15.01.2013

"Dieses Buch ist natürlich kein pädagogisches Unterfangen"

Der Live-Ticker ist eine Erfindung der Online-Medien. Ein seltsames Tool, mit welchem Newssites für all jene, die nicht live dabei sein können, Update-Häppchen über Sportereignisse, über den Hergang einer Wahl oder eines Prozesses produzieren. Was passiert, wenn man den Ticker zu einer literarischen Disziplin erklärt, zeigen 15 Schweizer Autorinnen und Autoren im Buch <A HREF='http://www.echtzeit.ch/buecher.php?id=231' TARGET='_blank'>"Live-Ticker"</A> - unter ihnen Endo Anaconda, Milena Moser, Michèle Roten oder Thomas Wyss. persoenlich.com hat sich mit den Herausgebern Mischa Dieterich und Adrian Witschi unterhalten. Zum Interview:
"Dieses Buch ist natürlich kein pädagogisches Unterfangen"

Herr Dieterich, Herr Witschi, Sie haben gemeinsam ein Buch rund um die Textform des Live-Tickers herausgegeben. Wie kam es dazu?

Mischa Dieterich: Inspiriert haben uns ursprünglich die Menschen von "11 Freunde", einem Fussballheft aus Deutschland. Die machen wunderbare Live-Ticker. Ticker, die nicht nur ein aktuelles Ereignis im Minutentakt wiedergeben, sondern bei denen der Autor intuitiv und assoziativ aufschreibt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Das hat uns gefallen und wir dachten, dass sich diese Form auch hervorragend für andere Ereignisse als Sport eignen würde. Dem Echzeit Verlag und den 15 Autoren hat unsere Idee gefallen und so wurde daraus ein Buch.

Sind Sie Live-Ticker-Konsument? Verfolgen Sie so Sportereignisse?

Mischa Dieterich: Wie gesagt bin ich sehr angetan vom Live-Ticker der "11 Freunde". Die meisten anderen Live-Ticker sind mir etwas zu statisch und informationslastig. Es gibt aber mittlerweile vermehrt Live-Ticker, die mehr bieten, als nur die Wiedergabe des Gesehenen. Was aber wohl nicht nur an unserem Buch liegt.

- Adrian Witschi: Die "11 Freunde"-Ticker sind wirklich sehr gut.

Wie beurteilen Sie Sinn und Unsinn des Live-Tickers? Unterfüttert man mit so einem Buch nicht ein kränkliches Leseverhalten?

Adrian Witschi: Nun gut, dieses Buch ist natürlich nicht primär ein pädagogisches Unterfangen, sondern ein künstlerisches. Und überdies finde ich, dass das Buch eben gerade zeigt, wie man aus dieser neuen, durchaus fragwürdigen Art der Berichterstattung etwas Wertvolles machen kann.

Bild: Mischa Dieterich und Adrian Witschi, Herausgeber von "Live-Ticker" (Echtzeit Verlag).

Mit Endo Anaconda, Milena Moser, Michèle Roten oder dem aktuellen Bestsellerautor Thomas Meyer haben Sie einige gewichtige Namen aufbieten können. Wie sind Sie auf die Autoren gekommen? Und wie haben Sie diesen den Live-Ticker schmackhaft gemacht?

Mischa Dieterich: Bei allen Autoren hat ein persönliches Treffen und das Erklären der Idee gereicht, um sie mit an Bord zu haben. Die Texte sind nicht allzu lang und eigentlich wird fast schon erwartet, dass man sie nicht wieder und wieder verändert und korrigiert. Es ist also eine angenehme und nicht allzu zeitaufwendige Schreibweise, wenn man es mag. Die Zusammenarbeit mit dem Echtzeit Verlag hat bei einigen Autoren sicher auch noch geholfen.

- Adrian Witschi: Ein paar Leute kannten wir auch noch von früher oder aus anderen Zusammenarbeiten. Als die Idee zum dem Buch entstand, war ich gerade dabei, einen derartigen Live-Ticker über das Lauberhornrennen für die "Lower Village Voice" – die Zeitung des Theater Neumarkt – zu verfassen. Diesen Text konnten wir dann in einem ersten Schritt zur Anwerbung der Autoren verwenden. Damit sie sich eine Vorstellung machen konnten, wie das aussehen könnte.

Haben Sie einen Lieblingstext im Buch?

Mischa Dieterich: Mir gefallen natürlich alle Texte, aber Nora Gomringer und Jürg Halters Texte sind mit leichtem Vorsprung meine zwei Favoriten. Noras Text, da er so direkt und ehrlich ist und Jürgs, weil er meiner Meinung nach eine super Mischung zwischen Live-Ticker und Lyrik gefunden hat. Die Gedanken starten bei einem gesehenen Ereignis und enden am anderen Ende der Welt.

- Adrian Witschi: Jürgs Text ist tatsächlich sehr stark. Seibt und Roten fand ich auch super. Ryser und Locher auch. Ach, eigentlich sind sie alle toll.

Endo Anaconda tickert über eine Kinobesuch im Jahre 1967, bei dem er erste sexuelle Annäherungsversuche unternommen hat, Gion Mathias Cavelty über seine neu installierte Alarmanlage und die Party zur Veröffentlichung von "Who is Who" in Zürich, Thomas Meyer über den repetitiven Lernvorgang bei Kleinkindern. Kurz, knapp, lustig, absurd. Ein paar Autoren wollten zu viel. Literatur schaffen. Sehen Sie das auch so? Als Experiment, das mal mehr, mal weniger gelungen ist?

Mischa Dieterich: Was wir gemerkt haben, ist, wie unterschiedlich die Autoren das Format Live-Ticker angegangen sind. Einige haben sich auf die Zeitangaben konzentriert und ihren Text in "reiner" Live-Ticker-Form geschrieben, bei anderen wurde es eher eine Kurzgeschichte welche noch mit Zeitangaben versehen ist. Natürlich war das Ganze ein Experiment, da es ein Buch in dieser Form ja vorher noch nicht gegeben hat. Ich denke aber, dass es im Grossen und Ganzen gut funktioniert hat und aus diesem Experiment durchaus auch mehr werden kann.

Sie denken über eine Fortsetzung nach?

Mischa Dieterich: Ja, aber in welcher Form wissen wir noch nicht. Eventuell eine weitere gedruckte Ausgabe im nächsten Jahr, vielleicht aber auch eine Online-Version mit einzelnen Live-Tickern, die man sich als E-Book kaufen kann.

Ticker lesen stellt ja immer eine Ersatzhandlung dar. Der Live-Ticker ist das Medium der Unzufriedenen. Eigentlich wollen die Konsumenten das Ereignis ja live verfolgen – vor Ort oder am TV. Befriedigen Sie die Unzufriedenen?

Mischa Dieterich: Da es sich bei den meisten Texten um Ereignisse handelt, welche nur von der jeweiligen Person erlebt werden konnten, trifft das beim Live-Ticker Buch natürlich nicht ganz zu. Bei Sportübertragungen oder ähnlichem ist das so. Wenn wir einige Unzufriedene befriedigt haben, finde ich das aber sowieso etwas Schönes.

- Adrian Witschi: Da stellt sich natürlich die Frage, ob man wirklich live dabei sein will, wenn Thomas Meyer seinem Sohn die Windeln wechselt.

Die Geschichten in Ihrem Buch bilden meist Lappalien ab. Handlungen, bei denen man gar nicht dabei sein möchte. Steht und fällt der Ticker mit der Qualität des Schreibers?

Mischa Dieterich: Das ist ja genau das Lustige daran. Wenn man acht Stunden in einem Spital sitzt und auf seine Freundin wartet, hört sich das als Aussenstehender an, wie das langweiligste Ereignis überhaupt. Wenn man aber Einblick in die Gedanken und Überlegungen des Autors hat, in diesem Fall diejenigen von Adrian Witschi, wird aus diesen 8 Stunden etwas extrem unterhaltendes, lustiges und manchmal auch tragisches. Genau darum ging es uns beim Live-Ticker-Buch.

- Adrian Witschi: Die Ticker in unserem Buch stehen und fallen definitiv mit der Qualität der Schreibenden. Bei einem herkömmlichen Ticker ist das vielleicht anders. Der gibt ja objektiv ein Ereignis wieder. Also sollte das Ereignis spannend sein. Aber unsere Ticker sind gewollt subjektiv. Somit steht das Subjekt, also der Autor, im Vordergrund. Und genau hier bewegt sich das Buch auch an der Schwelle zur Literatur. Ein guter Schriftsteller kann aus einer vermeintliche Banalität immer etwas Spannendes oder zumindest Lesenswertes machen. Im Grunde genommen gibt es ja ohnehin nur ganz wenige Dinge, die genuin langweilig sind.

Herr Dieterich, Sie führen am Idaplatz in Zürich die Calvados Bar. Daneben sind sie als DJ aktiv. Gibt das Zürcher Nachtleben Stoff zum Tickern her?

Mischa Dieterich: Das Zürcher Nachtleben gäbe genug Stoff für ein monatliches Live-Ticker-Buch. Auch wenn sich das Ganze wohl ziemlich bald wiederholen würde. Vor allem in der Planungsphase zum Buch gab es aber sicher jeden Tag mindestens ein Ereignis, welches wir gerne getickert hätten. Nicht nur in der Nacht, auch jeden Tag auf der Strasse oder an der Migros Kasse sehe ich Geschehnisse, welche sich wunderbar als Live-Ticker eignen würde. Die Idee zum Buch wurde übrigens auch in der Calvados Bar geboren.

Das Buch stellt eine gute Klolektüre dar. Jeder hat ein Klo zuhause. Mit wie vielen verkauften Exemplaren rechnen Sie?

Mischa Dieterich: Da ich leider keine Erfahrung habe mit dem Verkauf von Büchern, kann ich hier keine genauen Angaben machen. Der Echtzeit Verlag meinte einige Tausend Exemplare würden wir sicher verkaufen. Wenn ich rate, würde ich sagen, mit 4'000 Exemplaren wären wir zufrieden.

- Adrian Witschi: Ich lese nie auf dem Klo. "Klolektüre" klingt auch immer so abwertend. Aber wenn man mal annimmt, dass sie Recht haben, dann müsste das Buch beim heutigen Stand von acht Millionen Einwohnern mit durchschnittlich einem Stuhlgang pro Tag eigentlich ein Bestseller werden.

Interview: Adrian Schräder/Hauptbild: Dominik Orth (www.orth.ch)


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