06.09.2019

Login-Allianz

Ein anspruchsvolles Vorhaben nimmt Formen an

Überraschend konnten sich nun also die Verleger und die SRG zu einer gemeinsamen Login-Allianz durchringen. Warum ist «Nau» nicht dabei? Was heisst das kartellrechtlich? Und nützt diese Allianz den Werbeauftraggebern überhaupt? Antworten auf fünf offene Fragen:
von Edith Hollenstein

1. Warum ist «Nau» nicht unter den beteiligten Medienhäusern?

Dass «Watson» nicht mit dabei ist, wenn die Login-Allianz im Spätherbst startet, sorgt bei den Mitbewerbern für Ärger. Ringier-CEO Marc Walder taxiert das Fernbleiben «Watsons» als «opportunistisch und unsolidarisch» (persoenlich.com berichtete). Dabei ist «Watson» nicht alleine aussen vor. Auch kleine Portale oder auch «Nau» sind nicht Teil der Login-Allianz. «Wir sind von der Login-Allianz nicht als Mitglied angefragt worden und haben uns zu deren Plänen keine Gedanken gemacht», sagt Yves Kilchenmann, CEO von «Nau». Man verfolge mit dem News-Portal nau.ch seit der Gründung im Oktober 2017 die Philosophie, dass die Inhalte kostenfrei und grösstenteils frei zugänglich sind. Ein Login brauche es für spezifische Dienstleistungen, wie beispielweise die optisch individuelle Gestaltung der Webseite, beziehungsweise der App.

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Dass kleinere Medien und auch «Nau» nicht angefragt wurden, habe rein pragmatische Gründe, sagt Patrick Rademacher, der bei Ringier für das Projekt zuständig ist, am Wochenende gegenüber der NZZ. Auf die Frage, ob ein Beitritt grundsätzlich und später irgendwann möglich wäre, sagt Kilchenmann: «Wir machen uns keine Gedanken auf Vorrat, sondern prüfen Kontext und Optionen dann, wenn nau.ch. angefragt würde. Das ist derzeit nicht der Fall.»
 
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2. Ist diese Login-Allianz überhaupt im Sinne der Werbeauftraggeber?

«Ja, aber», heisst es von Seite der Werbekunden. «Eine Schweizer Login-Allianz macht für uns durchaus Sinn, damit Schweizer Publisher attraktiver werden können. Umso mehr die europäische Datenschutzverordnung und bald auch die neuen Regeln für E-Privacy kaum vor der Schweizer Grenze haltmachen werden», schreibt Roland Ehrler auf Anfrage von persoenlich.com. Der Direktor des Werbeauftraggeberverbandes SWA beobachtet, dass Unternehmen mit Kundenbeziehungen ins nahe Ausland heute schon gezwungen sind auf die Schweizer Gesetzgebung und das europäische Recht zu achten.

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Er erwartet, dass sich mit einer Schweizer Login-Allianz «einige Nachteile gegenüber den globalen Playern – mit ihren geschlossenen Systemen – zumindest teilweise kompensieren» liessen. Nach Ansicht der Werbeauftraggeber dürfte die Kooperationen der Schweizer Anbieter noch viel weitergehen, um gegen Google, Facebook und Co. bestehen zu können. Konkret heisse das: «Wir denken dabei zum Beispiel an garantierte Sichtbarkeiten, attraktive Werbeumfelder oder die Vermeidung von Ad Fraud».

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3. Was für einen Vorteil bringt sie uns Leserinnen und Lesern?

Wenn sich bald alle Nutzer auf Portalen wie nzz.ch, 20min.ch oder bund.ch mit Namen und E-Mail-Adresse registrieren sollen, tun sie das nur, wenn sie davon einen Nutzen haben. Doch wie profitieren wir Leserinnen und Leser? «Der zentrale Vorteil der Registrierung liegt in der stärkeren Personalisierung der journalistischen Angebote. Wir erfahren mehr darüber, was die Nutzer wirklich bewegt. Damit können wir einem Nutzer entsprechend die Inhalte offerieren, welche ihn besonders interessieren», schreibt Patrick Rademacher auf eine entsprechende Anfrage von persoenlich.com. Um dies zu verdeutlichen macht er ein Beispiel: «Wer sich für Tennis interessiert, erhält mehr Inhalte zu Roger Federer. Und wer nun überhaupt kein Interesse an Sport hat, erhält eben weniger.»

Die Voraussetzung dafür, dass die Medienhäuser die Inhalte personalisieren können, seien möglichst viele Login-Beziehungen. Laut Rademacher werden die Verantwortlichen dies dem Nutzer «ganz offen kommunizieren»: Der Vorteil stelle sich nicht sofort nach der Registrierung ein, sondern benötige «etwas Zeit». Dann werde bei vielen Angeboten die Personalisierung auch für weite Teil der Nutzerschaft erfahrbar werden.

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4. Kommt es zu einer Kartellsituation?

Wenn sich alle Grossen zusammentun: Gibt es hierbei keinen Konflikt mit dem Gesetz? Um diese Frage zu klären, hat persoenlich.com mit dem Medienrechtsexperten Urs Saxer telefoniert. Hier seine Antwort:

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«Es stellen sich einmal Fragen des Datenschutzes, insbesondere bei den Nutzerdaten. Ich gehe davon aus, dass dies die Verantwortlichen im Griff haben. Auch die Frage nach der kartellrechtlichen Legitimität ist berechtigt. Für die Beurteilung ist nicht nur die konkrete Ausgestaltung des gemeinsamen Logins entscheidend, sondern auch, wie die Wettbewerbskommission (Weko) die Märkte definiert. Die Praxis der Weko geht von eher eng definierten Märkten aus, wie die Beurteilungen im Medienbereich etwa bei der Übernahme von Goldbach oder der ‹Basler Zeitung› durch Tamedia zeigten. Dies führt zu tendenziell höheren Marktanteilen.»

«Beim gemeinsamen Login gibt es auf den ersten Blick und in einer Anfangsphase kein kartellrechtliches Problem – vor allem solange die Registration keine Pflicht ist, sondern auf Freiwilligkeit beruht. Später, sollte die Registration für alle Nutzer zur Pflicht werden, könnten sich kartellrechtliche Probleme ergeben, falls eine in einzelnen Märkten stark gewordene Login-Allianz Mitbewerber – wie etwa ‹Watson› oder ‹Nau› – ausschliesst.»

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5. Wie geht es nun weiter?

Laut Rademacher liegt der Fokus momentan auf der ersten Phase mit der freiwilligen Registrierung, die ab Spätherbst beginnt. Die Aufforderung zur Registrierung könne weggeklickt werden. Frei zugängliche Inhalte seien auch dann frei zugänglich. In einer zweiten Phase soll die Registrierung Pflicht werden, das könnte «bereits in einem Jahr» der Fall sein, wie die NZZ schrieb.

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Rademacher nennt gegenüber persoenlich.com folgenden Zeitplan: «CH Media, NZZ, Ringier und Tamedia beginnen diesen Spätherbst. Die SRG folgt 2020 mit dem freiwilligen Login.»

Die Login-Allianz sieht darüber hinaus Aufklärungsarbeit als wichtige Aufgabe. Folgende Botschaft will sie transportieren: «Die Nutzer sollen verstehen, dass journalistische Angebote von Schweizer Medienunternehmen in der digitalen Welt nur dann eine Zukunft haben, wenn sie solide finanziert sind - und damit wettbewerbsfähig gegenüber den grossen US-Plattformen. Hierfür sind Logins zentral.»

 

 

 

 

 

 



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