05.08.2015

Credit Suisse

"Es gibt wenig Vorbilder für junge Frauen, die Karriere machen wollen"

SRF startete am Freitagabend eine neue Dok-Serie über Schweizer Expats in New York. Im Vorfeld hat persoenlich.com eine der Porträtierten in Zürich getroffen: Christina Gross, leitende Anwältin bei der Credit Suisse. Im Gespräch erläutert sie, warum sie sich als Topkader-Frau für eine TV-Doku einspannen lässt und wo die Arbeitgeberfirma Einfluss nimmt.
Credit Suisse: "Es gibt wenig Vorbilder für junge Frauen, die Karriere machen wollen"

Frau Gross, den SRF-Dok-Film über Expats in New York: Haben Sie ihn gesehen?
Christina Gross: Ja, ich habe den Film angeschaut. Es ist sehr interessant zu sehen, welche Teile im Film tatsächlich verwendet wurden und wie aus all dem Filmmaterial eine schöne Story entstanden ist. Das Filmteam hat mich etwa fünf bis sechs Tage lang begleitet und mir unzählige Fragen gestellt, teilweise auch nicht ganz einfache.

Mussten Sie den Film freigegeben?
Nein, nicht ich persönlich. Aber von meiner Arbeitgeberfirma, der Credit Suisse, natürlich schon. Ich selber habe selbstverständlich keine vertraulichen Information besprochen oder gezeigt. Weil wir aber auch an meinem Arbeitsplatz und im Gebäude der Credit Suisse gefilmt haben, mussten wir sicherstellen, dass zum Beispiel nicht versehentlich vertrauliche Informationen gefilmt wurden - wie etwa sensitive Bildschirminhalte.

Bei den Aufnahmen in der CS war immer jemand von der Pressestelle dabei. Ändert sich die Gesprächsatmosphäre deswegen?
Gar nicht. Im Gegenteil, ich finde das hilfreich. Die Pressestelle hat mich während den Aufnahmen im Hintergrund beraten.

Wie kam der Film zu Stande?
SRF kam auf mich zu und ich klärte dann bei der Credit Suisse ab, inwiefern dies möglich wäre.

Der Film ist sozusagen eine Homestory und hat einige ziemlich boulevardeske Elemente. Warum entschieden Sie sich, mitzumachen?
Boulevardesk? Das hoffe ich nicht! (lacht). Bei einem Reality-TV-Format hätte ich nicht mitgemacht. Doch weil die Anfrage von SRF und Spiegel TV kam, wusste ich, dass dies eine qualitativ hochstehende Produktion werden würde. Zudem glaube ich, dass es zu wenig Vorbilder und Inspirationsmöglichkeiten für junge Frauen gibt, die Karriere machen wollen. Vielleicht kann meine Geschichte einen Weg aufzeigen, wie man Karriere machen und diese auch mit Familie vereinbaren kann. Daneben erhalten mein Mann, meine Tochter und ich durch den Film eine schöne Erinnerung.

Warum können Sie Kind und Karriere gut vereinbaren?
In meinem Job sind 100 Prozent und oft mehr gefragt und ich kann meine Aufgabe nicht bei reduziertem Pensum wahrnehmen. Das ist sicher nicht einfach. Daher braucht es den Willen, beides machen zu wollen. Zudem ist gute Koordination wichtig und ein Partner, auf den man sich stets verlassen kann. Mein Mann Greg und ich sind ebenbürtig in unserer Beziehung, sowohl was das geschäftliche angeht wie auch mit unserer Tochter. Wir helfen uns gegenseitig. Wenn ich ihn nicht hätte, wäre alles viel schwieriger. Zudem haben wir eine tolle Nanny, auf die ich mich zu hundert Prozent verlassen kann.

Frau Gross, wie nehmen Sie als Angestellte der CS das Image der Bank in New York wahr im Vergleich mit Zürich? Erhalten Sie von Ihrem Umfeld andere Reaktionen auf Ihren Arbeitgeber je nachdem, ob Sie sich in der Schweiz oder den USA aufhalten?
Als ich nach dem Studium ins Berufsleben eingestiegen bin, war die Bankenbranche etwas vom Prestigeträchtigsten überhaupt. Das Image der Finanzbranche insgesamt hat über die letzten Jahre sicherlich gelitten und ist nicht mehr das gleiche wie früher. Regionale Unterschiede stelle ich dabei nicht fest. Die Banken haben seit der Finanzkrise sehr viel unternommen und das Finanzsystem ist heute sicherer und stabiler.

Sie arbeiten eng mit dem Top-Management zusammen. Was ändert sich mit dem neuen CS-Chef Tidjane Thiam?
Ich hatte schon mit seinem Vorgänger Brady Dougan viel Kontakt. Mittlerweile konnte ich Herrn Thiam auch schon persönlich kennen lernen. Welche Veränderungen auf uns zu kommen, können wir jetzt noch nicht abschätzen.

Ihre Funktion ist "Head of Public Disclosure". Welche Berufsbezeichnung geben Sie an, wenn Sie ein Visum beantragen oder die Steuererklärung ausfüllen wollen?
Dann schreibe ich einfach "Lawyer". (lacht)

Nochmals eine Frage zum Film: Wo waren Ihre persönlichen Grenzen? Wo drängten Sie die Filmemacher allenfalls in eine Rolle/Richtung, in der Sie sich nicht sehen wollten?
Die Zusammenarbeit mit dem Filmteam war sehr angenehmem und alle Beteiligten waren sehr zuvorkommend und haben mich unterstützt. Es kann keine Rede davon sein, dass ich in eine Rolle gedrängt wurde, in der ich mich unwohl gefühlt hätte. Es war insgesamt eine sehr interessante und lehrreiche Erfahrung.


Die Dok-Serie "Abenteur New York - Schweizer im Big Apple" startete am Freitagabend. Die erste von drei Folgen wird um 21 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt. Die Serie zeigt die Geschichten von fünf Schweizern, die in der legendären Stadt ihr Glück suchen.

In der ersten Folge dreht sich bei Christina alles um die bevorstehende Taufe von Tochter Lena. Aber wo bekommt man in der Millionenmetropole die richtige Torte? Taufkleid und Schuhe fehlen auch noch. Gar nicht so einfach, doch die argentinische Patentante Susanna hat die Lösung. Designer Patrick ist im Stress. Er darf auf der renommiertesten Möbeldesign-Messe New Yorks in diesem Jahr die Presse-Lounge gestalten. Und während Uhrmacher und Hobbypilot Harri am Wochenende sprichwörtlich abhebt, will Daniela mit ihrer Schweizer Bratwurst den Big Apple erobern. Auch Fashionstylistin Anna hat eine neue Geschäftsidee. Sie will eine eigene Mode-Linie entwerfen.

Christina Gross arbeitet seit mehreren Jahren bei der Credit Suisse. Die Juristin aus Zürich besitzt zwei Anwaltspatente: Eines für Zürich und eines für New York. In ihrer Funktion als "Head of Public Disclosure" ist sie unter anderem für die rechtlichen Aspekte der Geschäftsberichterstattung der Grossbank verantwortlich. Nach 25 Jahren als Geschäftsfrau ist Gross 2014 Mutter geworden. (pd/eh)

 


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