04.09.2013

IRF

"Echte Persönlichkeiten müssen zurück ans Mikrofon!"

Derzeit läuft das 4. International Radio Festival IRF. Radiomacher aus der ganzen Welt tauschen sich in Zürich über die Gegenwart und Zukunft des Mediums aus. Unter ihnen auch Tony Prince, 69, Radiolegende aus England. Seine Erlebnisse bilden die Basis des Films "The Boat That Rocked" (deutscher Titel: "Radio Rock Revolution"). Der Gründer von Institutionen wie DMC und "Mixmag" und Intimus zahlreicher Stars, plädiert im Interview mit persoenlich.com für die Rückkehr der charismatischen DJ's und Moderatoren.
IRF: "Echte Persönlichkeiten müssen zurück ans Mikrofon!"

Mister Prince, am Freitag nehmen Sie am International Radio Festival in Zürich teil. Was ist dort Ihre Aufgabe?
Ich mische mich unters Volk, rede mit den Anwesenden. Vielleicht werde ich auch ein paar Interviews geben oder an Panelgesprächen teilnehmen. We’ll see.

Was halten Sie von dem Festival?
Es ist einzigartig – und ich habe eine Schwäche für einzigartige Dinge. Die Organisatoren machen meiner Ansicht nach einen guten Job. Ich unterstütze sie, wo ich kann.

Wo liegen die Herausforderungen?
Die Radioindustrie ist im Wandel. Das Internet hat Musik für jedermann jederzeit verfügbar gemacht. Erfolgreich Radio zu machen, ist heutzutage eine grosse Herausforderung. Deshalb macht es Sinn, dass sich Radioprofis jedes Jahr irgendwo treffen und  Erfahrungen austauschen. Es wäre doch jammerschade, wenn die Traditionen des Radiomachens verlorengingen.

Wie macht man heutzutage erfolgreich Radio?
Das ist die 100-Millionen-Pfund-Frage! Würde ich die Antwort kennen, würde ich selber aktiv werden. Radio wie ich es kenne, ist zu einer Nischenangelegenheit geworden. Aber ich habe eine Theorie: Weil die Leute sich Musik überall umsonst herholen können, wird sich das Radio wieder zu einem Ort zurückentwickeln, wo man von richtigen Persönlichkeiten empfangen, betreut und begleitet wird. Als Moderatoren und DJ’s sind wieder richtige Persönlichkeiten gefragt. Das ist meiner Meinung nach der Schlüssel.



Bild: Die Stones, die Beatles, Elvis, Eric Clapton: Tony Prince kennt sie alle. Hier beim Singen mit Paul McCartney.

Das Musikprogramm der grossen Radiostationen wird heute per Software gesteuert. Mit der Folge, dass einem die immergleichen Hits um die Ohren geschleudert werden.
Ja, ich weiss. Neue Musik schafft es nicht auf den Äther. Es ist nicht wie früher. Dennoch gibt es viele spannende kleinere Stationen, auf denen man Entdeckungen machen kann. Die jungen Leute entfremden sich trotzdem immer mehr davon. Sie tauschen sich über Facebook aus, streamen Musik oder laden sich gratis einzelne Tracks runter. Ich fürchte langsam, dass es eng wird für traditionelles Radio. Bald wird es nicht mehr so viele FM-Kanäle geben.

Also muss Radio vor dem Aussterben bewahrt werden?
Ob es wirklich bewahrt werden muss, weiss ich nicht. Ich hoffe allerdings nicht, dass es ausstirbt. Ich bin altmodisch, ich liebe Radio. Aber wer kann das schon sagen? Die Kinder von heute und der technische Fortschritt wird das entscheiden.

Sie plädieren für den DJ und Moderatorin in Personalunion, der eine Autorität darstellt. In der HipHop-Sparte gibt es verschiedene dieser Leute, die ein so grosses Ego ausgebildet haben, dass sie ihren Gästen und der Musik kaum noch Platz lassen.
Da kenne ich mich zu wenig aus. Aber wenn sie dennoch Erfolg haben, dann erfüllen sie wahrscheinlich die andere wichtige Funktion, die ein DJ heute immer noch hat: Sie selektieren. Denn heutzutage gibt es eigentlich zu viel Musik. Irgendjemand muss eine Filterfunktion wahrnehmen. Sonst ist man hoffnungslos verloren.

Auf wen verlassen Sie sich?
Ich muss mich auf niemanden mehr verlassen. Ich habe eine Dreifach-Garage gefüllt mit 100'000 Vinylscheiben. Da kann ich Musik hören bis ich tot umfalle. Viel Doo Wop, Rock’n’Roll und natürlich Elvis. Ich liebe Elvis. Ich war jahrelang Präsident des Fanclubs. Ausserdem bin ich vielbeschäftigt: Ich schneide gerade einen Film, ich betreibe DMC, die Disco Mix Championships. Ich hab genug zu tun.

Keine Zeit zum Radiohören?
Im Auto höre ich manchmal den englischen Sender Kiss FM. Oder BBC 6. Die spielen immer neue Musik. Tolle neue Musik, fast nur Indie-Zeug.

Sie haben Elvis erwähnt. Ich glaube, Sie hatten die Gelegenheit ihn kennenzulernen.
Ja, ich habe ihn zweimal getroffen. 1972 und 1973. Das erste Mal war in Las Vegas. Ich durfte ihn sogar ansagen. Das war im Hilton in Las Vegas. Vorher sassen wir in seiner Garderobe und haben uns unterhalten. Da ist auch das Bild entstanden.

War er so charismatisch wie auf der Bühne?
Ich würde ihn nicht als charismatisch bezeichnen. Er sah einfach unglaublich gut aus. Ein toller Kerl. Er war recht schüchtern, aber extrem höflich und hat sich um alle gekümmert. Er hat jedem das Gefühl gegeben wichtig zu sein.

Haben Sie seither jemanden kennen gelernt, der ähnlich talentiert war?
Aber sicher! John Lennon, Paul McCartney, Mick Jagger – es gibt viele talentierte Musiker. Aber Elvis war schon speziell. Er hat komplett sein eigenes Ding durchgezogen. Er hat niemanden kopiert. Und er hatte eigentlich zwei Karrieren: Der wilde Rock’n’Roller und der Crooner, der in Las Vegas aufgetreten ist.

Sie haben in den Sechzigern Piratenradio gemacht und bei Radio Caroline North von einem Schiff vor der englischen Küste gesendet. Sind sich die grossen Egos der Radiomacher da nicht in die Quere gekommen?
(lacht) Man muss schon ein grosses Ego haben, um überhaupt zwei Wochen lang auf hoher See zu leben. Dazwischen hatten wir jeweils eine Woche frei und waren an Land. Aber es war eine hochspannende Zeit. Wir haben alle voneinander gelernt. Als wir mit den Piratenschiffen anfingen, gab es in Grossbritannien höchstens fünf bis zehn Radio-DJ’s. Niemand hatte Erfahrung. Ich war 21 als ich das erste Mal von der Caroline sendete. Radio war neu für mich. Ich war sehr dankbar um die Amerikaner, die Kanadier und die Australier, die uns das beibrachten.

Sagt Ihnen der Name Roger Schawinski irgendetwas?
Nein, noch nie gehört.

Das war ein Schweizer Radiopirat. Sind Sie heute noch im Radio zu hören?
Nein. Ich habe vor etwa zehn Jahren ein kurzes Comeback bei Captial FM gegeben. Dann haben sie mir die Morgenshow bei einem Radiosender in Birmingham gegeben. Aber jeden Morgen zwei Stunden Fahrt war dann mit der Zeit doch ein bisschen viel. Nach neun Monaten hatte ich meinen Führerschein los und drei Fahrer verschlissen und hab den Job an den Nagel gehängt.

Interview: Adrian Schräder


 



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