René Ammann neustes Buch ist da. Wo für andere Zahlen stehen, sieht René Ammann Geschichten und Schicksale. So macht der Journalist die Welt für sich begreifbar. Seine recherchierten Zahlen erreichen seit Jahren über Tageszeitungen und Info-Bildschirme Millionen von Menschen - und jetzt als Quiz im Taschenbuch "Die Zahl des Tages" seine vielen Fans: 256 ausgewählte Zahlen als Fragen mit Antworten, die verblüffen sollen. Zum Beispiel: Wie hoch ist das Gewicht sämtlicher Daten, die täglich durchs Internet fliessen? Auf welche Summe hat der britische Fussballer David Beckham seine Beine versichern lassen? Wie viele Küsse verteilt ein Mensch in seinem Leben?
Aus dem Fundus an recherchierten Kürzestgeschichten hat der Journalist René Ammann eine Auswahl getroffen und im Taschenbuch zusammengefasst (www.kuengverlag.ch). "persoenlich.com" hat sich mit ihm darüber unterhalten:
Für wen haben Sie das neue Buch verfasst und warum?
Warum? Weil ich gerne Geschichten erzähle. Die Zahl am Ende ist die Pointe. Wie beim Witz. Das Buch sehe ich als Ergänzung der Literatur an einem mehr oder weniger stillen Ort. Kleine Literatur für die grosse Brille. Oder zum Reisen, es hat ja ein handliches Format. Oder statt Yatzi zu spielen oder Scrabble.
Wie unterscheidet es sich von Ihrem ersten Buch "Ammanns wunderbare Welt in Zahlen"?
"Ammanns wunderbare Welt in Zahlen" erzählt Geschichten, etwa über den Faktor, um den ein Fussballprofi häufiger O-Beine hat als ein Nichtfussballer: Die Antwort lautet 10. Das Quizbuch gibt die Antworten nicht gleich. Da frage ich: Wie viele Kinder hatten Adam und Eva? - und gebe drei Antworten, nämlich 2, 3 oder 5. Die Erklärung ist auf der folgenden Seite. Nämlich 3. Kain, Abel und Seth. Also drei Söhne. Woher die Enkel kommen, bleibt offen...
Woher kommt Ihre Faszination an den Zahlen?
Mich interessieren weniger die Zahlen als die Geschichten dahinter. Die Zahl produziert den Überraschungseffekt. Etwa wenn die Frage lautet: Wie viel Geld musste der Staat Kanada ausgeben, um seine Banken zu retten? Die Antwort lautet: 0. Deutschland allein schoss ungeheuerliche 480 Milliarden Dollar zu, um seine Banken zu retten. Weil die Gesetze verschieden sind.
Welche Zahl gefällt Ihnen persönlich am besten?
Die Null. Sie wurde von Menschen erfunden, ist eine der grössten Leistungen unseres Denkens und sie hat sich erst vor ein paar Hundert Jahren in Europa durchgesetzt. Auf dem binären System (0 und 1) basiert zum Beispiel das Computerwesen. Wobei der nächste Schritt des Zahlenssystems wohl in der Quantenphysik gemacht wird.
Für welche Medien liefern Sie regelmässig Zahlen?
Für "Brand Eins", ein deutsches Wirtschaftmagazin, entwarf ich die "Welt in Zahlen" als Kolumne vor über 10 Jahren und recherchierte sie bis etwa 2004. Dann entschied die Chefredaktorin, Gabriele Fischer, die "Zahlen" von Praktikanten suchen zu lassen, vermutlich weil das billiger war. Darauf sahen pro Woche 3,5 Millionen Pendler meine "Zahl des Tages" auf den eBoards der Firma Infoscreen. Bis 2010 auch die dortige Redaktion entschied, ein Praktikant könne das auch. Das geschah öfters.
Ich weiss gar nicht, wer heute alles "Zahl des Tages" macht oder "Zahl der Woche". Das einzige Medium, für das ich regelmässig eine "Zahl" liefere, ist world-architects.com, eine riesige Architekturplattform. Und dort schreibe ich sie in Englisch. Die Idee stammt übrigens von "Harper's Magazine", einem amerikanischen Monatsheft, das ich seit Jahrzehnten lese. Dort gibt's eine Rubrik, die heisst "Harper's Index". Mit amerikanischen Zahlen. In Europa gab es bis ins Jahr 2'000 nichts Vergleichbares.
Ist Ihre Idee noch gleich begehrt wie damals, als Sie damit anfingen?
Offenbar schon, ja. Die Idee hat sich durchgesetzt, ob beim "Blick", bei "20 Minuten" oder bei "10 vor 10". Jüngst sah ich sogar im "Spiegel" dasselbe Konzept, aber das mag eine einmalige Geschichte gewesen sein.
Was machen Sie heute?
Ich bin seit bald vier Jahren zu 100% Textchef von "SI Style" und schätze meine Arbeit sehr. Das Büchlein habe ich in den Ferien und in meiner Freizeit recherchiert und geschrieben. Gegenwärtig sind der Illustrator Daniel Müller und ich an einem erotischen Buch mit frechen Sprüchen und noch frecheren Zeichnungen. Es trägt den Titel "I d Chuchi luege", und alle, die unsere ersten Entwürfe gesehen haben, kriegten rote Ohren oder einen Lachanfall. Oder beides. Wenn alles gut geht, erscheint es 2012.

René Ammann schrieb unter anderem schon für die "NZZ", die "SonntagsZeitung", das "Magazin" ("Tages-Anzeiger") und für die "Berner Zeitung". Zudem hat er Portraits von zahlreichen prominenten Persönlichkeiten, aber auch Kinderbücher verfasst. (CS)

