieder gibt es Kritik der kleineren Verlagshäuser, die bemängeln, dass nur die grossen Player von einer Medienförderung profitieren?
Diese können mich gerne anrufen. Dann kann ich ihnen zeigen, dass das nicht stimmt. Bei der vom Parlament jüngst aufgestockten indirekten Presseförderung werden beispielsweise kleinere Häuser bevorzugt. Wir achten darauf, dass auch eine künftige Förderung ausgewogen gestaltet wird.
Wie löst Somedia, bei der Sie immer noch tätig sind, diese Herausforderung?
Der Lokaljournalismus gerät nicht in die Krise, weil das Interesse an lokaler Information abnimmt – sondern weil viele Redaktionen aufgehört haben, sich an den echten Bedürfnissen ihrer Leserinnen und Leser zu orientieren. Wir arbeiten bei Somedia mit dem User-Needs-Ansatz als Kompass: Was bewegt die Menschen in der Region wirklich? Was hilft ihnen, politisch zu urteilen und lokal zu entscheiden? Parallel entwickeln wir neue Erlösmodelle. Ein Beispiel ist unsere Gewerbe-Offensive: Wir haben Ende März lokale KMU – darunter viele ehemalige Inseratekunden – mit einem neuen, KI-gestützten Kommunikationsangebot in unsere Lokalmedien zurückgeholt. Über 600 Teilnehmende haben wir in kurzer Zeit erreicht. Das zeigt: Die Nachfrage nach lokaler Kommunikation ist da – man muss sie nur mit den richtigen Produkten abholen. Wir lernen zudem viel aus dem Austausch mit Verlagshäusern in Deutschland, Österreich und Skandinavien – die Erkenntnis ist überall dieselbe: Lokaljournalismus funktioniert, wenn man radikal nah an der eigenen Community bleibt und den Mut hat, neue Wege zu gehen.
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15.04.2026 03:32 Uhr
14.04.2026 08:58 Uhr

