26.01.2019

Fall Relotius

Erklärungsversuch der Reporterpreis-Jury

Eine gefälschte Reportage von Claas Relotius ist ausgezeichnet worden. Nun haben sich die elf Juroren selber hinterfragt. «Wir schämen uns, dass wir diesem Betrüger auf den Leim gegangen sind», heisst es in einer ausführlichen Erklärung.

Am 3. Dezember 2018 ist Claas Relotius bereits zum vierten Mal mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet worden, diesmal für seinen Text «Ein Kinderspiel». Am 19. Dezember machte der «Spiegel» einen massiven Betrugsfall im eigenen Haus öffentlich: Relotius hatte in grossem Stil Storys erfunden oder Fakten verzerrt (persoenlich.com berichtete). Tags darauf gab Relotius seine insgesamt vier Reporterpreise zurück.

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Die Jury, die sich für die Reportage «Ein Kinderspiel» ausgesprochen hatte, veröffentlichte am Samstagabend eine ausführliche Begründung. Diese sei «genauso vielstimmig, wie sie auch im Dezember argumentiert haben, als sie Claas Relotius die Auszeichnung für die ‹Beste Reportage› zuerkannten», heisst es auf der Webseite des Reporter-Forums. Zusammenfassend könne aber gesagt werden: «Wir sind erschüttert, wir sind enttäuscht, wir sind wütend und, ja, wir schämen uns, dass wir diesem Betrüger auf den Leim gegangen sind.»

Knapper Entscheid

Der Reportagen-Jury gehörten zehn Journalistinnen und Journalisten sowie ein TV-Produzent an. Unter den 15 nominierten Texten waren zwei von Claas Relotius. Nach zweistündiger Debatte habe sich «Ein Kinderspiel» knapp gegen eine Reportage von «Stern»-Autor Jan-Christoph Wiechmann durchgesetzt, heisst es in der ausführlichen Erklärung, in der sich alle elf beteiligten Juroren zu verschiedenen Fragen äussern.

Auf die Frage, welche Argumente für und welche gegen «Ein Kinderspiel» gesprochen hätten, antwortete Cigdem Akyol, freie Journalistin aus Zürich: «Bei der Geschichte von Claas Relotius gab es Bedenken in unserer Runde – auf mich aber wirkte die arabisch-deutsche Übersetzung sauber, die Reportage war packend.» Im Nachhinein, mit dem heutigen Wissen: Gibt es etwas, dass die Jury übersehen hat? «Die Aufgabe einer Jury kann es nicht sein, Fakten zu überprüfen. Das muss in den Redaktionen geleistet werden. Und dennoch, im Nachhinein stellen sich viele Fragen, die der Text nicht beantwortet», antwortete etwa Ines Pohl, Chefredakteurin Deutsche Welle.

Was sich künftig bei der Vergabe des Deutschen Reporterpreises ändern müsse, soll an einem Reporterworkshop im April diskutiert werden.

28 Texte überprüft

Mittlerweile hat der «Spiegel» 28 der 59 Texte überprüft, die Relotius im Laufe der Jahre im Magazin und bei «Spiegel Online» untergebracht hat – darunter auch «Ein Kinderspiel». Das Fazit: Mindestens 15 der geprüften 28 Artikel seien massiv gefälscht oder manipuliert, nur sieben seien nicht zu beanstanden.

Auch die «Weltwoche» informierte in der aktuellen Ausgabe über den Stand der Ermittlungen. Laut diesem Zwischenstand konnten in acht Fällen die Interviewten respektive ihre Agenten bestätigen, dass die Gespräche mit Relotius geführt worden waren. In zwei Fällen sei es gelungen, auch den Inhalt des gedruckten Gesprächs als korrekt bestätigen zu lassen. (cbe)

 



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