1. Die Nische Wirtschafts- und Finanzinformation funktioniert.
Hochwertige, exklusive und einordnende Nachrichten aus Wirtschaft und wirtschaftsrelevanter Politik werden gekauft. Die Online-Angebote des "Wall Street Journal" oder der "Financial Times" werden gekauft. Die FT hatte 2009 laut "Marketingweek" 121'000 zahlende Online-Abonnenten. Rein rechnerisch bedeutet das aufgrund des Basismodels von 3,59 Euro pro Woche Einkünfte von rund 22,5 Millionen Euro pro Jahr. Geschäftszahlen zum WSJ sind nicht erhältlich. Der "Spiegel" aber berichtet im Zusammenhang mit dem WSJ von "72 Millionen Euro Online-Aboeinnahmen".
Was macht den Erfolg der Wirtschaftstitel aus? Erstens bietet die Wirtschaftszeitung jeden Tag viele exklusive geldwerte Informationen. Zweitens werden die meisten Abonnements von Firmen bezahlt, und drittens muss sich ein hoch bezahlter Angestellter nicht wie andere Kunden selbst um die Formalien kümmern. Das erledigt sein Sekretariat.
2. Die Nische Verbraucherinformation funktioniert
Die Stiftung Warentest (www.test.de) verkauft ihre Berichte seit dem Jahr 2000 übers Internet. Artikel und PDFs können via Einzelabruf (ab 50 Cents) gekauft werden. Weiter gibt es unter anderem eine Test.de-Flatrate für 7 Euro pro Monat. Das Electronic-Commerce-Center Handel (ECC Handel) der Uni Köln schreibt über Test.de: "Mittlerweile ist der Einsatz des Bezahldienstes recht erfolgreich: Monatlich 50000 bis 70000 zahlende Kunden bescheren einen zusätzlichen Umsatz von rund 100000 Euro - Tendenz steigend. Ein wichtiger Faktor dabei ist das große Vertrauen, das die Kunden in die Marke setzten, ausserdem ist das umfangreiche Angebot fast konkurrenzlos."
Andreas Gebauer, Chefredaktor test.de, schrieb im Juni 2010: "Die aktuelle Zahl der Flatrates beträgt gut 26000 Stück." 26'000 Personen bezahlen also pro Monat 7 Euro. Das ergibt nur für dieses Angebot ein Jahreserlös von 2,184 Millionen Euro. Dies in einem Markt, der im Vergleich mit demjenigen der Deutschschweiz fast 20 Mal grösser ist.
3. Was funktioniert sonst noch?
Die Antwort: Nichts, das bekannt ist. Das ist die Realität im Markt. Hier sind funktionierende Modelle gemeint, nicht Versuche, die noch kein Jahr alt sind. Man muss sicher weiter Murdochs Paywall bei der "Times" und "Sunday Times" beobachten. Laut dem "Guardian" hat die "Times" einen Einbruch bei der Online-Leserschaft um 90 Prozent von 1,2 Millionen Leser im Monat auf rund 195'000 erlitten. Darunter seien viele User, die sich während einer Frist im Frühling gratis registrieren konnten. Schliesslich würden noch 15'000 Leser zahlen. Es bleiben 15'000 Leser von vorgängig 1,2 Millionen. Hier stellt sich folgende Frage: Geht hier nicht die Relevanz des Mediums verloren? Auch wenn eventuell eine Summe Geld zustande kommt, die die Kosten deckt?
Weiter zu beachten ist im nächsten Frühjahr der «Metered Access»-Versuch der «New York Times». Schön auch der deutsche Begriff dafür: "Bezahlgitter". Die NYT will einen Prozentsatz ihrer loyalsten Leser zu zahlenden Konsumenten umformen/auffangen. Der Herausgeber des deutschen Medienblogs Carta.info, Robin Meyer-Lucht, schreibt dazu: "Es geht bei diesem Paid-Content-Experiment um nichts weniger als um die Frage, ob die Online-Welt diese Times noch braucht und bezahlen will. Die Auswirkungen dieses Schlüsselmoments in der Geschichte des US-Journalismus auf die deutschen Verlage werden wohl erheblich sein." Details zum Paid-Plan der NYT wurden bisher keine veröffentlicht.
Hier ist für den Schweizer Markt anzufügen: Die "New York Times" verfügt über ein globales Publikum und wird auch von Lehrern in Auckland, von Ökonomen in Amsterdam und von Wissenschaftlern in Buenos Aires gelesen. Da könnte ein Online-Kundenstamm entstehen, der ins seiner Grösse Paid Content bei diesem Titel interessant macht. Schweizer Titel verfügen nicht über dieses Potential, auch wenn Auslandschweizer fleissige Klicker auf unseren Portalen sind.
4. Skepsis beim iPad
Die Euphorie, die beim Start des iPad ausbrach, war bemerkenswert. Springer-Chef Mathias Döpfner liess sich im US-Fernsehen im Interview mit Talkshow-Urgestein Charlie Rose zu folgenden Statement hinreissen: "Jeder Verleger auf der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen und Steve Jobs danken, dass er die Verlagsindustrie rettet."
Was bringt das iPad aber wirklich? Hier ist es für finale Aussagen zu früh. Mit Bestimmtheit muss man die Entwicklung der Tablets genau beobachten und die Verlage müssen experimentieren. Der Autor selber ist hier skeptisch. Vielleicht werden sich iPad und/oder Konkurrenzmodelle gar nicht durchsetzen. Laut neusten Zahlen wurden in der Schweiz bisher 60'000 iPads verkauft. Und wenn es das nun war? Und wer hat Lust auf dieses grosse Gerät, das den Laptop nicht ersetzt?
Steve Jobs wäre nach Meinung des Autors zu danken wenn auch nicht täglich, wenn er ein etwas grösseres iPhone konstruieren würde. Zu den Apps noch kurz: Vielleicht kommt man zum Schluss, dass Online-Auftritte in einem Browserfenster doch attraktiver sind. Interessante Lektüre dazu auf Tagesanzeiger.ch: "Apps haben langfristig keine Chance."
Am vergangenen Freitag lief eine interessante SDA-Meldung über den Ticker: "Die iPad-Anwendung des deutschen Nachrichtenmagazins Spiegel verkaufte sich bislang rund 15'000 Mal die Woche, wie Katharina Borchert, Geschäftsführerin von 'Spiegel Online', am Freitag bei den Münchner Medientagen sagte. Damit sei die digitale Ausgabe des Heftes auf dem Tablet-Computer von Apple bereits im ersten Jahr rentabel."
Ist jetzt die Verlagsindustrie wirklich gerettet?
Laut IVW hat der "Spiegel" derzeit eine verkaufte Print-Auflage von 984876 Exemplaren. Daneben stehen nun die 15'000 verkauften iPad-Exemplare. Sind das nicht vor allem euphorische Early Adopters? Wird eine Masse nachfolgen? Wie viele bleiben noch, wenn man diese Zahl auf einen Titel im massiv kleineren Schweizer Markt umrechnet? Hinzu kommt, dass die Produktion einer iPad-Version, wenn sie spannend und multimedial und nicht nur ein leicht aufgewertetes ePaper sein soll, sehr teuer ist. Das braucht Multimedia-Produzenten, VJs, Programmierer, Grafiker.
5. Das viel gepriesene Freemium-Modell
Das Wort "Freemium" (Mischung aus Free- und Premium-Content) kann man eigentlich schon gar nicht mehr hören. Trotzdem würde der Autor einem Schweizer Verleger einer gut besuchten Nachrichten-Website empfehlen, hier die Priorität zu setzen und in diese Richtung zu experimentieren. Zwei Säulen hat dieses Modell:
Säule 1: Das aktuelle Grundangebot an Inhalten bleibt kostenlos. Warum dieses kostenlose Angebot? Die Kultur des Internets ist eine offene, eine verlinkte. Eine Paywall ist die Antithese dazu. Auf der offenen News-Site verdient man mit Werbung dank Reichweite Geld. Säule 2: Aufgepropft werden auf die kostenlosen Inhalte dann aber exklusive, geldwerte Informationen, hochattraktiv konfektioniert in einer eigenen App oder einem separaten Channel der Website, die etwas kosten. Übersichtlich, sauber, hilfreich, wertvoll, einzigartig, vielleicht noch eine Nuance unterhaltend auf hohem Niveau (Beispiel: Edelfeder als Kolumnist).
Warum dieses kostenpflichtige Premium-Angebot?
Dazu die Aussage von "Free"-Autor Anderson: "An einem bestimmten Tag in Ihrem Leben wachen Sie auf und stellen fest, dass Sie mehr Geld haben als Zeit. Es ist also an der Zeit, gewisse Dinge zu ändern. Laufen Sie nicht mehr meilenweit, um den nächsten Geldautomaten zu finden, an dem Sie kostenlos Geld abheben können. Schluss damit, stundenlang quer durch die Stadt zu fahren, nur um an der billigsten Tankstelle tanken zu können." Kostenlos sei der richtige Preis für Menschen, die über viel Zeit und wenig Geld verfügen. "Doch je älter man wird, umso eher dreht sich diese Gleichung um, und Kosten von 0,99 US-Dollar mal hier und mal dort sind nun wirklich keine grosse Sache. Und schon ist man zum zahlenden Anwenden mutiert, zum Premium-Nutzer in der Freemium-Welt."
PS: Der Autor wettet, dass dieses Freemium-Modell, wenn überhaupt, vor allem mit einem ganz speziellen Special-Interest-Content zum Fliegen kommt: mit Wirtschafts- und Finanzinformationen. Warum? Dazu zum Schluss dieses Textes einen Verweis auf den Anfang.
Text: Samuel Reber, Blattmacher beim Newsnetz
Zum Text:
Diese Thesen sind Teil der Masterarbeit "Paid Content wer soll das bezahlen?", verfasst von Samuel Reber im Sommer 2010 als Abschlussarbeit des Studiengangs "New Media Journalism" bei Professor Michael Haller an der Leipzig School of Media. Im Fokus standen journalistische Leistungen wie Artikel, Kommentare, Hintergründe, Dossier, Videoreportagen, Bildstrecken, User Generated Content und viele Formen mehr der laufenden Online-Berichterstattung über Politik, Wirtschaft, Lokales, Sport, Kultur und Vermischtes. Musik, Spiele, Filme oder Erotikinhalte wurden nicht untersucht.
Für Ausführungen und zusätzliche Informationen kann Samuel Reber über diese Email-Adresse kontaktiert werden: samuel.reber@tages-anzeiger.ch .

