«Ein herzhaftes ‹Viva› auf die Zukunft»

Bernard Maissen - Der Bakom-Direktor tritt Ende März in den Ruhestand. Im Abschiedsgespräch blickt Bernard Maissen auf seine Zeit als SDA-Chefredaktor und Direktor des Bundesamts für Kommunikation zurück – und erzählt, was ihn am ersten Tag als Pensionär erwartet.

von Christian Beck

Bernard Maissen, in ein paar Tagen werden Sie offiziell pensioniert. Was überwiegt: Freude oder Wehmut?
Natürlich überwiegt die Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt, der hoffentlich wie die bisherigen viele spannende Herausforderungen und interessante Erfahrungen bringen wird. Aber Wehmut erfasst mich auch. Es war eine tolle Aufgabe und ich werde all die Menschen vermissen, mit denen ich zusammenarbeiten und denen ich begegnen durfte.

Als Sie 2020 als Bakom-Direktor vorgestellt wurden, begrüssten Sie das Publikum auf Rätoromanisch – und mussten dann auf Deutsch wechseln, «für die wenigen, die das nicht verstanden haben». Ist das auch ein Bild für Ihre ganze Amtszeit: ein Bündner, der sich in Bern immer ein bisschen übersetzen musste?
Das Bakom reguliert die elektronischen Medien und den Telekommunikationsbereich. Das tun wir als Verwaltungseinheit zwischen Politik und Anspruchsgruppen. Dabei muss man immer wieder Übersetzungsarbeit leisten, damit die beiden Seiten sich verstehen und für die unterschiedlichen Sichtweisen Verständnis haben. Ab und zu muss man auch Deutsch und deutlich sprechen. Romanisch reicht da nicht.

Sie haben auch gesagt: «Als direktdemokratisches Land dürfen wir uns keine Medienwüsten erlauben.» Wo stehen wir heute?
Wir haben glücklicherweise in der Schweiz noch keine Medienwüsten. Aber der wirtschaftliche Druck auf die Medien ist unverändert gross. Das führt dazu, dass insbesondere überregionale, nationale und internationale Themen für viele Medientitel und auch elektronische Medien zentral hergestellt werden. Für die Qualität muss das nicht schlecht sein, aber die Vielfalt leidet.

Was haben Sie unterschätzt, als Sie das Amt antraten?
Wie fremdbestimmt die Agenda ist.

Was war das schwierigste Gespräch Ihrer Amtszeit?
Das mit dem Redaktor von persoenlich.com. Nein, ernsthaft: Wenn man offen und gut vorbereitet in ein Gespräch steigt, kann man aus jedem Gespräch etwas lernen und findet meist auch – allenfalls in einem zweiten Anlauf – eine Lösung.

Und was war Ihr schönster Moment als Bakom-Direktor?
Es gab unzählige sehr schöne und einmalige Momente. Beeindruckt bin ich immer noch, wie wir den Medien während Corona rasch, unkompliziert und effizient helfen konnten. Diese Leistung wurde weit herum anerkannt.

Die Verleger klagen seit Jahren über sinkende Werbeeinnahmen, Stellenabbau, Titelsterben. Hat der Staat genug getan – oder ist das schlicht nicht sein Job?
Der Staat hat versucht, mit dem Massnahmenpaket zugunsten der Medien mehr zu tun, insbesondere für die Verleger. Das Paket ist bekanntlich an der Urne gescheitert. So bleiben die aktuellen Möglichkeiten gemäss Verfassung und Gesetz. Und da tun wir viel und werden mit dem revidierten Radio- und Fernsehgesetz mehr Geld für indirekte Fördermassnahmen zur Verfügung haben.

«Was mich erstaunt hat, ist, wie wankelmütig gewisse Radioanbieter waren»

Roger Schawinski hat die UKW-Abschaltung jahrelang bekämpft – unter anderem mit einer Petition und öffentlicher Kritik auch an Sie gerichtet. Wie haben Sie diesen Konflikt erlebt?
Das nehme ich gelassen und nicht persönlich. Wir haben nur die Forderung der Radios nach mehr Frequenzen und mehr Programmen umgesetzt. Was mich erstaunt hat, ist, wie wankelmütig gewisse Radioanbieter waren. Der Glaubwürdigkeit der Branche hat das ganze Hin und Her sicher geschadet.

Die Abschaltung wurde mehrfach verschoben. War das ein politisches Nachgeben oder schlicht Realismus?
Die Abschaltung war ursprünglich spätestens Ende 2024 vorgesehen. Diesen Termin hat man einmal verschoben. Jetzt hat das Parlament dieses Vorgehen übersteuert, und wir setzen das um. Medienpolitisch spielt UKW aber keine Rolle mehr. Wer via UKW verbreiten will, tut dies freiwillig. Vorgeschrieben ist DAB+ und die Nutzerzahlen sprechen für die digitale Nutzung.

Die Halbierungsinitiative wurde mit 62 Prozent abgelehnt. Hätten Sie an ein so deutliches Resultat gedacht?
Nein, auch wenn im Laufe der Abstimmungskampagne klar wurde, dass es ein Nein gibt. Die Deutlichkeit spricht für die Leistung der SRG und für das Gegenkonzept des Bundesrates. Die Kombination hat wohl zu dieser deutlichen Ablehnung geführt.

Die neue SRG-Konzession wird erst nach 2026 erarbeitet. Bedauern Sie, dass dieses Dossier nicht mehr in Ihrer Amtszeit abgeschlossen wird?
Nein, es gibt immer Dossiers, die man nicht abschliessen kann. Das Ergebnis der Halbierungsinitiative und die Grundsatzentscheide des Bundesrates zur Konzession sind bekannt. Das ist eine gute Basis für die Erarbeitung der neuen Konzession.

Ihre Nachfolgerin Gianna Luzio kommt nicht aus der Medienbranche. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?
Gianna Luzio bringt viele andere Erfahrungen und Kenntnisse mit, die ich nicht hatte, und kann auf ein stabiles Amt bauen. Sie ist offen und zugänglich, wie wir Romanen sind, und wird auch mit der Medienbranche einen guten Weg der Zusammenarbeit finden.

Was ist die grösste Herausforderung, die Sie ihr hinterlassen?
Da gibt es mehrere. Die SRG-Konzession haben Sie bereits genannt. Dann das Gesetz über die Kommunikationsplattformen, das Breitbandfördergesetz und die Revisionen des Fernmeldegesetzes für mehr Sicherheit und Stabilität in den Netzen. Hinzu kommt der AI Summit, den die Schweiz im Sommer 2027 organisiert und für den das Bakom im Lead ist. Langweilig wird es Gianna Luzio vermutlich nicht.

«Das war eine sehr schwierige Zeit voll Unsicherheit»

Sie waren langjähriger SDA-Chefredaktor. Vermissen Sie den Journalismus – oder haben Sie ihn im Bakom nie wirklich hinter sich gelassen?
Nein, als Bakom-Direktor hatte ich eine andere Rolle. Ich habe dank meiner Erfahrung in den Medien vielleicht gewisse Anliegen der Branche etwas besser verstanden.

Bei der SDA haben Sie die Fusion mit Keystone mitgestaltet, mussten das neue Unternehmen aber verlassen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Das war eine sehr schwierige Zeit voll Unsicherheit. Aber ich hatte Glück, hat Bundesrätin Doris Leuthard mich dann zum Vizedirektor des Bakom ernannt. So hat sich eine neue Türe geöffnet. Die Zeit in der Bundesverwaltung war extrem spannend, interessant und bereichernd.

Was war Ihre Vision für das fusionierte Unternehmen?
Ach, das ist schon lange her. Schon als ich 2006 als Chefredaktor bei der damaligen sda begonnen habe, war für mich klar, dass die Agentur als reine Textagentur nicht überleben kann. Deshalb habe ich die Zusammenarbeit und die Übernahme von Keystone stets vorangetrieben. Es hat lange gedauert, aber heute ist die Agentur multimedial aufgestellt. Damit kann sie multimediale Inhalte anbieten und der Entwicklung der Medien Rechnung tragen.

Während Ihrer Zeit als Chefredaktor hat die SDA auch für negative Schlagzeilen wegen ihrer Rolle in der Schliessung des Konkurrenten AP in der Schweiz gesorgt. Die SDA hatte eine Busse von 1,88 Millionen Franken der Weko erhalten. Würden Sie heute anders handeln?
Das ist noch länger her, nämlich über 16 Jahre. Die Busse der Weko, die die SDA ohne Schuldeingeständnis akzeptiert hat, hatte nichts mit der Schliessung von AP zu tun, sondern mit Rabatten, die die Agentur den Kunden und Besitzern gewährt hat. Es hat sich damals aber gezeigt, dass die Schweiz einfach zu klein für zwei Nachrichtenagenturen war.

Blicken wir also wieder nach vorn, in die nahe Zukunft: Was machen Sie am 1. April – dem ersten Tag als Pensionär?
Wenn das Wetter mitmacht, vermutlich in Arosa Ski fahren.

Sie mögen Gin Tonic. Worauf stossen Sie an?
Ein herzhaftes «Viva» auf die Zukunft und das Leben.